Sound & Vision
Internationale Ausstellungen zu Kunst und Musik

„Wir leben im Zeitalter des Jazz“ proklamiert der amerikanische Schriftsteller F. Scott Fitzgerald Anfang der 1920er-Jahre. Rhythmus, Improvisation, Tempo – eine neue, urbane Musik liefert den Soundtrack zur Moderne. Damit beginnt die Liaison zwischen Pop-Kultur und Kunst, die heute mit Lady Gaga, Jay Z und Björk ihren bisherigen Höhepunkt erreicht hat. Le Corbusier, Mondrian, Beckmann waren ebenso Jazzfans wie Willem de Kooning oder Jackson Pollock, der sich ganz besonders für den Swing begeistert. Wie sehr die Energie und der mitreißende Schwung dieser Musik auch seine Kunst inspirierte, ist jetzt in der Deutsche Bank KunstHalle zu erleben, wo die Ausstellung Jackson Pollock’s 'Mural': Energy Made Visible eines seiner beeindruckendsten Gemälde präsentiert. Auch in New York wird gegenwärtig der Wegbereiter des Abstrakten Expressionismus gewürdigt: Im MoMA ist eine Auswahl von rund 50 seiner Werke zu sehen. Und im Whitney kann man einen Chronisten der Jazz Ära entdecken. Das Museum widmet Archibald John Motley Jr. (1891–1981) eine umfassende Retrospektive. Seine Porträts und Szenen aus dem Nachtleben zeigen eine selbstbewusste schwarze Community. Gemälde wie Blues oder Hot Rhythm transportieren die vitale Atmosphäre der Clubs und Tanzlokale in Chicago. Dabei entwickelte Motley eine unverwechselbare visuelle Sprache, setzt auf grelle Farben, dynamisierte Raumansichten und verzerrte Perspektiven.

Dass der Einfluss des Jazz auf die Kunst bis heute anhält veranschaulicht das Kunstmuseum Stuttgart mit I Got Rhythm. Der Parcours beginnt mit Künstlern der Klassischen Moderne. Bilder von Otto Dix oder Henri Matisse beziehen sich auf  Musiker wie Josephine Baker oder bestimmte Songs. Später entwirft Andy Warhol Plattencover für das legendäre Plattenlabel Blue Note Records, K.R.H. Sonderborgs malerische Aktionen werden live von Jazz-Musikern begleitet. K.O. Götz war nicht nur Mitglied im Frankfurter Hot Club, sondern sah im Bebop Parallelen zu seiner abstrakten Malerei. Positionen wie Stan Douglas, Kara Walker und Jutta Koether stehen für die aktuelle Jazz-Rezeption in der Kunst.

Eher von der Musique Concrète und den Do-It-Yourself-Strategien des Punk wird dagegen Christian Marclay beeinflusst. In Stuttgart ist der Sound-Künstler, der auch in der Sammlung Deutsche Bank vertreten ist, gleich zweimal präsent. Das Kunstmuseum zeigt sein Video Quartet: Über 700 Filmausschnitte, in denen musiziert wird oder Geräusche erzeugt werden, setzt Marclay zu einer akustisch-visuellen Komposition zusammen. In der Staatsgalerie lässt er bei Shake Rattle and Roll Fluxus mit Punk kollidieren. Das Ergebnis ist ein zeitgenössischer Blick auf eine vergangene Avantgarde – und eine fulminante Kakophonie.

Marclay ist auch in This is Not a Love Song vertreten, einer Ausstellung, in der das Istanbuler Pera Museum die Verbindungen zwischen Video-Kunst und Pop-Musik untersucht. Das im Zentrum der türkischen Metropole gelegene Privatmuseum zeigt seit seiner Eröffnung 2005 neben historischen Ausstellungen auch immer wieder Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts und war vor kurzem einer der Schauplätze der Istanbul BiennaleThis is Not a Love Song präsentiert Videos und Experimentalfilme von Künstlern wie Nam June Paik, Andy Warhol, Yayoi Kusama, Vito Acconci und John Baldessari. Zu den Höhepunkten gehört Adel Abidins Three Love Songs. Der irakische Künstler lässt drei zwischen Nancy Sinatra und Britney Spears changierende amerikanische Pop-Diven gefühlvolle arabische Balladen singen. Die Untertitel machen allerdings schnell klar, dass es hier nicht um Liebe oder Herzschmerz geht, sondern um die Glorifizierung von Saddam Hussein. Der Diktator persönlich gab diese Lieder in Auftrag. Durch die Diskrepanz zwischen den lasziven Bewegungen der platinblonden Sängerinnen und den gewalttätigen Texten unterläuft Abidins Video gekonnt die Erwartungshaltung des Publikums.

Im nächsten Herbst  kann man dann im Londoner Victoria & Albert Museum eine multimediale Zeitreise in die späten 1960er Jahre antreten. You Say You Want a Revolution: Records & Rebels 1966-70 dokumentiert den Optimismus und Aufbruchsgeist dieser Zeit – von den internationalen Studentenrevolten, der amerikanischen Gegenkultur bis hin zur schwarzen Bürgerrechtsbewegung, die nicht zuletzt von der Musik beflügelt wurden. So gruppiert sich die Ausstellung dann auch um Monitore, auf denen ikonische Stars dieser Ära zu erleben sind: The Who spielen My Generation, Sam Cooke A Change is Gonna Come, Jimy Hendrix ist bei seinem legendären Auftritt in Woodstock  zu sehen. Filmausschnitte, Poster, Fotografien, Designobjekte, Mode und Musik lassen eine Zeit lebendig werden, die unsere Art zu leben nachhaltig verändert hat.

Jackson Pollock’s “Mural”: Energy Made Visible
Deutsche Bank KunstHalle, Berlin
25.11.2016 – 10.04.2016

Jackson Pollock: A Survey
Museum of Modern Art, New York
22.11.2015 – 13.03.2016

Archibald Motley – Jazz Age Modernist
Whitney Museum of American Art, New York
bis 17.01.2016

I Got Rhythm – Kunst und Jazz seit 1920
bis 06.03.2016,
Christian Marclay – Video Quartet
bis 17.01.2016
Kunstmuseum  Stuttgart

Christian Marclay – Shake Rattle and Roll
bis 20.03.2016
Staatsgalerie Stuttgart

This is Not a Love Song - Video Art and Pop Music Crossovers   

25.11.2015 – 07.02.2016
Pera Museum, Istanbul

You Say You Want a Revolution: Records & Rebels 1966-70

10.09.2016 – 26.02.2017.
Victoria & Albert Museum, London