Minimalismus trifft Bebop
Jennie C. Jones im Contemporary Arts Museum Houston

Mit ihren Sound-Installationen, akustischen Gemälden und Collagen untersucht Jennie C. Jones die formalen und konzeptuellen Verbindungen zwischen Abstraktion und Jazz. Jetzt widmet ihr das Contemporary Arts Museum Houston eine umfassende Werkschau, die von der Deutschen Bank gefördert wird.
„Compilation“ hat Jennie C. Jones ihre erste große Retrospektive genannt. Man kann sich kaum einen geeigneteren Titel vorstellen, verweist er doch auf das, was im Zentrum ihrer künstlerischen Arbeit steht: die Musik. Compilations sind CDs oder Schallplatten, auf denen bereits veröffentlichte Stücke noch einmal neu zusammengestellt wurden. Im Contemporary Arts Museum Houston ist eine solche Auswahl zu sehen – und nicht zuletzt auch zu hören.

„Manchmal, wenn ich wirklich ‚abhebe‘, kommt es mir fast so vor, als ob das Zeichnen einer Linie der Dauer einer Note entspricht und das wird dann zu einer konzeptuellen Praxis – die Beziehung zwischen dem Zuhören und dem Zeichnen“, erklärte die in Brooklyn lebende Künstlerin in einem Interview mit ArtMag. Und tatsächlich zeichnet sie Musik, setzt sie in Collagen um oder transformiert Plattenspieler, Kassetten und Kopfhörer in Skulpturen. Ihre Sound-Arbeiten wiederum basieren auf kurzen Samples aus Stücken afroamerikanischer Musiker. Es sind Künstler, die auch für die Selbstermächtigung  dieser Community stehen. Das Spektrum reicht vom Jazz – Miles Davis, Charlie Parker, Nina Simone – bis zu Avantgarde-Komponisten wie Alvin Singleton oder Olly Wilson. Aus ihren Klängen lässt Jennie C. Jones etwas ganz Neues entstehen. So hat sie für eine ihrer Installationen ein paar kurze Bass-Töne von Charles Mingus  wiederholt und zu einem orchestralen Dröhnen verdichtet – einem dunklen Klang, der im Raum eine geradezu skulpturale Präsenz entwickelt.

Vielschichtig sind ihre Acoustic Paintings, von denen eine Auswahl in Houston zu sehen ist. Sie basieren auf Schallschutzelementen, mit denen Tonstudios ausgekleidet werden. Jennie C. Jones hat die industriell hergestellten Platten in monochrome Gemälde verwandelt, die sie zumeist in Gruppen präsentiert. Mit diesen kühl-eleganten, in Schwarz oder Grau gehaltenen Acoustic Paintings eignet sie sich nicht nur selbstbewusst Ikonen der  Moderne an – das Schwarze Quadrat von Malewitsch, Ad Reinhardts Black Paintings, die Skulpturen der Minimal-Künstler. Diese objekthaften Gemälde verändern darüber hinaus die Wahrnehmung des Raums, indem sie seine Akustik auf subtile Weise dämpfen.

Auch ihre kleinformatigen Bilder, Zeichnungen und Collagen lassen an den russischen Konstruktivismus denken. Doch dann entpuppen sich die Linien, die aus roten oder schwarzen Quadraten und Rechtecken herauswachsen oder sich miteinander verbinden, als filigrane Kabel und Mikrophone – die Komposition fügt sich zu einem abstrakten Soundsystem zusammen. „Die Farbblöcke erinnern an Buchsen und Stecker, an Input und Output bei Stereoanlagen“, erklärte Jennie C. Jones.“Sie wirken wie Metaphern für Kommunikation, sei es in der Kunst oder der Musik. Oder auch dafür, wie Dinge miteinander verbunden sind, indem sie in den einen Kanal hineingehen und aus dem anderen herauskommen. Etwas zunächst Abstraktes, Avantgardistisches durchläuft einen Prozess und wird zum Bestandteil der Mainstream-Kultur.“

Eine Auswahl ihrer Arbeiten auf Papier wurde für die Sammlung Deutsche Bank angekauft und war auch im Rahmen von zwei Gruppenausstellungen in der 60 Wall Gallery der Deutschen Bank New York zu sehen: bereits 2006 in pa.per.ing, die Papierarbeiten einer jungen, konzeptuell orientierten Künstlergeneration vorstellte, und 2012 in The Sight of Sound, die den Beziehungen zwischen Musik und Gegenwartskunst nachging. Die Verbindung dieser beiden Bereiche ist gerade für Jennie C. Jones‘ künstlerische Entwicklung essentiell: „Es war tatsächlich wie eine Erleuchtung, dieser Augenblick, als ich gerade The Modern Jazz Quartet hörte und ich mich dazu entschied, wieder mit Papier zu arbeiten, ganz von vorne anzufangen, zum zeichnerischen Ausdruck zurück zu kehren.“ Diese Erleuchtung liegt inzwischen 15 Jahre zurück. Dass sie der Startpunk zu einem Werk von verblüffender ästhetischer und intellektueller Konsequenz war, kann man jetzt im Contemporary Arts Museum Houston erleben.

Jennie C. Jones: Compilation
12.12.2015 – 27.03.2016
Contemporary Arts Museum Houston