Iza Tarasewicz
Gott, das Nichts und die Physik

Im Bann der Elementarteilchen: Iza Tarasewiczs jüngste Installation „TURBA, TURBO“ wurde ebenso von der Chaostheorie wie dem riesigen Teilchenbeschleuniger am Genfer CERN inspiriert. Jetzt wurde die junge Künstlerin mit dem wichtigsten Preis für polnische Gegenwartskunst geehrt – dem Views Award, der 2003 gemeinsam von der Deutschen Bank und der Zachęta Nationalgalerie initiiert und seitdem alle zwei Jahre ausgetragen wird. Karol Sienkiewicz ist in Tarasewiczs rätselhaften Kunstkosmos eingetaucht.
Dieser Warschauer Herbst gehörte eindeutig Iza Tarasewicz. Gleich zu Beginn der Saison war sie in großen Ausstellungen in der Zachęta Nationalgalerie und im Centre for Contemporary Art im Schloss Ujazdowski vertreten. Außerdem wurde die 1981 geborene Künstlerin für den "Views 2015 - Deutsche Bank Award" nominiert, den sie dann später auch gewann. Diese Auszeichnung hat die polnische Kunstwelt nicht wirklich überrascht, war aber dennoch ein bemerkenswertes Ereignis: Nach Elżbieta Jabłońska, die den Preis 2003 gewann, ging die Auszeichnung jetzt erstmals wieder an eine Frau. Für über ein Jahrzehnt wurde dieser alle zwei Jahre ausgetragene Wettbewerb von Männern dominiert. Zu der Liste der Preisträger gehören Wojciech Bąkowski (2009), Konrad Smoleński (2011) und Łukasz Jastrubczak (2013). Dass Tarasewicz den Preis gewonnen hat, signalisiert zudem die Bedeutung von Posen für die junge polnische Szene. Wie Bąkowski und Smoleński zählt auch Tarasewicz zur Künstlergruppe Penerstwo, die von Absolventen der dortigen Kunstakademie gegründet wurde.

Tarasewiczs Views-Beitrag TURBA TURBO hängt an einem fast unsichtbaren Geflecht hauchfeiner Drähte von der Decke der Zachęta und schwebt unmittelbar über dem Boden. Das 10 Meter lange Objekt gleicht einem Skelett aus Metallringen, die durch geometrisch geformte Platten miteinander verbunden sind. Die Struktur wirkt wie eine Mischung aus extravagantem Schaukasten und alchemistischem Labor. Zugleich hat sie etwas Organisches, fast Archaisches. Was auf den ersten Blick ziemlich robust anmutet, offenbart erst beim genaueren Hinschauen, wie fein und zerbrechlich es eigentlich ist. Auf den Platten im Inneren dieser Röhre finden sich zahlreiche Mikro-Installationen – skulpturale Objekte aus Pigmenten, Steinen und Proben unterschiedlicher Materialien wie Titanweiß, Hanffaser, Harz, Asphalt, Pflanzenklebstoff, Zement und Asche. Man weiß nicht, ob es sich um Relikte längst vergangener Epochen oder um eine heutige Versuchsanordnung handelt. Wie dem auch sei, es scheint, als ob diese Zentrifuge jederzeit wie durch Zauberhand zum Leben erweckt werden könnte. Über TURBA TURBO schwebt in einiger Höhe Arena, ein mit Gummi beschichtetes Hanfseil, das wie ein Nachbild der riesigen Skulptur wirkt. Es bildet einen geschlossenen Kreislauf, ein Möbiusband, ein Fragezeichen – oder eine Art Geist.

Wie Tarasewicz erläutert, basieren die zwischen den Metallringen angebrachten Platten auf einem Designstück – den Formen eines modernistischen Blumenständers aus den 1930ern. Die kreisförmige Hülle wurde jedoch auch vom weltgrößten Teilchenbeschleuniger inspiriert, dem Large Hadron Collider im CERN, der Europäischen Organisation für Kernforschung in der Nähe von Genf. Hier wird das erforscht, was die Materie und damit, wie Goethes Faust es deklarierte, die gesamte „Welt im Innersten zusammenhält“ – die Elementarteilchen. Doch das Kreisende und die Gravitation von TURBA TURBO, das die Dinge zu schweben scheinen lässt, ruft auch ganz andere Assoziationen hervor: Das auf dem Kopf stehende Innere des Raumschiffs Discovery aus Stanley Kubricks 2001: Odyssee im Weltraum. In einer berühmten Szene des Films joggt der Kommandant David Bowman immer im Kreis in einer sich drehenden Zentrifuge, die künstlich Schwerkraft erzeugt. Als einziger der Astronauten überlebt Bowman auch die Mordversuche des Bordcomputers HAL-9000 und findet schließlich auf einem psychedelischen Trip zu den Ursprüngen des menschlichen Lebens.
 
Doch das Jahr 2001 haben wir längst hinter uns gelassen. Wir wissen heute viel mehr über das Universum als 1968, dem Entstehungsjahr von Kubricks Film. Und anders als die Menschen damals fühlen wir zwar nicht mehr die unmittelbare Gefahr eines drohenden nuklearen Konflikts, die die Jahrzehnte des Kalten Kriegs geprägt hat. Doch angesichts von Kriegen, Finanzkrisen und Millionen von Flüchtlingen erscheint die Lage kaum weniger dramatisch. Und so ist sie auch immer noch da, die uralte Befürchtung, dass die menschliche Evolution und der Fortschritt im Untergang enden könnten, in einer Zerstörung, wie Tarasewicz sie mit ihren Arbeiten immer wieder auf die eine oder andere Weise andeutet. Sie fragt danach, was überlebt. In diesem Sinne zeigen ihre Werke auch das, was vom Fortschritt, von großen Welterklärungsversuchen übrigbleibt: Materie, Modelle, Werkzeuge.

Bevor sie sich der Bildhauerei zuwandte, studierte Tarasewicz ein Jahr lang Medizin. Kein Wunder, dass besonders ihre frühen Werke sehr stark von der Auseinandersetzung mit belebter und unbelebter Materie geprägt sind. Bei einer Serie arbeitet sie, unterstützt von einem Tierpräparator, mit Leder, tierischen Fetten, Hefen und Paraffinen. Daraus schuf sie abstoßende Formen, die wie Pilze wucherten und zu monströsen Gebilden mutierten – etwa bei Wounds (2008), blutigen, aus Schweineinnereien gefertigten Objekten.

Während eines Stipendiums in Georgien 2011 radikalisierte Tarasewicz ihre visuelle Sprache – paradoxerweise, in dem sie sich auf vorgefundene Materialien und abstrakte Formen beschränkte. Später sollte sie das als ihren Durchbruch bezeichnen. Dieser neue Ansatz kulminierte 2013 in der Einzelausstellung Clinamen in der Warschauer Krolikarnia, einem als Skulpturengalerie genutzten Palast. Die von den Post Brothers kuratierte Schau stellte Tarasewiczs’ eigens aus diesem Anlass konzipierte Arbeiten ausgewählten Artefakten aus der Sammlung und dem Archiv des Museums gegenüber: Bildhauerwerkzeugen, Dokumentarfotografien oder Abgüssen.

Der Titel der Schau war Lukrez’ De rerum natura entlehnt. In seinem didaktischen Gedicht definiert der römische Philosoph „clinamen“ als spontane und unberechenbare Abweichungen in der Bewegung von Atomen. Für Lukrez wird das Universum von Fortuna, dem Zufall, geleitet. Solche überraschenden Parallelen zwischen Geistesgeschichte und den heutigen Naturwissenschaften wurden zum Paradigma von Tarasewicz’ Arbeiten der letzten Jahre. Sie begann auf ihre Art damit, die ursprüngliche Natur der Materie zu erforschen – nach dem zu suchen, „was die Welt zusammenhält“, so wie es auch die Wissenschaftler am CERN tun.

Nach ihrem Abschluss an der Kunstakademie Posen kehrte Tarasewicz dorthin zurück, wo sie aufgewachsen war, nach Podlachien, einem Gebiet im Osten von Polen. Dort lebt und arbeitet sie in dem kleinen Dorf Kolonia Koplany, nur wenige Kilometer entfernt von Białystok, der Hauptstadt der Region. „Was zunächst eine reine Notwendigkeit war“, sagt sie, „hat sich inzwischen als äußerst hilfreich und inspirierend erwiesen. Ich arbeite gerne am Rand des Spielfelds.“ Ihre Familie betreibt seit Generationen einen Bauernhof. Dorthin kehrt sie von ihren vielen Reisen immer wieder zurück. Hier ist der Kreislauf der Natur allgegenwärtig – Werden und Vergehen, Sähen und Ernten.

Ihr Studio erinnert tatsächlich an ein Labor oder das Versteck eines Alchemisten. Die Wände sind gepflastert mit wissenschaftlichen Diagrammen und Formeln. Wenn Tarasewicz untersucht, wie unterschiedliche Materialen miteinander reagieren, gleicht das ein wenig der Suche nach dem Stein der Weisen. Ihre Installationen konzipiert sie hingegen mit kleinen, fast verspielt wirkenden Modellen. Dabei entwickelte sie ein System aus Modulen und Displays. Diese Elemente können in immer wieder neuen Konstellationen zusammengefügt werden, je nach Ausstellungsort und Kontext wachsen oder schrumpfen oder ihre Materialität verändern. Manchmal gleichen sie grazilen Kabinetten, manchmal zusammengeknüllten Metallspinnweben oder geometrischen Liniensystemen. Ihre Installationen sind organisch, so wie auch Architektur organisch sein kann, und greifen immer wieder bestimmte Aspekte aus der Natur auf.

Ihr bildhauerisches Recycling entspringt ihrem Interesse an Philosophie, den Wissenschaften und der Chaostheorie, die besagt, dass innerhalb komplexer Systeme oder Versuchsanordnungen auch kleinste Änderungen einen großen, unvorhersehbaren Einfluss haben – wie der fast sprichwörtliche Schmetterling, der mit seinem Flügelschlag einen Wirbelsturm auslösen kann. Wenn die Künstlerin über ihre Arbeiten spricht, schweift sie häufig zu den wissenschaftlichen Themen ab, die sie gerade faszinieren, und es ist nicht immer leicht, ihr dabei zu folgen. Tarasewiczs Skulpturen hingegen bieten einen sehr unmittelbaren Zugang und offenbaren einen ganzheitlichen Ansatz. „Wenn ich über den Ursprung des Universums lese, kann ich mir das mehr oder weniger gut vorstellen, aber ich glaube es gibt da ganz unterschiedliche Auffassungen. Für Einige ist es Gott, für Andere einfach das Nichts oder die Physik“, erklärt sie, „Mich inspiriert die gesamte Bandbreite von großen und kleinen Perspektiven.“

Und diese Bandbreite zeichnet auch ihre jüngsten Interventionen aus. In ihrer Ausstellung Dust im Warschauer Centre for Contemporary Art setzte sie zum Beispiel auf eine ganz einfache, bescheidene Geste: Tarasewicz verstreute Ocker, ein gelbliches, erdiges Pigment, an verschiedenen Stellen im Ausstellungsraum. Selbst die Fensterscheiben beschmierte sie damit. Die Farbpartikel ließen an Asche denken, aber auch an Sporen, aus denen neues Leben entstehen könnte. Dagegen konzipierte sie für die Zachęta-Ausstellung Gardens eine raumgreifende Installation. Sie bespielte ein ganzes Treppenhaus, das normalerweise für Besucher gesperrt ist. Sie schuf eine Assemblage aus Metallelementen, Seilen und Ablagen, auf denen Reishi Pilze wuchsen. Diese skurril geformten Organismen werden in China unter Namen wie „Pilz der Unsterblichkeit“ oder „Kraut spiritueller Kraft“ seit über 2000 Jahren in der Heilkunde verwendet. Indem man die Treppen hinaufstieg, betrat man eine Art geheimen Garten urzeitlicher Lebewesen, den Überrest eines seit langem abgestorbenen Ökosystems.

Genau das ist das Fesselnde an Tarasewiczs Arbeiten: dass sie sozusagen einen Schritt zurücktritt, als würde sie unsere Welt von einem anderen Planeten betrachten. Die in ihren Installationen allgegenwärtigen Pigmente evozieren die grundlegendsten chemischen Reaktionen, eine ursprüngliche Materie, mit der alles Leben auf der Erde begann. Aber auch die Angst davor, dass wir eines Tages den Computer herunterfahren müssen und er seine letzten Worte spricht, wie HAL-9000, der von Commander Bowman „getötet“ wird: "Halt, Dave. Ich habe Angst, Dave. Mein Gedächtnis verschwindet. Ich fühle es."