Zeitreisen
Time Present – Photography from the Deutsche Bank Collection

AKTUELL GESCHLOSSEN - Anlässlich des 40-jährigen Bestehens der Sammlung Deutsche Bank zeigt das PalaisPopulaire in Berlin mit „Time Present“ die bislang größte Präsentation internationaler Fotokunst aus der Sammlung. Die Ausstellung dokumentiert dabei, wie Künstler*innen das Verhältnis von Zeit und Fotografie reflektieren.
Die weiß strahlende Leinwand eines kalifornischen Autokinos, dahinter Palmen, am nächtlichen Himmel die Kondensstreifen eines Flugzeugs. Auf Hiroshi Sugimotos Fotografie Rosecrans Drive-In, Paramount (1993) wirkt die Welt merkwürdig menschenleer und still, als hätte man die Traummaschine Hollywood für einen Moment angehalten und eingefroren. Tatsächlich ist das auch ein bisschen so: Die riesige, weiße Leinwand scheint leer. Doch das Gegenteil ist der Fall. Der japanische Fotokünstler hält hier in einer einzigen Aufnahme die 170.000 Einzelbilder des gesamten Films fest, der durch den Projektor des Autokinos läuft. Durch die lange Belichtungszeit verschwinden die einzelnen Filmbilder und sind auf der Fotografie nur als reines, weißes Licht sichtbar.

Sugimotos Bild ist eine Meditation über das Verhältnis von Fotografie und Zeit. Aber auch über unseren Wunsch, unsere Erinnerungen festzuhalten, uns der Vergänglichkeit zu widersetzten. Nicht nur, dass Autokinos in den USA bereits fast ausgestorben sind, als er eine ganze Serie über sie schießt. Sugimoto demonstriert, dass unsere Vorstellungen von Zeit, von Vergangenheit und Zukunft völlig subjektiv sind. Der Moment ist vergangen, aber in der Fotografie finden wir einen Beweis für seine Existenz. Doch der abfotografierte Film auf der Leinwand erzählt eine andere Geschichte – dass die fotografische Zeit nicht mit der menschlichen Wahrnehmung übereinstimmt, sondern sie eher zugleich faktisch und philosophisch reflektiert.

Genau diese Erfahrung, das Bewusstmachen des Augenblicks und des gleichzeitigen Flusses der Zeit, steht im Mittelpunkt der Ausstellung Time Present. Nach dem Medium Papier widmet sich nun die zweite Präsentation aus der Sammlung Deutsche Bank im PalaisPopulaire der Fotografie. Die Schau demonstriert, wie sich Künstler*innen seit den 1970er-Jahren dem Thema „Zeit“ gewidmet haben und wie sich die Fotografie in Verbindung mit Performance, Film, Konzeptkunst, Medientheorie und Politik als künstlerisches Medium erweitert hat. Sie markiert zugleich das 40-jährige Bestehen der Unternehmenssammlung, das mit dem 150-jährigen Jubiläum der Deutschen Bank zusammenfällt. Bis heute sind über 5.000 Werke gesammelt worden, die nahezu alle Techniken, Formate und Themen zeitgenössischer Fotografie einschließen. Mit über 60 Werken von prominenten Künstler*innen wie Bernd und Hilla Becher, Andreas Gursky, Candida Höfer, Sigmar Polke, Gerhard Richter oder Hiroshi Sugimoto sowie Vertretern der internationalen Gegenwartskunst wie Kader Attia, Yto Barrada, Mohamed Camara oder Amalia Ulman gibt Time Present Einblicke in über vier Jahrzehnte Sammlungsgeschichte.

Zugleich ist dies der bislang umfassendste Überblick von internationaler Fotografie aus der Sammlung Deutsche Bank. Das Spektrum von Time Present reicht dabei von „Klassikern“ der Düsseldorfer Schule, die bereits in den 1980er- und frühen 1990er-Jahren gesammelt wurden, bis hin zu der heutigen globalen Ausrichtung der Sammlung mit den Schwerpunkten Großbritannien, Italien, USA, Japan, China sowie vielen afrikanischen Ländern. Einen wichtigen Aspekt der Ausstellung bildet der kritische Blick von nicht-europäischen Künstler*innen auf den westlich dominierten Kunstkanon.

Die Ausstellung gliedert sich in vier Kapitel: Das erste, Time Exposed, ist nach dem mehrdeutigen Begriff benannt, den der japanische Künstler Hiroshi Sugimoto im Hinblick auf sein Werk benutzt. „Exposed“, das kann auf die lange Dauer der Belichtung hinweisen, aber auch auf die Zeit, die sichtbar gemacht wird. Hier vertreten sind die „Lichtmalereien“, mit denen der japanischen Fotograf Tokihiro Sato seinen Landschafsaufnahmen eine geheimnisvolle Aura verleiht, und die alchemistischen Fotoexperimente von Sigmar Polke und der Britin Susan Derges, die riesige Fotobögen bei Mondlicht in Flüssen belichtet.

Fotografie als „Spur des Wirklichen“, als Medium, das persönliche und kollektive Geschichte lesbar macht, ist das Thema von Today Is the Past. Es geht um Spurensicherung, darum, soziale und politische Wirklichkeiten abzubilden, die fragil, bedroht oder marginalisiert sind. Das Spektrum reicht hier von Bernd und Hilla Bechers streng analytischen Industriearchitekturaufnahmen bis hin zu Formen des Porträts, die auf ganz unterschiedliche Weise von Präsenz und Abwesenheit, von Erinnerung und dem Verlust kultureller Identität sprechen, wie etwa die Arbeiten von Yto Barrada, Mohamed Camara oder Adrian Paci.

In A Moment of Intense Concentration geht es um das Phänomen, für das der berühmte französische Fotograf Henri Cartier-Bresson den Begriff des „entscheidenden Augenblicks“ geprägt hat: Bilder sollen in diesem besonderen magischen Augenblick die Geschichte einer Ära, eines Lebens, der menschlichen Existenz erzählen – wie etwa das 2008 entstandene Bild der Magnum-Fotografin Zohra Bensemra. Ein Großteil der Arbeiten in dieser Sektion hinterfragt jedoch den objektiven Charakter der Fotografie und rückt Inszenierung und Manipulation in den Fokus – so etwa Andreas Gurskys digital überarbeitetes Bild der Börse in Singapur oder Zhu Jias filmische Inszenierung einer Urlaubsidylle auf einer Industriebrache in Peking.

My Future Is Not a Dream thematisiert Träume, Hoffnungen und Zukunftsängste junger Generationen, die unter den Vorzeichen von Digitalisierung und Globalisierung heranwachsen. Für ihr Projekt Whose Utopia? bat die chinesische Künstlerin Cao Fei 2006 Arbeiter*innen einer großen Glühbirnenfabrik im Pearl Delta, ihre Zukunftsvorstellungen als Performance in der Fabrikhalle darzustellen. Die so entstanden Fotografien muten poetisch und fantasievoll an. Doch zugleich reflektieren sie kritisch den sozialen und ökonomischen Wandlungsprozess des modernen Chinas und zeigen auch, wie stark die Rollenbilder sind, die die Zukunftsvisionen von jungen Menschen prägen.

Auch in der Arbeit von Samuel Fosso geht es um das Spiel mit kulturellen Vorbildern und Stereotypen. „In all meinen Arbeiten bin ich sowohl Darsteller als auch Regisseur“, erklärt er. „Ich leihe mir eine Identität aus.“ Seit Mitte der 1970er-Jahre setzt sich der Fotograf in seinem improvisierten Studio im zentralafrikanischen Bangui selbst in Szene. In seinen häufig ironisch gebrochenen Bildern verkörpert Fosso die unterschiedlichsten fiktiven und historischen Rollen. Ob er sich als schicker Golfspieler, Disco Kid, Malcolm X oder „Häuptling, der Afrika an die Kolonialisten verkauft hat“ inszeniert – der Fotograf benutzt die afrikanische Kulturgeschichte wie eine Requisitenkammer. In seinen Bildern verweist Fosso immer wieder auf kollektive Sehnsüchte und Idole, um dabei zugleich unsere Klischeebilder von Afrika infrage zu stellen. Wie so viele Künstlerinnen und Künstler in Time Present zeigt Fosso die Verletzungen, Brüche und Spuren der Zeit auf – nicht nur in den afrikanischen, kolonialisierten Ländern, sondern auch in der westlichen Kultur.

Und auch eine andere Revolution wird spürbar: In ihrem fiktiven Instagram-Tagebuch Excellences & Perfections (2015) setzt sich die argentinische Künstlerin Amalia Ulman als Botox-Superfrau und Influencerin in Szene. Die Arbeit von Ulman zeigt, wie sich die Fotografie durch digitale Technologien demokratisiert hat – aber auch, wie sehr die Manipulation und Distribution von Bildern unser tägliches Leben bestimmt. Im Laufe der vier Jahrzehnte, in denen Fotografie in der Sammlung Deutsche Bank gesammelt wurde, hat sich nicht nur das Medium radikal gewandelt, sondern mit ihm die globale Gesellschaft. Auch das dokumentiert Time Present.

Time Present
Photography from the Deutsche Bank Collection

21.03.2020 – 08.02.2021
PalaisPopulaire, Berlin