Landscapes of Desire
Wie Musik Xaviera Simmons Kunst in Bewegung hält

Sie ist eine moderne Renaissancefrau: In ihrem Werk verbindet Xaviera Simmons alle erdenklichen Kunstformen. Doch geprägt wurde sie vor allem von Musik, der Faszination für Landschaften und Reisen. Jessica Loudis hat sie auf einen Drink getroffen.
An diesem Abend ist es trotz des Herbstanbruchs ungewöhnlich warm. Ursprünglich wollte ich Xaviera Simmons in ihrem Studio in Manhattan treffen, doch um ihre Arbeit „in Bewegung zu halten“, verbringt sie dort gerade so wenig Zeit wie möglich. Also findet unser Gespräch in einer kleinen Bar in Williamsburg statt. Groß, mit kurzen Haaren, strahlt Simmons die Art von Gelassenheit aus, die nur Leute besitzen, die sich auch in den unmöglichsten Situationen zurechtfinden. Sie ist aufmerksam und freundlich: Dem Kellner macht sie Komplimente für sein Hemd und während unseres Gesprächs prüft sie immer wieder, ob mein Mikrophon funktioniert. Lieber als in der Stadt sei sie augenblicklich auf dem Land. Hier verbringt sie den Großteil der Woche. Oder in diversen Tanzstudios, die sie zur Vorbereitung ihrer kommenden Ausstellung im Yerba Buena Center for the Arts in San Francisco besucht.

Denn derzeit beschäftigt sich Simmons intensiv mit zeitgenössischem Tanz, wie etwa dem jamaikanischen „Daggering“. Aber ganz besonders fasziniere sie die Arbeit der Filmemacherin Yvonne Rainer und der experimentellen belgischen Choreografin Anne Teresa De Keersmaeker. Im Moment setze sie sich außerdem mit einer „männlichen homoerotischen Bildsprache“ auseinander – etwa mit Tom Bianchis Soft-Core-Polaroids der durchtrainierten Männer auf Fire Island und mit den Porträts, die der schwarze Fotograf Alvin Baltrop vom schwulen Nachtleben der späten 1970er-Jahre auf den Piers in Manhattan schoss. Angekündigt wird Simmons Ausstellung auf der Webseite des Yerba Buena Centers als „eine Landschaft des Begehrens, … die sich aus Klang, Bewegung, Atem, Sprache, Duft und Geschmack konstituiert“. Darin verschränken sich Performance, Film und Soundinstallation – als Hommage an alle nur möglichen Sinne. Zugleich spiegelt das die Bandbreite der Medien wider, die Simmons in ihre Arbeit integriert. Beweglichkeit scheint nicht wirklich ihr Problem zu sein.

Sie selbst beschreibt ihre künstlerische Praxis wie einen Zyklus, in dem eins zum anderen führt. Für Nicht-Eingeweihte kann es manchmal schwierig sein, Zugang zu diesem Kreislauf zu finden. Simmons Arbeiten vereinen unterschiedlichste Erfahrungen, Techniken, Strategien. Weniger um die Grenzen der unterschiedlichen Medien in Frage zu stellen, sondern eher um Überschneidungen zwischen ihnen zu erzeugen. So kann ein Werk als Textarbeit beginnen, sich in einen Film oder eine Fotoarbeit verwandeln und dann in eine Performance oder Komposition münden, die wiederum in weiteren, noch ausgefeilteren Versionen aufgeführt werden. In diesem Sinne entwickelte sich aus dem Projekt Number Fifteen (2012) auch das Video Number Sixteen (2013). Hier ist der Bildschirm in der Mitte zweigeteilt. Links sieht man eine schwarze Sängerin, rechts eine leere Leinwand. Im Laufe einer Stunde singt die Performerin ein Repertoire aus Blues, Soul und Gospel. Währenddessen malt Simmons ein abstrakt-expressionistisches Gemälde, schüttet immer wieder neue Schichten von Farbe – Schwarz, Weiß, Blau, Rot – und schließlich Bruchstücke von Gegenständen auf die Leinwand. Das Werk ist vieles zugleich: ein schmerzhaftes Zeugnis der Verfolgung und des beharrlichen Widerstands afroamerikanischer Kultur, eine performative Form von Assemblage – und, auf anderer Ebene, auch ganz einfach die Erschaffung einer Landschaft. „Auf gewisse Weise basiert meine gesamte künstlerische Arbeit auf Landschaften, davon bin ich überzeugt“, bemerkt Simmons an der Bar. „Jedes Foto, das ich mache, ist eine Landschaft. Selbst in den Text- oder Soundarbeiten gibt es immer so etwas wie eine Landschaft, die ich zu gestalten versuche.“

1974 geboren, wuchs Simmons in New York als Tochter schwarzer, buddhistischer Musikfans auf. Sie erinnere sich an jedes visuelle Detail der riesigen Plattensammlung ihrer Eltern und deren Begeisterung für die Sounds dieser Ära – 1970er-Jahre Soul, Funk, R&B. Sie verließ ihre Familie, um am Bard College bei An-My Lê und Stephen Shore Fotografie zu studieren. Diese sollten den Grundstein zu ihrer späteren Praxis legen. „Bei ihnen ging es ganz buchstäblich um Landschaftsfotografie“, sagt sie. „Die Arbeit mit dem 4x5-Format und die sehr strenge und formale Herangehensweise, erweiterte ich zu einer körperlichen Auffassung der Landschaft.“ Simmons denkt über Landschaft nach, nicht nur im Kontext „des Studios, der Fotografie, der Skulptur, des Textes“. Ihr Werk, erklärt sie, nähert sich ihr auch „durch Klang, Stimme, durch mehrsprachige Konversationen und Monologe“. In den letzten Jahren hat sie damit begonnen, orchestrierte Studiowerke zu produzieren: Ein Sprecher intoniert dasselbe Stück immer wieder in verschiedenen Sprachen, die sich überlagern. Die so entstehenden Sprachlandschaften besitzen eine beschwörende Qualität, fast so, als würde jemand in unterschiedlichen Zungen reden.

Vor ihrem Studienabschluss nahm sich Simmons eine Auszeit, um als Assistentin des jamaikanischen Modefotografen Walter Chin zu arbeiten. Ein Jahr später schmiss sie den Job und ging mit einer Gruppe buddhistischer Mönche auf Pilgerfahrt. Sie folgten der Route des transatlantischen Sklavenhandels: von Massachusetts nach Florida, von Gambia nach Nigeria. Schließlich kehrte sie ans Bard College zurück und schrieb sich nach ihrem Abschluss in New York am Schauspielstudio von Maggie Flanigan ein. Anschließend nahm sie am „Whitney Program for Independent Study“ teil, einem theorieorientierten Elitestudienprogramm für Künstler. Auch ihre weiteren Aktivitäten belegen ihre Vielseitigkeit: Simmons ist als DJ bekannt, zusätzlich ließ sie sich als Kräuterkundlerin und zur Doula ausbilden.

Der Einfluss der Reisen und der interdisziplinären Ausbildung ist in all ihren Werken, aber besonders in ihrer Fotografie zu spüren. Häufig taucht Simmons selbst als Figur in ihren Arbeiten auf und posiert in erhabenen Landschaften als mythische Gestalt oder in der Rolle früher amerikanischer Entdecker. In dem 2009 entstandenen Into the Sea (Nomad) aus der Sammlung Deutsche Bank steht sie majestätisch in einem Weizenfeld, ein rotes Tuch um den Kopf drapiert. Die Hände vor dem Körper verschränkt, blickt sie in die Ferne, als wolle sie eine der einsamen Heldinnen aus Edward Hoppers Gemälden herauf beschwören. Unverkennbar knüpft sie an die große Tradition der modernen amerikanischen Landschaftsmalerei an, von frühen Impressionisten wie Winslow Homer bis zum Realismus von Andrew Wyeth. Auf anderen Bildern nimmt sie die Rolle einer Fotografin / Ethnografin ein, die durch die Linse einer großformatigen Kamera in die amerikanische Wildnis blickt.

Zugleich ist sie auch an Kulturlandschaften interessiert: Deutlich wird dies bei Arbeiten, auf denen sich Simmons in unterschiedlichen Naturkulissen die Cover legendärer Alben vor das Gesicht hält. Es sind Platten schwarzer Musikerinnen, die seit den 1970er-Jahren die amerikanische Popkultur prägten – und auch Simmons eigene Biografie. Einmal hat sie in einem Interview erklärt, wenn sie Grace Jones’ Version von Use Me höre, dann sei das für sie „als würde sie weinend durch ein Gewitter laufen“. Die Platten werden, wie bei Warm Leatherette (2002) oder Roberta Flack Black Afro (2009) als Masken getragen, mit denen ihre kulturelle Identität untrennbar verschmilzt. Vinyl ist in Simmons Arbeiten Medium und Material zugleich. So hat sie sowohl Wandskulpturen aus Musikalben gebaut, als auch selbst Platten aufgenommen. Für ihr Projekt Thundersnow Road, das 2010 als Auftragsarbeit für eine Ausstellung im Nasher Museum der Duke University in North Carolina entstand, reiste sie durch diesen Bundesstaat. Dabei machte sie Aufnahmen, die von der Landschaft, aber auch der verstörenden rassistischen Vergangenheit der Südstaaten inspiriert sind. Diese Fotografien gab sie fünfzehn Musikern verbunden mit der Bitte, Songs oder Soundtracks zu den Bildern beizusteuern, die dann auf einer limitierten Vinyl-Compilation veröffentlicht wurden. Sessions heißen diese Fotoarbeiten, auf denen sie immer wieder mit Instrumenten in mythisch-symbolischen Landschaftskompositionen zu sehen ist.

Politik und Geschichte haben ihre visuelle Sprache entscheidend geprägt. Das gilt besonders für ihre textbasierten Skulpturen, die aus Wörtern bestehen, die Simmons im Laufe der Zeit aus Filmen, Texten und Gesprächen gesammelt hat. Ihre Performances sind oft explizit politisch. 2013 recherchierte sie fast ein Jahr in den Archiven des MoMA, um eine Reihe zur Kunstpolitik des Museums zu entwickeln. Dabei trat sie in roter Gefängniskleidung in der Lobby des MoMA auf, mit Werken von Künstlerinnen der Sammlung wie Agnes Martin und den Guerilla Girls und Plakaten mit der Aufschrift „Erase Sexism at MoMA“, um gegen die Benachteiligung von Künstlerinnen zu protestieren.

Heute versuche sie bei den Fotoarbeiten, Texten und Skulpturen „strenger" zu sein, während sie ihre Performances und Installationen „freier" gestalte, sagt Simmons. Die Grenzen zwischen beiden Medien sind dabei durchlässig. In ihrer Index-Serie werden Körperformen in Stoffbahnen gehüllt, mit einer Vielzahl von Objekten wie Schmuck, Tierschädeln, Glasperlen oder Pflanzen bestückt und dann zumeist auf Hüfthöhe abfotografiert. Nie sind Gesichter zu sehen und es bleibt offen, ob es sich überhaupt um menschliche Körper handelt. Diese Bilder, die an die Soundsuits von Nick Cave erinnern, sind viel skulpturaler als Simmons frühe, klassische Fotoarbeiten. „Früher war ich wirklich auf die reine Fotografie konzentriert, jetzt muss sie für mich auf ganz unterschiedliche Weise funktionieren“, erläutert sie. „Sie muss filmisch und bildhauerisch sein, die Skulpturen sollen wie Fotografien funktionieren, der Sound sich wie Skulptur oder Performance anfühlen. Alle diese Medien müssen über das hinausgehen, was ich von ihnen erwarte.“

Als wir uns treffen, hat sie gerade ihre Arbeit für das neue Pérez Art Museum in Miami installiert. Die knapp fünfmal neunzehn Meter große Holztafel hat Simmons dicht mit Worten beschriftet, die sich auf die Farbe Blau und das Meer beziehen. Der Text von The Wandering Night Sea (2014) changiert zwischen der Perspektive des Ozeans selbst und der eines seefahrenden Migranten, dessen Sprache zwischen Kreolisch, Spanisch und Englisch hin- und her wechselt. Verbringt man etwas Zeit mit dem Werk, kristallisieren sich Muster heraus, die den Betrachter in ein hypnotisches Geflecht aus visuellen und sprachlichen Wiederholungen hineinziehen.

Künstlerin oder Jazzmusikerin zu sein, bedeutet für Simmons fast das gleiche. Die Guten, sagt sie „eignen sich eine Basis an“, die ihnen die Möglichkeit zur Improvisation gibt. Der Trick ist natürlich, die Balance zwischen technischer Virtuosität und Experiment zu finden. Daran misst sie sich, ob im Tanz- oder Aufnahmestudio, bei der Malerei, beim Filmen oder Fotografieren. Dieses Jonglieren zwischen all den Disziplinen würde bei den meisten Künstlern enormen Stress auslösen. Aber Simmons hat das zur Grundlage ihrer Arbeit gemacht. Kurz bevor wir gehen, sagt sie: „Von außen betrachtet, mag alles wie ein riesiges Durcheinander erscheinen, aber tatsächlich liebe ich die Strenge und Präzision.“