Die Unbeugsamkeit des menschlichen Geistes
Werke aus der Gedenkstätte Yad Vashem im Deutschen Historischen Museum

Ganz allein sitzt der Mann an einem langen Tisch. Verzweifelt verbirgt er sein Gesicht in den Händen. Zu seinen Füßen ein Bündel Habseligkeiten. Auf dem Tisch ein riesiger Globus, der eher bedrohlich wirkt als wie ein Zeichen der Hoffnung. Europäische Vision – Der Flüchtling nannte Felix Nussbaum dieses Gemälde. Es entstand 1939 in Brüssel, wo sich der Künstler mit seiner Frau Felka Platek vor den Nationalsozialisten versteckte. Es war die letzte Station einer Flucht, die das Paar über Italien und Frankreich nach Belgien geführt hatte. Hier sorgten Freunde für das Nötigste und beschafften Felix Nussbaum sogar ein Atelier wo er trotz aller Widrigkeiten weitermalte. Seine Themen: Flucht, Isolation, Angst. Nach einer Denunziation im Juni 1944 wird das Ehepaar Nussbaum von der Wehrmacht inhaftiert und in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert, wo beide ermordet werden.

Nussbaums Gemälde wird jetzt im Rahmen der Ausstellung Kunst aus dem Holocaust  – 100 Werke aus der Gedenkstätte Yad Vashem im Deutschen Historischen Museum in Berlin gezeigt. Sie ist die bislang umfangreichste Präsentation von Kunstwerken aus der Sammlung der Gedenkstätte außerhalb Israels und bildet den Abschluss des 50-jährigen Jubiläums der deutsch-israelischen Beziehungen. Ermöglicht wird die Ausstellung durch die Förderung der Daimler AG und der Deutsche Bank AG. Kunst aus dem Holocaust wird von Bundeskanzlerin Angela Merkel am 25. Januar 2016 eröffnet und ist bis zum 3. April 2016 zu sehen.

Die 100 ausgestellten Arbeiten stammen von jüdischen Häftlingen aus verschiedenen Konzentrationslagern, Arbeitslagern und Ghettos. „Diese Werke, die den Holocaust überdauert haben, erlauben uns einen Einblick in die Fähigkeit der Kunst, die Perspektive der jüdischen Opfer zu vermitteln“, erklärt der Vorsitzende von Yad Vashem, Avner Shalev. „Die Ausstellung ermöglicht eine seltene Begegnung, gerade hier in Berlin, zwischen dem heutigen Publikum und denen, die die Shoah durchlebt haben. Jedes dieser Werke ist sowohl ein lebendiges Zeugnis aus dem Holocaust als auch eine Bekräftigung eines unbeugsamen, menschlichen Geistes.“ Wie Felix Nussbaum haben alle Künstler dieser Ausstellung trotz des Horrors, in dem sie leben mussten, nicht aufgegeben.

Die überwiegend grafischen Blätter entstanden unter unmenschlichen Bedingungen im Geheimen. Sie zeugen von der Kraft des Geistes im Angesicht von Elend und Tod und auch von dem Widerstreit zwischen der Wirklichkeit des Holocaust und einer imaginativen Gegenwelt. So lassen Karl Robert Bodek (1905–1942) und Kurt Conrad Löw (1914–1980) in ihrem Aquarell Ein Frühling als Symbol der Hoffnung einen Zitronenfalter auf dem Stacheldraht des Internierungslagers Gurs landen. Die beiden Freunde  zeichneten Szenen aus dem Alltag des in den Pyrenäen gelegenen Lagers, aber auch Comics und Glückwunschkarten. Ihre Werke wurden von einer Schweizer Rotkreuzschwester gerettet.

„In einem kompromisslosen Akt des Widerstands zeichneten und malten die Künstlerinnen und Künstler unter Lebensgefahr. Einige schilderten deutlich die Grausamkeiten und Erniedrigungen, die sie erdulden mussten, andere widersetzten sich der fortschreitenden Entmenschlichung, indem sie das Individuelle und das innere Seelenleben betonten“, so die Kuratorin der Ausstellung, Eliad Moreh-Rosenberg vom Yad Vashem.

Felix Nussbaums Gemälde Der Flüchtling steht zusammen mit den anderen Arbeiten aus der Sammlung des Yad Vashem auch für den Mut, Zeugnis abzulegen. „Kunst ist eine mächtige Antwort gegen Unterdrückung und Terror“, betont Kurator Walter Smerling von der Stiftung für Kunst und Kultur e.V., die die Ausstellung als Kooperation mit dem Yad Vashem und dem Deutschen Historischen Museum organisiert hat. „Diese Ausstellung ist eine Mahnung, die Würde des Menschen hochzuhalten, denn sie ist der unantastbare Kern unseres Daseins.“

Kunst aus dem Holocaust –
100 Werke aus der Gedenkstätte Yad Vashem

25.01. 2016 – 03.04.2016
Deutsches Historisches Museum