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Stadt in Sicht
Die Samlung Deutsche Bank zu Gast im Dortmunder U


Das Zeitalter der Städte: Megacitys beschäftigen nicht nur Urbanisten. Wie Künstler die Stadt sehen und denken, zeigt jetzt eine Ausstellung aus der Sammlung Deutsche Bank: "Stadt in Sicht". Kunst, so Kurt Wettengl, Museumsdirektor in Dortmund, hilft nicht nur die Stadt anders zu erleben, sondern auch sie zu verändern.


„Veränderung“ ist ein Wort, das im Gespräch mit Kurt Wettengl immer wieder fällt – ganz gleich, ob es nun um die Kunst oder die Stadt geht. „Was mich reizt, ist vielleicht auch nur einen Krümel dazu beizutragen, dass ein Mentalitätswandel im Ruhrgebiet einsetzt“, sagt der Direktor des Dortmunder Museums am Ostwall. Von seinem Haus spricht er als „Kraftwerk“. Und das soll nicht nur Impulse aussenden, sondern auch aufnehmen: von außen, aus der Wirklichkeit der Region und der Menschen, die in ihr leben.
 
Stadt in Sicht lautet der programmatische Titel einer Schau aus der Sammlung Deutsche Bank, die er in diesem Frühjahr zeigt. Die Ausstellung, die mit rund 70 Positionen und 280 Werken den künstlerischen Blick auf die unterschiedlichen Aspekte urbanen Lebens untersucht, findet hier einen idealen Ort. Nicht nur, weil man von der Ausstellungshalle des Museums im Obergeschoss des Dortmunder U über die ganze Stadt blickt. Sondern auch, weil die Institution und ihr Leiter sich engagiert für den Dialog zwischen Kunst, Architektur und Stadtentwicklung einsetzen.
 
Und der hat hier im Ruhrgebiet besondere Dringlichkeit. Der Strukturwandel von einer Industrie- zu einer Wissens- und Dienstleistungsgesellschaft ist hier besonders deutlich zu spüren. Angesichts von Zechensterben und Stahlkrisen musste sich der „Pott“ nicht nur von seiner industriellen Monokultur verabschieden, sondern auch eine neue Identität finden. Und die ist längst nicht mehr so eindeutig wie früher: Kohle, Koks und Kumpel. Inzwischen arbeiten fast 75 % der Beschäftigten in Handel, Verkehr und Forschung. Der Ausbau der Infrastruktur zieht immer mehr Unternehmen an. Dennoch kämpft das Ruhrgebiet: mit dem Schrumpfen der Städte, Wegzug, Überalterung, Arbeitslosigkeit. Zugleich eröffnen all diese Probleme auch die Chance, den Begriff von „Stadt“ neu zu definieren. Dabei reicht es nicht, nur High-Tech-Unternehmen und Konzerne anzuziehen. Es gilt auch, mehr Wohn- und Lebensqualität und neue Formen urbaner Kultur zu entwickeln.
 
Ein Wahrzeichen des Aufbruchs ist das Dortmunder U, in dessen oberen Stockwerken das Museum am Ostwall seit 2010 residiert. Das „U“ steht für die Union-Brauerei, die in den 1920er-Jahren im Stadtzentrum errichtet wurde und lange leer stand. Einst ein schrundiger Solitär mitten in der Wüstenei eines abgeräumten Industrieareals hat sich diese Trutzburg zum Leuchtturm gewandelt – zum offenen Haus für Kunst, Kultur und Wissenschaften. Diese Offenheit signalisiert bereits das spektakuläre Treppenhaus. Um Licht und mehr Raumgefühl in das Gebäude zu bringen, haben die Architekten an der Ostseite einen Teil der Decken aller Geschosse entfernt, sodass man vom Erdgeschoss durch die „Kunstvertikale“ bis unter das Dach blicken kann – rund 64 Meter hoch. Rolltreppen führen empor in das Museum, vorbei an Institutionen wie etwa dem Hartware MedienKunstVerein, an einem Filmclub oder der Fachhochschule Dortmund. Wer durch das Haus fährt, kann unter Glas, Stahl und strahlendem Weiß noch immer den Geist der Brauerei spüren: „Während die Wechselausstellungshalle im Obergeschoss eine Raumhöhe von etwa 6,50 Meter hat, sind die Räume im ersten Stockwerk nur 3,50 Meter hoch“, erzählt Wettengl. „Diese eigenwillige Architektur hat mit der Statik und den Produktionsabläufen der Brauerei zu tun, weil damals von oben nach unten produziert wurde: Oben waren die Lagerhallen, in den unteren Etagen befanden sich die Gärbecken und die Abfüllung. Und ganz unten, im Erdgeschoß, haben wir wieder eine imposante Deckenhöhe – da konnten die Bierkutscher reinfahren und die Fässer einladen. Der außen mit Klinkern verkleidete Betonbau war das erste Brauerei-Hochhaus in Deutschland überhaupt.“
 
Mit Stadt in Sicht beschäftigt sich Wettengl nicht zum ersten Mal mit Aspekten des urbanen Lebens. Bereits vor dem Umzug in das Dortmunder U, als sein Museum noch am Ostwall beheimatet war, ging er dabei immer wieder ungewöhnliche Wege. Schon lange bevor das Dortmunder Architekturbüro Gerber den Wettbewerb für den Umbau der Union-Brauerei gewann, stellte Wettengl sie im Museum vor. Seine Bedingung für eine Ausstellung war allerdings, dass die Architekten ein funktionierendes Büro im Ausstellungsraum einrichten: „Dann haben sie tatsächlich bei uns im Museum zehn Wochen lang ein Büro betrieben und an Entwürfen gearbeitet. An den Wänden waren ihre Projekte ausgestellt, sie haben sogar während der Ausstellung zwei Wettbewerbe gewonnen. Das Publikum konnte sehen, wie etwas geplant wird, das auch sie selbst betrifft.“
 
Im Rahmen einer Ausstellung über Kioske oder „Büdchen“, wie sie im Ruhrgebiet genannt werden, gründete der Museumsdirektor gar einen Verein: den 1. Kiosk-Club, der sich der Erforschung und Pflege der Büdchen-Kultur widmet. Auf der Homepage des Vereins gibt es die World Wide Kiosk Map und Infos zu den regelmäßigen Rundgängen. Wie auch die Exkursionen, die das Museum unter dem Motto Dortmund – Ein Ort für uns! anbietet dienen sie als Anregung, mitzugestalten. Wettengl erläutert: „Die Spaziergänge durch die Städte gab es bei den Dadaisten, bei den Surrealisten und dann bei den Situationisten. Dieses dérive, also das Umherschweifen in der Stadt, hat der Soziologe Lucius Burckhardt im Sinne der Promenadologie, der „Spaziergangswissenschaft“, weiterentwickelt – man spaziert ganz bewussten Auges durch einen unbekannten Stadtteil oder die Peripherie, stellt Beobachtungen an, macht Aufzeichnungen, fotografiert. Man gelangt so von einer unbewussten zu einer bewussten Wahrnehmung von Stadt, städtischem Raum und Architektur. Das ist etwas, was mich sehr interessiert, weil es auch die Schulung der Sinne ist – eben nicht im Museumskontext, sondern im Freien.“
 
Stadt in Sicht verlagert das Prinzip des Flanierens wieder ins Museum. Ursprünglich sei man von stadtsoziologischen Kategorien und stadtgestalterischen Überlegungen ausgegangen, so Wettengl. Doch dann habe man sich dagegen entschieden. Stattdessen widmet sich die Ausstellung mit Werken aus der Sammlung Deutsche Bank dem spezifischen künstlerischen Blick auf die Städte aus ganz unterschiedlichen Perspektiven. Die älteste Arbeit in der Schau führt uns quasi vor Ort: Der in Bottrop geborene Josef Albers wurde mit seinen Quadratbildern weltberühmt. Doch in seiner Lithografieserie von 1917 zeigt er ganz realistisch die für das Ruhrgebiet so typischen Arbeitersiedlungen. Das aktuellste Werk in der Ausstellung hingegen ist eine dystopische Vision: Rob Voermans Thistlegarden #2 von 2011 zeigt eine Szenerie, die an New York erinnert. Inmitten der kantigen Hochhäuser wuchert eine organische, parasitäre Anti-Architektur. Wie ein gigantischer Fremdkörper hat sie sich im verbliebenen Grün der Stadt eingenistet, läutet ihren Niedergang und eine neue Ära ein.
 
Zwischen diesen beiden Werken liegt ein Jahrhundert. „Stadt“, das ist nicht nur ein zentrales Motiv für Künstler, sondern ein Experimentierfeld, auf dem kritisiert, archiviert, interveniert, weitergedacht wird. Hier werden Ängste und Hoffnungen projiziert, Utopien und Untergangsszenarien entworfen. So leitet die Ausstellung nicht chronologisch, sondern thematisch geordnet durch das Jahrhundert der Städte. Die Exkursion durch das Stadtleben führt sowohl mit Otto Dix und George Grosz in die Nachtclubs und Cafés des Berlins der 1920er-Jahre als auch mit der iranischen Fotografin Shirin Aliabadi in die Straßen Teherans, wo junge Frauen in ihren Autos Partys feiern. Ob nun Imi Knoebel in den 1970er-Jahren Lichtkreuze auf Hauswände projiziert, die Marokkanerin Yto Barrada Neubauten in Tanger wie Skulpturen abfotografiert oder Dayanita Singh erleuchtete Straßen wie Nervenbahnen erscheinen lässt: Die Ausstellung zeigt, wie Künstler die Stadt verfremden, ästhetisieren oder in sie eingreifen. Am Ende stehen Visionen und Utopien, „mit denen die Ausstellung dann das Publikum nach Hause schickt“, wie Wettengl bemerkt. Das sind etwa die futuristischen Entwürfe Buckminster Fullers, der in den Zeiten des Kalten Krieges von einer sozialeren Welt träumte, oder die Collagen des Dänen Jakob Kolding, der uns wie Alice im Wunderland hinter modernistischen Trabantenstädten in eine andere Wirklichkeit blicken lässt.
 
Stadt in Sicht, das heißt nicht nur, dass wir die Stadt mit anderen Augen sehen können. Der Titel der Ausstellung im Dortmunder U deutet an, dass wir auf einer Reise sind, was die Zukunft der Städte anbelangt. Wohin diese Reise führt, auch das zeigt die Schau, hängt nicht zuletzt davon ab, ob jeder Einzelne die Möglichkeiten ergreift, die Stadt von Morgen selbst mitzugestalten.
Oliver Koerner von Gustorf

Stadt in Sicht - Von Feininger bis Gursky
Werke aus der Sammlung der Deutschen Bank

Museum Ostwall im Dortmunder U
20.4. – 4.8.2013




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