„Die Stadt neu verstehen“
Drei Fragen an Sydney Biennale-Direktorin
Stephanie Rosenthal

Dass die von der Deutschen Bank geförderte 20. Ausgabe der Sydney-Biennale im nächsten Frühjahr mit besonderer Spannung erwartet wird, ist vor allem Stephanie Rosenthal zu verdanken. Seit 2007 ist sie die Chef-Kuratorin der Londoner Hayward Gallery, zuvor gestaltete sie zehn Jahre lang das Programm im Münchner Haus der Kunst. Nun wird sie der Biennale neue, globale Impulse geben: Für Sydney hat Rosenthal dreizehn internationale Kuratoren, Autoren und Theoretiker als „Attachés“ berufen, die mit ihr an den Themen der Schau arbeiten. Das gemeinsame Projekt verspricht eines der wegweisendsten Kunstereignisse 2016 zu werden.
ArtMag: Der Titel der 20. Biennale of Sydney ist von einem Zitat des Science-Fiction-Autors William Gibson inspiriert: “The future is already here — it’s just not evenly distributed. “ (Die Zukunft ist schon da – sie ist nur ungleich verteilt). Dieses Zitat spielt auf Utopien, aber auch auf Ungerechtigkeiten an: Die Zukunft ist nur wenigen zugänglich, während es für viele Menschen keinen Ausweg aus ihrer prekären Lebenssituation zu geben scheint. Wie kann die Kunst dabei helfen, Zukunft bzw. Zukunftsperspektiven gleichmäßiger zu verteilen? Hat Ihre Biennale einen politischen Ansatz?

Stephanie Rosenthal: Ich würde nicht sagen, dass sie einen spezifisch politischen Ansatz hat, aber jede einzelne Arbeit, die im Rahmen dieser Biennale zu sehen ist, besitzt politische Relevanz. Der Titel spielt auf die Tatsache an, dass sich die Ausstellung mit dem Jetzt beschäftigt – die Zukunft ist bereits da. Darüber hinaus haben wir unsere eigenen Vorstellungen von der Zeit, die noch kommen wird, ja vielleicht bereits überholt. Während ich über diese Biennale nachdachte, fragte ich mich: Wenn jede Ära ihre eigene Auffassung von der Realität hat, wie sieht dann unsere aus? Heute versuchen sich viele Künstler einer Realität anzunähern, die irgendwo zwischen dem Virtuellen und dem Physischen angesiedelt ist. Vielleicht könnte man diesen Bereich zwischen Utopie und Heterotopie verorten, der für den französischen Philosophen Michel Foucault durch das Spiegelbild repräsentiert wird. Aus meinen Gesprächen mit Künstlern und Kollegen resultiert eines der Kernthemen dieser Biennale – nämlich, dass es immer schwieriger wird, zwischen dem Virtuellen und dem Physischen zu unterscheiden. Darüber hinaus existiert mittlerweile ein „Raum des Dazwischen“, wo sich beides überlagert oder ineinander verschränkt ist. An dieser Stelle ist ein Begriff von Gilles Deleuze sehr nützlich. In seinem Buch Die Falte. Leibniz und der Barock spricht er von einer „unendlichen Falte“. Sie „trennt oder verläuft zwischen Materie und Seele, zwischen Fassade und geschlossenem Raum, dem Äußeren und dem Inneren.“ Der Fokus auf „Räume des Dazwischen“ ist der Schlüssel zu dieser Ausstellung: was unsere Interaktion mit der digitalen Welt anbetrifft, aber auch Phänomene wie Verdrängung, die Besetzung von Räumen und Land, die Verflechtungen und Überschneidungen von politischen und ökonomischen Machtstrukturen.
Der zweite Teil des Titels, „it’s just not evenly distributed”, erinnert an die Tatsache, dass viele Menschen noch immer keinen Zugang zum Internet und anderen grundlegenden Ressourcen haben, die in anderen Teilen der Welt als selbstverständlich erachtet werden, und dass diese ungleiche Verteilung auch geopolitische Auswirkungen hat. Ich habe wirklich gedacht, dass wir alle andauernd online sind. Doch immer, wenn mir dieser Gedanke durch den Kopf schoss, musste ich mich sofort selbst korrigieren. Ich bin nicht sicher, ob uns allen wirklich klar ist, dass nur ein kleiner Teil der Weltbevölkerung in der digitalen Sphäre zuhause ist. Eine Reihe der Biennale-Künstler beschäftigt sich auf ganz unterschiedliche Weise mit diesem Reich des Digitalen. Das Ungleichgewicht beim Zugang zum Internet und zu grundlegenden Ressourcen ist aber nichts Zwangsläufiges, sondern das Resultat von historischen Entscheidungen, aktueller Geopolitik, ökonomischen Werten und Mächten – das alles trägt direkt oder indirekt zu der bestehenden Situation bei.

Mit neuen Ausstellungsorten und performativen Projekten expandiert diese Ausgabe der Biennale jetzt noch stärker in den Stadtraum. Ihre Berater bezeichnen Sie als „Attachés”, die Ausstellungsorte als Botschaften. Im Pressetext heißt es: „Eine Botschaft fungiert traditionell als Staat im Staat: ein Gastland erlaubt es der Botschaft, ein spezifisches Territorium zu kontrollieren. Dieses System ermöglicht die Besetzung und die Erschaffung von neuen Räumen in anderen Ländern.“ Das hört sich ein bisschen nach diplomatischer Immunität für die Kunst an. Warum braucht die Biennale Botschaften?

Diese Biennale ist um verschiedene thematische Cluster herum konzipiert, die sich als „Botschaften“ begreifen. Die Idee der Botschaften entstand aus dem dringenden Bedürfnis, sichere Orte zu schaffen – nicht nur für die Kunst, sondern auch für das Denken. Kunst kann die Realität oder den aktuellen Zustand der Welt reflektieren, sie besitzt aber auch die Fähigkeit zur Imagination, kann Alternativen aufzeigen, andere Visionen des Hier und Jetzt oder der Zukunft erträumen. Diese Botschaften sind eher als temporäre Einrichtungen zu verstehen denn als feste Orte. Mir geht es darum, dass die Besucher diese Räume als vorübergehendes Zuhause wahrnehmen, als Orte, an denen verschiedene Ideen ausgetauscht werden. Es gehört ja zu den Aufgaben einer Botschaft, Informationen zu verbreiten, damit auch in schwierigen Zeiten friedliche Beziehungen aufrecht erhalten und Beziehungen mit anderen Staaten gefestigt werden können. 
Ich hoffe, dass die Botschaften auf der Biennale an bestimmten physischen Orten auch Räume für Ideen entstehen lassen. Hier können Menschen zusammen kommen, die nicht durch ihren Pass, ihre Hautfarbe oder ihren Hintergrund miteinander verbunden sind, sondern durch ihre Ideen oder das Potential, dass sie mitbringen. Das Konzept einer Identität, die sich nicht über die ethnische Abstammung, sondern über eine Vielfalt von Beziehungen definiert, wie es Édouard Glissant in seinem Essay Poétique de la Relation (Poetik der Beziehung) postulierte, spiegelt sich hoffentlich auch in der Rolle der Biennale-Botschaften wieder. Es geht nicht um eine bestimmte Weltsicht, sondern um den Kontakt zwischen verschiedenen Kulturen – mit allen damit verbundenen Reibungen. Identität entsteht in einem chaotischen Geflecht von Beziehungen und nicht durch die im Verborgenen wirkenden Mächte der biologischen Abstammung. Sie beruht auch nicht auf einer Legitimation, die bestimmte Ansprüche garantiert oder von Geburt an zu irgendetwas berechtigt. Sie betrachtet Land nicht als Territorium, von dem aus man sich auf andere Territorien ausbreiten möchte, sondern als Ort des Austauschs, den man nicht in Besitz nehmen muss.

Sie haben vor kurzem die Themen der unterschiedlichen Botschaften und die Künstlerliste bekannt gegeben. Darauf finden sich auch Künstlerinnen aus der Sammlung Deutsche Bank. So sind etwa Dayanita Singh in der “Embassy of Translation” und Nilbar Güreş in der “Embassy of the Real” vertreten. Können Sie uns etwas über den kuratorischen Prozess und die Beziehungen zwischen den einzelnen Künstlern, Arbeiten, Themen und Ausstellungsorten sagen? Welche Erfahrungen können die Besucher der Biennale machen?
 
Die unterschiedlichen Botschaften haben sich aus den Gesprächen entwickelt, die ich im Vorfeld der Biennale mit Künstlern geführt habe. Sie stehen für ganz spezifische, dringliche Fragestellungen und Herausforderungen. Die Biennale setzt sich also mit unterschiedlichen Themen und Methodologien auseinander, die gerade jetzt, in dieser Zeit, auf dieser Biennale, untersucht werden müssen. Es geht mir darum, mit den Künstlern wirklich zusammen zu arbeiten, deshalb ist das Konzept der Biennale auch um sie herum aufgebaut. In einigen Fällen können wir den Ansatz eines Künstlers oder einer Künstlerin mit zahlreichen Arbeiten grundlegend beleuchten, in anderen Fällen haben wir einzelnen Künstlern ganze Räume überlassen.
Die Themen der Botschaften sind stark mit ihrem jeweiligen Ort verknüpft. Ich gebe Ihnen ein Beispiel. Am Anfang meiner Recherchen für die Biennale war ich auch auf Cockatoo Island. Aber erst bei meinem dritten Besuch fiel mir auf, dass es sich bei einer alten Backsteinmauer in Wirklichkeit nur um eine Kulisse handelte, ein Überbleibsel von einem Filmset. Auf der Insel gibt es zahlreiche sichtbare Spuren ihrer Geschichte. Sie diente einst als Sträflingskolonie und dann siedelten sich hier große Schiffswerften an. Die Mauer ist allerdings ein Relikt aus der jüngsten Vergangenheit, als hier ein Hollywood-Film gedreht wurde. Es handelt sich also um den perfekten Ort für Künstler, die sich damit beschäftigen, wie wir die Realität in unserer zunehmend digitalisierten Welt wahrnehmen. Deshalb spielt die „Embassy of the Real” mit diesem etwas theatralischen „Real“- und „Nicht Real“-Aspekt der Insel. Den Künstlern geht es hier um Räume zwischen dem Virtuellen und Physischen, aber auch um die Körperlichkeit des Menschen.
Neben den institutionellen Ausstellungsorten der Biennale gibt es auch eine ganze Reihe anderer Räume mit einer bestimmten historischen oder kulturellen Bedeutung. Das Spektrum reicht von einem ehemaligen Bahnhof bis zu einem Friedhof oder einer Bibliothek und anderen Räumen, die eine Art Übergangszustand repräsentieren. Die Idee, das „Dazwischen“ in den Vordergrund zu rücken und im Kontext der Biennale physisch erfahrbar zu machen, ist eines der vorrangigen Anliegen. Das hängt auch mit meinem Wunsch zusammen, die Ausstellung noch stärker auf die Stadt auszudehnen, um die architektonische, kulturelle und ethnische Vielfalt  Sydneys widerzuspiegeln: den Schwerpunkt von der Gegend um den Hafen und dem zentralen Geschäftsviertel wegzubewegen und den Fokus stattdessen auf innerstädtische Gebiete zu richten, die sich im Zuge der Gentrifizierung mit großer Geschwindigkeit verändern. Ein anderer Schwerpunkt liegt auf Performances, bei denen die Grenzen zwischen einzelnen künstlerischen Disziplinen verschwimmen. Performances an ungewöhnlichen Orten sind ein wiederkehrendes Element und bieten die Möglichkeit, sich Räume anzueignen oder neu zu choreografieren.
Ich hoffe, dass die Besucher jede Botschaft ganz individuell erleben, dabei aber gleichzeitig auch Verbindungen entdecken – indem ihnen etwa ähnliche Anliegen bei verschiedenen Künstlern bewusst werden oder dass man sich einem Thema in den einzelnen Botschaften auf ganz unterschiedliche Weise annähert. Ich hoffe auch, dass die Bürger von Sydney und die anderen Biennale-Besucher die Stadt auf eine andere Weise wahrnehmen – und dabei neue Wege entdecken, sie zu verstehen.

20. Biennale of Sydney
18.03. — 05.06.2016