Die Software hinter der Verhüllung
Christo & Jeanne-Claude: Projects 1963–2020

Wie nur wenige andere Künstler haben Christo und Jeanne-Claude unsere Vorstellungen von Kunst im öffentlichen Raum geprägt. Doch vor ihren monumentalen Projekten liegen häufig Jahrzehnte der Vorarbeit. Eine Ausstellung im PalaisPopulaire zeigt, was hinter den spektakulären Verhüllungen steckt.
„Künstler verkaufen Werke, mit ihrem Geld können sie machen, was sie wollen“, sagt Jeanne-Claude bei einer Vorbesprechung zu The Gates zu einem New Yorker Bürokraten. Dann holt sie aus: „Mit unserem Geld erschaffen wir Projekte. Wenn Christo mir einen Diamantenring für vier Millionen Dollar kaufen würde, dann fänden Sie das ja auch völlig in Ordnung. Aber zufällig mag ich keine Diamanten. Ich hätte lieber The Gates, einen Running Fence oder einen Valley Curtain.“ Dies ist nur eine von vielen Dokumentar-Szenen in Antonio Ferreras Filmmontage Nomad of Art, die am 26. April 2010 anlässlich der Trauerfeier für Jeanne-Claude im Metropolitan Museum gezeigt wurde und auf der Homepage des Paares zu sehen ist. Der Film dokumentiert die unglaublichen Anstrengungen und auch Kämpfe, die ihren Verhüllungsaktionen vorausgingen – die Versammlungen mit aufgebrachten Bürgern, die um ihr Farmland und ihre Parks besorgt sind, die endlosen Debatten mit störrischen Beamt*innen und konservativen Politiker*innen. An einer Stelle, als Jacques Chirac, der damalige Bürgermeister von Paris, die Verhüllung der Brücke Pont Neuf ablehnt, hat Christo einen Nervenzusammenbruch, während ihn Jeanne-Claude vor laufender Kamera anfleht, eine Beruhigungspille zu nehmen. 1984 erhält das Paar nach neunjähriger Verhandlung schließlich die Genehmigung.

„Software“ nennen sie diese Phasen, in denen sie Entwürfe der Projekte verkaufen, um sie zu finanzieren, und dabei parallel immer weiter verhandeln. Erst dann folgt die „Hardware“ – die eigentliche, ebenso aufwändige Realisierung der häufig monumentalen Verhüllungen. Die „Software“ kann sich über mehrere Jahrzehnte hinziehen wie bei der Installation der orange leuchtenden Stofftore The Gates im New Yorker Central Park oder der Verhüllung des Berliner Reichstags.

2020 ist das Jahr von Christo und Jeanne-Claude: Bereits im März eröffnet im Centre Pompidou Christo & Jeanne Claude – Paris!. Im September wird ein Projekt realisiert, bei dem die Software-Phase ganze 58 Jahre lang dauerte. Bereits 1962 veröffentlichte das Paar eine erste Fotomontage zur Verhüllung des Arc de Triomphe. In diesem Herbst ist es nun endlich soweit: Für die Verhüllung des Triumphbogens sollen insgesamt 25.000 Quadratmeter eines speziell beschichteten blausilbrigen, wiederverwertbaren Stoffs und 7 Kilometer rote Schnur verarbeitet werden.

Ebenfalls im März eröffnet im Berliner PalaisPopulaire mit Christo und Jeanne-Claude: Projects 1963–2020 eine intime Ausstellung, die die kreative DNA des populärsten Künstlerpaares unserer Zeit beschreibt und bis zu den Anfängen ihrer Laufbahn zurückreicht. Im Mittelpunkt der Schau steht die Verhüllung des Reichstags, die den Berliner Parlamentsbau vor 25 Jahren in ein einzigartiges Kunstwerk verwandelte.

Viele Berliner*innen und Besucher*innen der Stadt werden sich noch an die Aura des verpackten Baus erinnern, als dieses Projekt 1995 endlich verwirklicht wurde. Über 100.000 Quadratmeter mit Aluminium beschichteter Plastikstoff und über 15 Kilometer blaues Seil wurden benötigt, um das Gebäude einzuhüllen und zu verschnüren. Das wirkte durch den Faltenwurf des Materials dramatisch, fast wie das Bühnenbild einer Wagner-Oper, und dabei leicht und fragil, wie eine surreale Erscheinung. Die Werke von Christo und Jeanne-Claude sind kaum greifbar in ihrer Flüchtigkeit und Transzendenz. Zugleich imponieren sie allein durch ihre Logistik, ihre Größe und die Ausdauer dieses Paares, das wie sonst nur Andy Warhol selbst zu einer Art Markenzeichen geworden ist: Christo mit seinem schmalen Gesicht und der Brille, Jeanne-Claude mit ihrer roten Mähne.

Hinter der medienwirksamen Seite der Verhüllungen verbirgt sich ein oft übersehener Aspekt. Die Basis der Projekte von Christo und Jeanne-Claude bildet die Idee der Partizipation. Sie beziehen die jeweiligen Communities mit ein: in Debatten und beim Aufbau der aufwändigen Konstruktionen, für die einheimische Firmen beauftragt werden. Wohl noch nie sind so viele unterschiedliche soziale Schichten so intensiv mit abstrakter Gegenwartskunst in Berührung gekommen. Und während die Verhüllungen eine kaum greifbare Schönheit vermitteln, nichts illustrieren, berühren sie gesellschaftlich heikle Themen: die Frage nach Besitz, öffentlichem und privatem Raum, Ökologie, die Beziehung von Zivilisation und Natur. Gerade die urbanen Werke beschäftigen sich auch mit der Idee des Monuments, mit kollektiven, historischen Erinnerungen. Schon bei der Verhüllung des Pont Neuf 1985 geht es um Geschichte, Nation und Patriotismus. Das führt zu erbitterten Debatten, wie beim Reichstag in Berlin, bei dem deutsche Politiker das Projekt immer wieder als pietätlos ablehnen.

Seit 1971 kämpften Christo und Jeanne-Claude um dieses Projekt, das immer wieder abgeblockt und boykottiert wurde. Erst nach dem Fall der Mauer kommt die Debatte mit großer Unterstützung der damaligen Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth und Briefen an alle 662 Abgeordneten wieder in Gang. Prominenteste Gegner sind Helmut Kohl und Wolfgang Schäuble, der Jahre später seinen Irrtum einräumt. 1995 trifft diese Installation im wiedervereinten Berlin den Nerv der Zeit. Über 5 Millionen Besucher aus aller Welt kommen.

Die Arbeiten in Christo und Jeanne-Claude: Projects 1963–2020 dokumentieren, wie genau die Künstler die jeweilige architektonische und geografische Situation austaxierten, wie sie wieder und wieder mit Materialien, Farben, Schnürungen und Faltenwürfen experimentierten. Zusammengetragen wurden die Werke in der Ausstellung von Ingrid und Thomas Jochheim, die Christo und Jeanne-Claude 1994 kennenlernten und mit ihnen seitdem freundschaftlich verbunden waren. Sämtliche Verhüllungsprojekte werden ausschließlich durch den Verkauf von Vorstudien, Originallithografien und Editionen getragen. Christo und Jeanne-Claude ließen sich nie von großen Firmen sponsern. Man könnte ihre Aktionen mit einem Grassroots-Movement vergleichen, bei denen ein fester Stamm von Aktivisten und Unterstützern heranwächst, die sich kontinuierlich für die Sache einsetzen. Die Jochheims sind solche Unterstützer. Heute ist das Sammlerpaar aus Recklinghausen im Besitz von Vorstudien und Unikaten zu sämtlichen Projekten. Beginnend mit in Plastik verhüllten Zeitschriften von 1963 und Entwürfen für die Store Fronts, nachgebaute, mit Tüchern verhängte Ladenfronten, mit denen Christo 1965 die New Yorker Kunstszene eroberte. Ende der 1960er-Jahre folgt dann mit Wrapped Coast das erste große Land-Art-Projekt, bei dem Christo einen 2,4 Kilometer langen Küstenstreifen in der Nähe Sydneys mit 92.900 Quadratmetern Folie verhüllte. Es folgen weitere spektakuläre Landschaftsprojekte, ein riesiger oranger Vorhang, der 1972 eine Felsschlucht in Colorado zuhängt und der berühmte, 40 Kilometer lange Running Fence. Die Surrounded Islands, die Christo und Jeanne-Claude Anfang der 1980er-Jahre vor der Küste von Miami mit Magenta-farbigen Folienbahnen einsäumen, wirken aus der Luft wie monumentale Seerosen auf dem Wasser – eine moderne Interpretation von Monet. Und auch die 3.100 riesigen blauen und gelben Schirme, die Christo und Jeanne-Claude 1991 für The Umbrellas parallel im japanischen Ibaraki und in Kalifornien aufstellen, verwandeln die Landschaften in dreidimensionale Gemälde.

Christo und Jeanne-Claude: Projects 1963–2020 zeigt die Arbeit hinter diesen Momenten. „Die 14 oder 16 Tage, in denen das Werk dem Publikum zugänglich ist, sind nicht der Zeitraum, in dem das Werk existiert“, sagt Christo. „Bei der Realisierung eines Projekts wird eine große Energie freigesetzt – man spürt die enorme Dynamik, wenn man vor etwas steht, das so viele Jahre für seine Entstehung gebraucht hat.“ In Berlin ist nun also dieser andere Teil des Werkes zu sehen – nicht nur für Fans, sondern für jeden, der die Kunst dieses außergewöhnlichen Paares erleben möchte, das am selben Tag geboren wurde und ein ganzes Leben zusammenarbeitete. Und natürlich sind auch die Entwürfe für den Arc de Triomphe dabei.

Christo and Jeanne-Claude
Projects 1963–2020

21.03.-17.08.2020
PalaisPopulaire, Berlin