Ways of Seeing Abstraction:
Karla Knight, Spaceship Note (The Fantastic Universe), 2020

Abstraktion, darunter verstehen die meisten Menschen noch immer eine Konzentration auf die Form. Eine Kunstströmung, mit der ästhetische Ideen, Ordnungen, philosophische Ideen oder innere Gefühle zum Ausdruck gebracht werden können – die aber mit der alltäglichen Lebenswirklichkeit nicht viel zu tun hat. Doch gerade in von Krisen gekennzeichneten Zeiten werden auch von der Kunst Relevanz und Dringlichkeit erwartet, eine Aussage zu aktuellen gesellschaftlichen Themen. Künstlerisches Engagement vermittelt sich dabei heute nicht ausschließlich durch klare visuelle Botschaften und Inhalte – sondern immer mehr auch durch die Abstraktion. Gerade für jüngere Generationen ist die gegenstandslose Kunst das Mittel der Wahl, um Politik, Religion oder soziale Fragen zu thematisieren. Mit Werken aus der Sammlung Deutsche Bank unternimmt die Ausstellung „Ways of Seeing Abstraction“ im PalaisPopulaire eine durchaus subjektive Bestandsaufnahme der internationalen Abstraktion von der Nachkriegsmoderne bis in die jüngste Gegenwart – und dokumentiert die Vielfalt und Diskursivität, die sich hinter der Idee der gegenstandslosen, „reinen“ Form verbirgt. Anlässlich der Schau zeigen wir Ihnen in unserer Serie Arbeiten von Künstler*innen, die Abstraktion eigenwillig nutzen und auf neue Weise definieren.


Karla Knight, Spaceship Note (The Fantastic Universe), 2020
© Courtesy of Andrew Edlin Gallery, New York


Bereits in ihrer Kindheit war das Übersinnliche für Karla Knight allgegenwärtig – ihr Vater verfasste Bücher zu Themen der außersinnlichen Wahrnehmung wie Okkultismus oder UFOs. Doch noch ein weiterer familiärer Einfluss prägt die enigmatischen Bilder der amerikanischen Künstlerin: die Beobachtung, dass ihr kleiner Sohn bei seinen ersten Schreibversuchen eigene Buchstaben und Wörter erfand. Und so begann sie einen ganz eigenen Kunstkosmos zu erschaffen, der sich in seiner Konsequenz der „Outsider Art" annähert. Hier vermischt sie Referenzen an die abstrakte Moderne, an Dadaisten wie Max Ernst und die visionären Entwürfe des Architekten Richard Buckminster Fuller mit Science-Fiction, pseudowissenschaftlichen Diagrammen und fiktiven, altägyptisch anmutenden Schriftzeichen.

Ihr bevorzugtes Arbeitsmaterial ist Altpapier. Darauf organisiert Knight ihr visuelles Vokabular: Hieroglyphen, Symbole und reduzierte Formen ordnen sich zu Kompositionen, deren Logik letztlich undurchschaubar bleibt. Sie erinnern an Gebäudegrundrisse, Spielbretter oder Computer-Platinen, wirken zugleich vertraut und fremdartig. „Es geht nicht darum, das Werk oder die Sprache zu entziffern", sagt Knight über ihre Bilder. „Es geht darum, mit dem Unbekannten zu leben." Und so lässt sich ihr Werk vielleicht am besten intuitiv erfassen – als Portal in ein archaisch-futuristisches Paralleluniversum.