Our World is Burning
Aktuelle Ausstellungen reflektieren die gesellschaftliche Situation

Fast überall auf der Welt sind Museen wegen des Ausbruchs des COVID-19-Virus geschlossen. Doch in der Hoffnung, dass Kunst bald wieder erlebt werden kann, wollen wir auf Ausstellungen von Partnerinstitutionen der Deutschen Bank hinweisen. Die beschäftigen sich auch mit Trauer und Verlust, wollen aber vor allem Mut machen: zur Veränderung, zur politischen Aktion oder einfach dazu, Schönheit zu empfinden.

Fast 25 Jahre nach dem Ende der Apartheid in Südafrika begibt sich der in Kapstadt lebende Künstler Kemang Wa Lehulere auf die Spurensuche nach den Folgen der Rassentrennung. Seine Arbeit hat etwas Archäologisches. Er durchforstet nicht nur alte Häuser oder verlassene Ortschaften nach Relikten der Vergangenheit, sondern gräbt vergessene Geschichten und übersehene Künstler*innen aus. Der „Artist of the Year“ 2017 der Deutschen Bank erschafft aus diesen Funden ein poetisches, berührendes Werk. In seinen Installationen, Zeichnungen und Performances zeigt er nicht nur, was verloren ging und zerstört wurde, sondern auch wie Kunst, Dichtung und Musik Widerstand leisten. Heute zählt Wa Lehulere zu den international bedeutendsten südafrikanischen Künstler*innen – und hat 2018 sein Studio geschlossen. Zu groß sei der Druck auf ihn gewesen, im Betrieb mithalten zu müssen. Jetzt baut er sein Studio für das Projekt Laying Bare für fünf ganze Monate im Museum wieder auf – im Zeitz MOCAA in Kapstadt, mitsamt Kunstproduktion, Werken und Mitarbeiter*innen. Natürlich geht es auch darum, die konventionellen Hierarchien in der Kunstproduktion zu unterwandern und sowohl für den Künstler als auch die Besucher neue Erlebnisse und mehr „gesellschaftliche Imagination“ zu schaffen. Im Augenblick sind Arbeiten von Wa Lehulere auch in der Gruppenausstellung Beyond the Black Atlantic im Kunstverein Hannover zu sehen.

Wohl kaum ein Gebiet ist umkämpfter als die Golfregion. Die Bilder von Kriegen, brennenden Ölfeldern, die vielschichtigen Konflikte haben das beginnende 21. Jahrhundert geprägt. Our World is Burning, der Titel der Gruppenausstellung im Pariser Palais de Tokyo, spielt auf beides an: die humanitären Katastrophen, die durch die Konflikte im Nahen und Mittleren Osten entstehen – aber auch auf eine Welt, die mit Waldbränden von Australien bis zum Amazonas buchstäblich in Flammen steht. Das Motiv des Feuers ist jedoch nicht nur Ausdruck einer gefährlichen Situation, sondern auch ein Verweis auf die mitreißende Kraft der demokratischen Bewegung des „Arabischen Frühlings“, die die Kunstszenen der Region und der benachbarten Türkei stark prägte. Mit dabei sind viele Künstler*innen aus der Sammlung Deutsche Bank, wie etwa Shirin Neshat, Wael Shawky oder Kader Attia. Mit Yto Barrada und Basim Magdy sind gleich zwei „Artists of the Year“ der Deutschen Bank vertreten, die sich ebenso wie John Akomfrah oder das Raqs Media Collective in ihrer Arbeit mit den Folgen des Anthropozäns auseinandersetzen – jenes Zeitalters, in dem der Mensch zum wichtigsten geologischen und biologischen Einflussfaktor geworden ist.

„Für mich bedeutet Virtualität, dass ich mich ausdrücken, die Realität verstehen kann, und das ist mein Hauptinteresse“, sagt Cao Fei. „Ich nutze auch Film und das Schreiben, aber wir leben in einem Zeitalter sich rapide entwickelnder Technologie. Und in diesem Zusammenhang müssen wir begreifen, dass die Virtualität die Realität völlig verändert hat. Um das zu verstehen, müssen wir Teil davon werden.“ Schon in ihrem Frühwerk setzte sich Cao Fei mit der Industrialisierung Chinas und den virtuellen Träumen auseinander, die mit der Entfremdung in der Arbeitswelt einhergehen. Gerade sind ihre Fotoarbeiten aus dem Projekt Whose Utopia? (2005/6) in der Ausstellung Time Present - Photography from the Deutsche Bank Collection im PalaisPopulaire in Berlin zu sehen. Die Londoner Serpentine Gallery zeigt aktuell mit Blueprints eine große Retrospektive der chinesischen Multimedia-Künstlerin. In London sind vor allem Cao Feis Videoarbeiten und immersive Werke zu sehen. Dazu gehören bekannte Arbeiten wie Whose Utopia, eine aktuelle Neuauflage des Second Life-Projekts RMB-City (2008) oder LA Town (2014). Zugleich werden ihre neuen Filme Asia One (2018) und Nova (2019) präsentiert. Das Herzstück der Ausstellung ist die spektakuläre VR-Installation The Eternal Wave (2020).

Wir leben in bewegten Zeiten, in denen sich unsere Gesellschaften mit ungeheurer Geschwindigkeit verändern. Doch nicht immer fällt dieser Wandel leicht. Ob es sich um den Verlust eines geliebten Menschen durch Trennung oder Tod handelt, den Abschied von Idealen und Visionen, den Verlust von Heimat und Vertrautheit – wir alle machen in unserem Leben leidvolle Erfahrungen von Enttäuschung und Scheitern. Darauf reagiert auch die Kunst. In der Hamburger Kunsthalle ist nun mit Trauern. Von Verlust und Veränderung eine ganze Ausstellung zu diesem Thema zu sehen, an der neben Andy Warhol, Félix González-Torres oder Philippe Parreno auch viele Künstler*innen aus der Sammlung beteiligt sind, wie etwa Adrian Paci, Rosemarie Trockel oder Thomas Schütte. Therapie pur.

Abschließend noch zwei weitere Empfehlungen von Künstler*innen aus der Sammlung Deutsche Bank in Berlin: Die niederländische Fotografin Viviane Sassen, deren Arbeiten gerade auch in Time Present im PalaisPopulaire gezeigt werden, ist in diesem Frühjahr auch in der sehr schönen Ausstellung Body Performance im Museum für Fotografie zu sehen. Mit von der Partie sind auch Vanessa Beecroft, Yang Fudong, Inez & Vinoodh, Jürgen Klauke, Robert Longo, Robert Mapplethorpe, Helmut Newton, Barbara Probst, Cindy Sherman, Bernd Uhlig und Erwin Wurm.

Katharina Grosse, eine der wichtigsten deutschen Malerinnen der Gegenwart, verwandelt im April für die Ausstellung It Wasn’t Us die historische Halle des Hamburger Bahnhofs und dessen Außenbereich in ein einziges dynamisches Bild. Ihre Malereiinstallation destabilisiert, wie der Pressetext sagt, „die bestehende Ordnung des musealen Raums radikal“. Ganz im Zeichen der Zeit.

Kemang Wa Lehulere
Laying Bare: Studio Process at the Museum

bis 10.05.2020
Zeitz MOCAA, Kapstadt

Beyond the Black Atlantic
bis 26.04.2020
Kunstverein Hannover

Our World is Burning
bis 17.05.2020
Palais de Tokyo, Paris

Cao Fei
Blueprints

bis 17.05.2020
Serpentine Gallery, London

Trauern
Von Verlust und Veränderung

bis 14.06.2020
Hamburger Kunsthalle

Body Performance
bis 10.05.2020
Museum für Fotografie, Berlin

Katharina Grosse
It wasn't Us

24.04.-04.10.2020
Hamburger Bahnhof, Berlin