Ein amerikanisches Meisterwerk: Jackson Pollocks
„Mural“ in der Deutsche Bank KunstHalle

Es ist nicht nur sein größtes Gemälde – mit „Mural“ schrieb Jackson Pollock zugleich Kunstgeschichte. Jetzt beleuchtet eine Ausstellung in der Deutsche Bank KunstHalle die Entstehung des Bildes und seinen Einfluss auf die amerikanische Malerei.
Wie kann ein statisches Medium Bewegung sichtbar machen? Marcel Duchamp beantwortet diese Frage 1912 mit seinem berühmten Akt, eine Treppe herabsteigend – einem Gemälde, das eine menschliche Figur in verschiedenen sich überlagernden Bewegungsphasen zeigt. Jackson Pollock kommt gut 30 Jahre später zu einer ganz anderen Lösung: Auf einer panoramaartigen, rund sechs Meter langen und zweieinhalb Meter hohen Leinwand lässt er eine Gruppe archaischer Silhouetten vor einem expressiven Hintergrund rhythmisch vorwärtsstürmen. Doch geht es ihm hier nicht allein um die Darstellung reiner Dynamik. Seine Bilder sind für ihn, wie er sagt, immer auch „Ausdruck von Gefühlen“, einer „inneren Welt.“

Mit Mural fegt der Amerikaner alle überkommenen Vorstellungen von Malerei zur Seite. Das Bild ist ein enorm selbstbewusstes Statement, dessen Kraft man sich auch heute nicht entziehen kann. „Es ist ziemlich groß und höllisch interessant“, so lakonisch charakterisiert Pollock selbst sein Gemälde, das er 1943 vollendet. Mit dieser Auftragsarbeit für die Kunstsammlerin Peggy Guggenheim findet er erstmals zu der Freiheit, die seine späteren Drip Paintings auszeichnen wird. Robert Motherwell beschreibt Mural als „den Wendepunkt“ in Pollocks Werk. Und für Willem de Kooning bereitet dieses Gemälde den Weg für den Abstrakten Expressionismus, der in den 1950er Jahren international zum Inbegriff moderner Kunst werden soll.

Nach einer aufwendigen Restaurierung am Getty Conservation Institute, Los Angeles, hat Mural seine ganze Kraft zurückgewonnen und ist jetzt in der Deutsche Bank KunstHalle zu erleben. Während des Umbaus des University of Iowa Museum of Art, dem Peggy Guggenheim das Gemälde 1948 als Schenkung übergeben hat, tourt das Meisterwerk durch ausgewählte europäische Institutionen. Die Ausstellung Jackson Pollock’s 'Mural': Energy Made Visible wurde von David Anfam konzipiert. Der Senior Consulting Curator am Clyfford Still Museum, Denver, gilt als einer der bedeutendsten Kenner des Abstrakten Expressionismus.

Anfams Schau zeigt den Einfluss des monumentalen Werks auf die amerikanische Kunstgeschichte: Promenade, ein 1947 entstandenes Gemälde von Pollocks Frau Lee Krasner, zeugt ebenso von der Auseinandersetzung mit Mural wie Robert Motherwells Elegy to the Spanish Republic (1965-75). Der Bildhauer David Smith scheint mit seiner Skulptur Tanktotem III (1953) die archaischen Figuren ins Dreidimensionale zu übertragen. Andy Warhols Yarn Painting (1983) bezieht sich ebenso auf den 1956 verstorbenen Maler wie eine 2013 entstandene Komposition von David Reed, einem der wichtigsten aktuellen Vertreter der Abstraktion.

Mit Mural verbindet Pollock Abstraktion und Figuration auf eine ganz neue Weise, kombiniert Bezüge zur Bildsprache der Ureinwohner Nordamerikas, dem mexikanischen Muralismo, der ostasiatische Kalligrafie und Picassos Guernica (1937). Aber auch das Medium Fotografie spielt, wie es Anfam in seinem Buch zur Ausstellung akribisch belegt, bei der Entstehung des Gemäldes eine entscheidende Rolle. Da sind zunächst Eadweard Muybridges Aufnahmen aus dem 1887 erschienenen Portfolio Animal Locomotion. Diese seriellen Bewegungsstudien von Menschen und Tieren begeisterten schon Duchamp.

Doch noch wichtiger war der Einfluss von Zeitgenossen des Künstlers. Etwa dem Fotografen und Grafikdesigner Herbert Matter, der gut mit Pollock befreundet war. Matter zählte wie auch Barbara Morgan oder Gjon Mili zu den Vertreter der sogenannten "Action Photography". Sie verfolgten das gleiche Ziel wie der Maler – Energie und die Dynamik von Bewegungen auf ihren Bildern festzuhalten. Das MoMA widmet ihnen 1943, im Entstehungsjahr von Mural, eine große Schau. Mit Hilfe von Langzeitbelichtungen verwandelten diese Fotografen Bewegungen von Tänzern, Schlittschuhläufern oder Scheinwerfern in abstrakte Liniengeflechte, denen man auf Pollocks Gemälden wiederbegegnet. In der Ausstellung wird der Einfluss der "Action Photography" auf sein Werk offensichtlich. Doch ebenso inspirierte Pollock die Fotografie: Aaron Siskinds Aufnahmen verwitterter Hauswände oder abblätternder Farbe wirken wie Details aus seinen Gemälden. Der Kreis hat sich geschlossen.

Achim Drucks

Jackson Pollock’s 'Mural': Energy Made Visible
Deutsche Bank KunstHalle
25.11.2015 – 10.04.2016