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Bilder vom Ende des amerikanischen Traums
Philip-Lorca diCorcia in der Schirn Kunsthalle


Philip-Lorca diCorcia verbindet dokumentarische Street-Photography und aufwendige Inszenierungen. Das Ergebnis: rätselhafte Bilder, die wirken wie Film-Stills oder Momentaufnahmen einer imaginären Handlung. Jetzt widmet die Frankfurter Schirn dem Fotografen eine große Retrospektive – seine erste in Europa. Sarah Elsing hat sich mit diCorcia über die Ausstellung, seine Bilder in der Sammlung Deutsche Bank und die Schattenseiten der amerikanischen Gesellschaft unterhalten.


Immer wieder musste Katharina Dohm den vergriffenen Bildband durchblättern. Von vorne nach hinten, von hinten nach vorn. A Storybook Life – ein Buch mit zwischen 1975–1999 entstandenen Bildern des amerikanischen Fotografen Philip-Lorca diCorcia – ließ der Kuratorin der Frankfurter Schirn-Kunsthalle keine Ruhe mehr. „Irgendetwas fesselte und verstörte mich zugleich“, sagt sie. „Also bin ich nach New York gefahren und habe diCorcia überzeugt, diese Ausstellung zu machen.“ Und so entfaltet sich das Storybook Life jetzt in der Schirn, wie ein begehbares Fotobuch. Vom Anfang, wo der schon etwas gebrechliche Vater des Künstlers vom Bett aus Fernsehen schaut, bis zum Ende, wo er vor ein paar leeren Stuhlreihen im Sarg liegt. Dazwischen liegen 74 Aufnahmen, in denen diCorcia Verwandte und Freunde in banalen Alltagsituationen festgehalten hat. Der Bruder, der eine Decke renoviert, eine Frau, die bügelt, ein Freund, der seinen zerstochenen Arm auf die Schreibmaschine legt, als würde er gleich lostippen. Sie wirken wie dokumentarische Schnappschüsse. Und doch ist alles inszeniert. Es sind in der Bewegung eingefrorene Momente, die kein Vorher und Später haben. Die Frau wird nie fertig bügeln und der Freund nie einen Roman schreiben. Und trotzdem sucht der Betrachter immer wieder nach einer Story hinter den Figuren, vielleicht sogar einer „Lebensgeschichte“ wie sie der Titel der Serie schließlich suggeriert. Aber es gibt sie nicht.

„Ich denke, es ist eher das Enigmatische, die Andeutung einer Geschichte, was die Leute fasziniert“, erklärt diCorcia „Ich bezweifle, dass sie noch interessiert wären, wenn die Geschichten offensichtlicher wären.“ Dabei liegt ihm das Erzählen eigentlich sehr nahe. Ursprünglich hatte er sogar Filmemacher werden wollen. „Während meiner Zeit auf der Kunsthochschule hat mich Film sehr interessiert, sowohl auf einer ästhetischen wie auf einer emotionalen Ebene. Die Möglichkeit dieses Mediums, Zweifel außer Kraft zu setzen und seine emotionale Kraft habe ich immer bewundert.", erzählt er. Tatsächlich sehen viele seiner Fotografien aus wie Film-Stills, scharf ausgeleuchtet und eindeutig inszeniert. „Das stimmt. Aber im Film geht es nicht um Style, es geht um Geschichten. Und zu einem Drehbuch haben die Geschichten, die ich mir manchmal über meine Protagonisten ausdenke, nie gereicht.“

DiCorcias neueste Serie East of Eden hat ganz offensichtlich eine fiktionale Grundlage. Nicht nur, weil der Titel an das Buch Genesis, Adam und Eva und die Vertreibung aus dem Paradies anknüpft. Jenseits von Eden ist auch der Titel eines berühmten Steinbeck-Romans – 1955¬ bravourös verfilmt mit James Dean – der angelehnt an die Geschichte von Kain und Abel die Kehrseite des amerikanischen Traums erzählt. East of Eden hat aber auch eine ganz reale Grundlage: „Als die Finanzkrise begann, war das wirklich wie ein Verlust der Unschuld, den die ganze Welt erlebt hat. Die Finanzkrise war der Beginn einer Wirtschaftskrise, die eine politische Krise nach sich zog. Es hat zwei Regierungen gedauert, bis klar wurde, dass der Irak-Krieg auf einer Lüge basierte, dass Saddam Hussein nicht mit Al-Quaida zusammenarbeitete und dass Afghanistan unmöglich zu transformieren sein würde. Jetzt haben wir Naturkatastrophen, die wir uns in diesem Maße nicht einmal vorstellen konnten. Und dann sind da all diese Menschen ohne Dach über dem Kopf. Ich spürte den zwingenden Drang, darauf zu antworten. Ich antworte nie direkt. Aber diesmal gab es eine klare Motivation eine neue Symbolik zu entwickeln.“
 
Diese Symbolik sieht in den East of Eden-Bildern ziemlich traurig aus. Adam und Eva sind ein blindes Paar, er schwarz, sie weiß, umgeben von dem, was ihnen vom Leben geblieben ist – ein bescheidenes Zuhause und ein weißer Labrador. Dass die beiden blind sind, bedeutet für diCorcia nicht nur, dass sie am Leben nur eingeschränkt teilhaben können. Sie haben auch den Blick ins Paradies verloren. „Blinde, die von Geburt an blind sind, träumen nicht. Jedenfalls nicht in dieser verschlungenen Bilderflut, die Sehende aus ihren Träumen kennen.“ Und noch eine weitere Version von Adam und Eva hat diCorcia inszeniert. In einem reinweißen Luxusapartment hocken zwei reinweiße Rassehunde und starren auf einen Porno, der gerade im Fernsehen läuft. Ein Moment der Erkenntnis? Verlust der Unschuld? Symbol einer pervertierten Gier nach Luxus?

Noch zugespitzter überlagern sich die Probleme, unter denen Amerika aktuell leidet, – Finanzkrise, Überschuldung und Naturkatastrophen  –  in seiner Aufnahme Iolanda. Wie absurd und größenwahnsinnig müssen der Frau die New Yorker Hochhäuser vorkommen, diese Symbole von Wachstum und Wohlstand, die sie von ihrem Hotelzimmer aus sieht? Im Fernsehen rast schon der nächste Tornado auf die Stadt zu. Doch die Frau starrt auf die friedliche Skyline  – und ihr Spiegelbild, das sich im Panorama-Fenster darüber legt.

Den Kunstgriff, über einen laufenden Fernseher eine zweite Ebene in das Bild zu holen, hat diCorcia schon in früheren Arbeiten eingesetzt. In der Serie Hustlers, für die er Anfang der neunziger Jahre männliche Prostituierte rund um den Santa Monica Boulevard in Hollywood fotografierte, findet sich auch Gerald Hughes (a.k.a. Savage Fantasy), about 25 years old, Southern California, $50. In einem Tanga, an dem ein Schlüsselanhänger baumelt, posiert Gerald in einem Motel-Zimmer. Auf seinem schwarzen, muskulösen Körper schimmert das Licht des Fernsehers, in dem die Bill Cosby Show läuft – die erste US-amerikanische Serie, deren Protagonisten Afroamerikaner der oberen Mittelklasse waren. Ein krasser Gegensatz zu dem Mann, der nur 50 Dollar für seine Dienste nimmt und dessen Name Savage Fantasy, an das Klischee des „wilden“ Schwarzen appelliert.

DiCorcia interessiert sich besonders für Menschen, die am unteren Rand der Gesellschaft leben. Außenseiter, Arme, Blinde, Prostituierte. Das zeigt sich auch in seiner 2004 entstandenen Serie Lucky 13, deren Titel auf die amerikanische Redensart anspielt, dass die Pechsträhne endlich ein Ende habe möge. In einem Club fotografierte er nackte Frauen in akrobatisch-erotischen Posen beim Tanz an der Stange. Kopfüber, den Oberkörper parallel zum Boden, nur gehalten durch die um die Stange geschlungenen Fesseln. Vor dem im Dunkel verschwindenden Hintergrund der Bar leuchten die schlanken Körper der Pole Dancer weiß und glatt. Fast wie Marmorskulpturen gefallener Engel.

„Das ist ein Nebeneffekt, der durch die Beleuchtung entsteht“, erklärt diCorcia. „Aber er ist notwendig, weil ich ein visuelles Objekt schaffe. Ich versuche, den Betrachter nicht vor den Kopf zu stoßen – wenigstens nicht visuell. Er soll sich das Bild einmal, zweimal, mehrere Male anschauen können. Ich mache nicht diese Art von Fotografie, die ‚Boom’ macht und das war’s.“ In der Tat liegt hinter diCorcias Bildern noch eine tiefere Ebene. Die Tänzerinnen sind für ihn eine Metapher für die Menschen, die aus dem World Trade Center gefallen sind. Sie hängen fast immer kopfüber, als würden sie fallen. „Ich habe Höhenangst und das schlimmste, was ich mir vorstellen kann, ist von einem hohen Gebäude aus herunter zu fallen. Mir kam es so vor, dass die USA eine Art Fetisch aus 9/11 gemacht haben. So fügte sich für mich das eine zum anderen. Auch in der Mythologie sind Eros und Thanatos eng miteinander verbunden. Sie sind jeweils die Kehrseite des anderen.“

Zusammen mit David Armstrong, Nan Goldin, Mark Morrisroe und Jack Pierson, die wie diCorcia im Boston der siebziger Jahre Fotografie studiert haben, wird der 1951 geborene Künstler häufig unter dem Stichwort Boston School abgehandelt. Dabei fallen immer wieder Begriffe wie „Schnappschussästhetik“ oder „gesellschaftliche Außenseiter“. Zwar existieren thematische und formale Überschneidungen im Werk dieser fünf Künstler, doch jeder von ihnen hat eine ganz eigene fotografische Sprache entwickelt. DiCorcia jedenfalls lehnt dieses Label vehement ab. Bekannt wurde er mit seiner Serie Streetworks (1993–1999), für die er nichts ahnende Passanten auf dem Weg zur Arbeit, nach Hause, zum Einkaufen oder zum Sport fotografierte. Wie für die Hustler-Serie wählt diCorcia vorher Ort, Standort der Kamera und Komposition des Bildausschnitts sorgfältig aus und leuchtet seine Sets mit aufwendigen Aufbauten aus. Alles wird mit Hilfe von Polaroids dokumentiert. In diese Filmset-artige Apparatur laufen die Passanten dann zufällig hinein und lösen den „Schuss“ aus.

DiCorcias Lieblingsbild ist Cuba aus dem Jahr 1999, das als Teil der Sammlung Deutsche Bank aktuell in der Ausstellung Stadt in Sicht im Dortmunder U zu sehen ist. Ein zweiter Abzug hängt in der Frankfurter Ausstellung. „Ich stand zwei Stunden an dieser Straßenecke in Havanna, bis es anfing zu regnen“, erzählt diCorcia. „Ich hatte nur elf Fotos geschossen. Aber später erkannte ich, wie außergewöhnlich diese Serie war, weil sich auf dieser einen kleinen Straße innerhalb von zwei Stunden so viel abspielte. Cuba mag ich besonders, weil es so inkongruent erscheint. Es mag grausam klingen, aber die Frau rechts hat riesige Hüften und links geht ein kleiner, schwarzer Mann mit verkrüppelten Beinen. Die Tatsache, dass er der Frau fast lüstern auf den Hintern schaut, fand ich interessant, auch dass es weder für ihn noch für die Frau erniedrigend wirkt.“

Oder London, ebenfalls aus der Sammlung Deutsche Bank und in Dortmund zu sehen: Da geht ein einsamer Geschäftsmann durch die Londoner City. Straßen und Bürgersteige sind vollkommen leer, obwohl es mitten am Tag ist. Bemerkenswert ist jedoch, dass der Mann Kopfhörer trägt, was in den späten Neunzigern noch nicht zur üblichen Grundausstattung des modernen Großstädters gehörte. Er macht sich taub für die Welt, dabei ist seine Umgebung ohnehin schon leer und still. Für diCorcia ist das ein signifikantes Phänomen unserer Zeit: „Ich habe das Gefühl, dass dies eine Art Versenkung in sich selbst ist. Diese Geräte kapseln uns von allem ab, was um uns herum geschieht. Und als Fahrradfahrer in New York kann ich sagen: Diese Leute sind wirklich gefährlich. Sie nehmen nichts mehr wahr außer sich selbst.“

Von Streetworks ist der Weg zu diCorcias nächster Serie Heads (2000–2001) nicht mehr weit. Anstatt eine hektische Straßenszene in ihrer Gesamtheit aufzunehmen, fokussiert er Scheinwerfer und Kamera nun auf eine einzelne Person. Eine alte Frau versteckt sich unter ihrem Regenhut, ein pickliger Teenager stiert ins Leere, ein schwarzer Sicherheitsmann blickt resigniert zu Boden. Niemand schaut in die Kamera. Denn niemand hat sie bemerkt. Und trotzdem glaubt man, etwas Charakteristisches in diesen Gesichtern zu sehen, etwas Wahres, Intimes. Auch wenn der Porträtierte innerhalb des Bruchteils einer Sekunde schon wieder vorbei gegangen ist. Das wirft das ganze Konzept der klassischen Porträtfotografie durcheinander. Denn was ist ein lange vorbereitetes, wohl inszeniertes Porträt wert, wenn man im Schnappschuss eines Unbekannten genauso viel erkennen kann?

Genau dieses „Erkennen“ war einem der Porträtierten, einem orthodoxen Rabbiner, unheimlich. Er hatte sich bei einer Ausstellung von diCorcias Werken wieder erkannt und den Fotografen verklagt. Er sah seine Persönlichkeitsrechte verletzt und fühlte sich an der freien Ausübung seiner Religion gehindert. Doch diCorcia bekam Recht – als Künstler. Dennoch distanziert er sich von dieser Titulierung: „Das Wort ‚Künstler’ hat etwas sehr Scheinheiliges. Als wären sie eine eigene Rasse. Picasso hat einmal gesagt, Kunst sei die Lüge, die die Wahrheit offenbare. Aber ich glaube einfach nicht, dass Künstler eine besondere Verbindung zur Wahrheit haben. Das mag über die Jahrhunderte für ein paar Genies stimmen. Aber heute wird Kunst doch aus ganz praktischen Gründen gemacht: um eine Banklobby zu schmücken oder das Ego eines Hedgefond-Managers.“

Schaut man sich die Bilder von East of Eden noch einmal an, kommt man auf andere Gedanken. Wie seit eh und je reitet der Marlboro-Mann durch die Prärie. Es könnte alles so schön sein. Doch das Land, wo einst Milch und Honig flossen, ist abgebrannt. Eva, so steif und schön wie eine Barbie, steht eingefroren unter einem Baum. Sogar der Apfelbaum, den diCorcia mit Hilfe von Photoshop so dicht und prächtig gemacht hat, dass ihm die Ewigkeit nichts anzuhaben scheint, steht in Wirklichkeit nicht mehr. Ein Hurricane hat ihn aus der Erde gerissen. Emblematischere Bilder für den Tod des amerikanischen Traums kann es kaum geben. Und da soll nichts Wahres dran sein?


Philip-Lorca dCorcia: Photographs 1975 - 2012
Schirn-Kunsthalle, Frankfurt
Bis 8. September 2013




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