ArtMag by Deutsche Bank Deutsche Bank Gruppe  |  Verantwortung  |  Kunstprogramm  |  Deutsche Bank KunstHalle  |  English  
Home Feature On View News Presse Archiv Service
Diese Kategorie enthält folgende Artikel
Boris Mikhailovs inszenierter Realismus
Audrey Flack: Breaking the Rules
Wirklich nette Jungs: Galerist Louis K. Meisel über die Fotorealisten
Doppelter Blick: Zoe Leonard
Subtile Irritationen: Benjamin Yavuzsoys Video-Performances
Postcards from Indonesia: Neuankäufe der Sammlung Deutsche Bank
Exkursion in die Glanzzeiten des Fotorealismus

drucken

weiterempfehlen
Subtile Irritationen
Benjamin Yavuzsoys absurde Video-Performances


Seit Februar leben und arbeiten die diesjährigen Villa Romana-Preisträger in dem Florentiner Künstlerhaus. Der Villa Romana-Preis ist der älteste deutsche Kunstpreis und stellt zugleich das am längsten bestehende kulturelle Engagement der Deutschen Bank dar: Seit mehr als 80 Jahren unterstützt sie die renommierte Auszeichnung. In seiner Serie über die aktuellen Preisträger stellt db artmag jetzt Benjamin Yavuzsoy vor. Er überzeugte die Jury mit seinen Video-Performances, die gesellschaftlich determinierte Verhaltensmuster auf subtile Weise in Frage stellen. Kito Nedo hat Yavuzsoy in Florenz zum Gespräch getroffen.




"Generosität ist das, was mich in all meinen Arbeiten interessiert" sagt Benjamin Yavuzsoy, während er in der Küche seines Appartements in der Villa Romana steht und einen Espresso kocht. Bis auf das Klappern des Geschirrs ist es still. Durch die Atelierfester blickt man nach draußen in den weitläufigen Park der Villa, über Zypressen und Bambushaine. "Generosität" – schnell wird klar, dass der 1980 in Bremen geborene Künstler bei diesem etwas altertümlichen Wort nicht an einen bestimmten, feststehenden Begriff von "Großzügigkeit" denkt. Dieser Begriff wird von Yavuzsoy nicht im Sinne einer Tugendregel verstanden, sondern eher als offenes Konzept, aus dem er die Handlungsmaximen für seine Video-Performances, Papierarbeiten und Textminiaturen ableitet. Pathos würde auch kaum zu diesem freundlichen jungen Mann in Jeans und Sweatshirt passen, der das anschließende Gespräch lieber ohne Aufnahmegerät führen möchte. Diese Zurückhaltung kennzeichnet auch seine Arbeit: Aus der Kunst Yavuzsoys spricht ein feiner Sinn für den Surrealismus, der in den Zwischenräumen eigener oder fremder Alltagsroutine nistet.

An diesen Surrealismus muss man etwa denken, wenn man die Video-Performance Alle Wünsche gehen in Erfüllung (2007) betrachtet, für die sich der Künstler als nächtlicher Eindringling auf dem Dachboden eines Hamburger Behördenbaus inszeniert, um dort mehrere rätselhafte Veränderungen vorzunehmen. Im Video sieht man, wie Yavuzsoy den Raum durch das Fenster betritt, umhergeht und sehr sorgfältig ein opulentes Abendkleid aus rotem Samt an einer Wäscheleine drapiert, um danach in einen der herumliegenden Reinigungspläne einen Eintrag vorzunehmen: "Alle Wünsche gehen in Erfüllung." Mutmaßliches Ziel der Aktionen war es, am nächsten Morgen unter den Mitarbeitern der Reinigungsfirma für milde Verwirrung zu sorgen, denn sie nutzen den Ort nur als Lager für Putzutensilien und zum Trocknen ihrer Scheuerlappen. Den Einwand, man könne die Kleider-Aktion auch als billigen Scherz auf Kosten derer interpretieren, die einer notwendigen, jedoch gesellschaftlich wenig angesehenen und schlecht entlohnten Tätigkeit nachgehen, bei der die eigenen Wünsche eher auf der Strecke bleiben, will der Künstler nicht gelten lassen: auch diese Arbeit sei schließlich Teil des Alltags und damit auch Thema seiner Kunst.

Gegen mögliche Missverständnisse will Yavuzsoy sich auch gar nicht absichern. Denn die Beantwortung der vielen Fragen, welche die simplen Handlungen des Künstlers in diesem zunächst unprätentiös wirkenden Video aufwerfen, überlässt er gern der Vorstellungskraft seines Publikums. Wie werden wohl diejenigen reagieren, denen der Künstler seinen Satz im Arbeitsplan hinterließ? Was wird mit dem altmodischen Abendkleid geschehen, das Yavuzsoy zur freien Verfügung des Finders zurückgelassen hat? Ist der Betrachter des Videos womöglich nur Zeuge eines Vorspiels, während das eigentliche Kunstwerk mangels Dokumentation unsichtbar bleibt und nur durch die eigene Phantasie zur Vollendung gebracht werden kann? Das alles erfährt man nicht, ebenso wenig wie genaue Orts- und Zeitangaben für Yavuzsoys geisterhaften Auftritt, den er ohne fremde Hilfe filmte und in die Form eines vierminütigen Videos brachte.

Vielleicht war es auch die Geheimnis- und Gedächtnislosigkeit des spartanischen Raumes, dessen Leere und Unbehaustheit durch das harte Neonlicht noch betont wurden, die den Künstler zu seiner Aktion inspirierte? Dienen doch Dachböden traditionell nicht nur zum Aufhängen von Wäsche, sondern auch zur langfristigen Einlagerung von ausrangiertem Hausrat, Büchern und Dokumenten. Sie avancieren so zum Ort des Unbewussten innerhalb der räumlichen Ordnung des Hauses – ein Platz für Vergessenes, vielleicht auch Unterdrücktes, das dort in Kisten seiner Entdeckung harrt. Doch diese mythisch-architektonische Funktion, die etwa Anselm Kiefer in den frühen Siebziger Jahren mit seinen "Dachboden-Bildern" beschwor, erfüllt die von Yavuzsoy besuchte Räumlichkeit nicht. Jegliche Aura von Geheimnis, die jene spärlich beleuchteten Plätze oft umweht, ist vermutlich zugunsten feuerschutztechnischer Richtlinien längst verschwunden.

Auch mit den Street-Art-Künstlern unserer Tage, die oft mit den Mitteln der Kommunikationsguerilla den Großstadtmenschen aus seiner Alltagsroutine rütteln wollen, hat Yavuzsoy wenig gemein, selbst wenn er mit ihnen nicht nur die Liebe zum Überraschungsmoment teilt, sondern auch einen gewissen Optimismus gegenüber den Nicht-Orten der Gegenwart, die trotz ihrer Charakterlosigkeit als Bühne für sublime Spiele dienen können. Denn im Gegensatz zu den oft im Schutz der Anonymität operierenden Künstlern, dienen ihm halböffentlichen Räume als Bühnen für seine Selbst-Inszenierungen. Er trägt den Moment des Intimen in die Arena des Öffentlichen. So sieht man ihn in seinen anderen Videos in einer Tiefgarage (Ich bevorzuge in der Küche zu tanzen, 2007), einem Hotelzimmer (Das glaube ich nicht, 2005) oder einer Autowerkstatt (Ein Schlüsselsatz, 2008). All diese Orte lassen sich mit Dienstleistungen in Zusammenhang bringen. Und als Akteur handelt Yavuzsoy in dieser Umgebung stets mit äußerster Bedachtsamkeit – wie jemand, dessen Idee von Kunst eher der einer besonderen Dienstleistung entspricht als der eines abgehobenen Luxusgutes.

Sich mit Dampfhammer oder sozialkritischem Zeigefinger den Schauplätzen und den dazugehörigen sichtbaren oder unsichtbaren Mit-Akteuren seiner Performances zu nähern, ist also nicht Yavuzsoy Sache. Vielmehr arbeitet er mit subtilem Humor, wie auch in der ganz frühen Arbeit Zucker ist schon drin!(2003). Im Film, den der Künstler zu Beginn seines Studiums bei Eran Schaerf an der Hochschule für bildende Künste Hamburg produzierte, sieht man ihn inmitten der Hektik einer Großküche dabei zu, wie er in aller Seelenruhe eine Kanne Tee zubereitet, sie auf ein Stövchen stellt und an die Kanne per Post-It die freundliche Nachricht befestigt, dass das Getränk schon gesüßt sei. Die genauen Umstände der Aktion bleiben im Dunkeln – etwa an wen die private Geste an diesem öffentlichen Ort gerichtet sein könnte, ob sich vielleicht Fremde auf dieses unvermittelte Angebot eingelassen haben oder die Köche über dieses absurde Theater an ihrem Arbeitsplatz nur ihre Köpfe geschüttelt haben.

Dass sie ihn trotzdem seine Performance durchführen ließen, zeugt jedenfalls von einem gewissen Maß an Vertrauen – neben Generosität ein weiterer Begriff, dem der Künstler in seinem Werk besondere Bedeutung beimisst. Vertrauen spielt auch dann eine zentrale Rolle, wenn der Käufer von Yavuzsoys Briefpapier-Zeichnungen dem Künstler versprechen muss, sie an jeden weiterzuverschenken, der bei ihrem Anblick äußert, auch ein Exemplar besitzen zu wollen. Ein generöser Akt, mit dem Yavuzsoy den Warenkreislauf der Kunst in Frage stellt. Seit 2004 produziert er jene linierten Blätter, die sich streng an die DIN-Norm von industriell hergestelltem Briefpapier anlehnen. Fast täglich zieht der Künstler freihändig, jedoch mit einem unterliegenden "Model" gerade Linien über weiße Blätter – solange bis sich der von ihm benutzte Stift erschöpft hat. Das Ergebnis ist eine Zeichnung, die das Ergebnis einer maschinenartigen Virtuosität ist, ohne die industrielle Norm je ganz erreichen zu können. Um den Künstler als Maschine gehe es ihm hierbei jedoch nicht, erklärt Yavuzsoy: "Man wird immer erkennen, dass das Blatt von Hand gezeichnet ist." Was ihn hingegen fasziniert, ist die Endlosigkeit der selbst gewählten Aufgabe "die in sich gelöst", also tendenziell unerschöpflich ist.

Ob die Käufer – außer der mit dem Künstler vereinbarten großzügigen Weitergabe an Dritte – diese Blätter nun sammeln oder für das Schreiben von Briefen oder Notizen verwenden, spielt für Yavuzsoy keine Rolle. Hauptsache ist, zwischen Öffentlichkeit und privatem Handeln, Aktion und Reaktion sowie Inszenierung und Dokumentation entstehen ungewohnte Mischungsverhältnisse, die eine neue Sicht auf das Soziale, die Kunst und das Leben erlauben.

Die Galerie Aanant & Zoo, Berlin, zeigt ab 16. Mai "Benjamin Yavuzsoy: Letter paper (Individual time)".






Newsletter
Bleiben Sie immer Up to Date in Sachen Gegenwartskunst – mit ArtMag. Abonnieren Sie hier unseren Newsletter.
 

Alternative content

Get Adobe Flash player

On View
Picturing America im Deutsche Guggenheim / Immigrant Artists in der 60 Wall Street Gallery / Deutsche Bank Luxembourg zeigt Joseph Beuys und seine Schüler
News
Bergischer Kunstpreis / Tony Cragg neuer Rektor der Düsseldorfer Kunstakademie / Isa Genzken in der Whitechapel Gallery / Carsten Nicolais Skulptur für Tokio / Altniederländische Malerei jetzt in Berlin
Presse
Eine längst überfällige Rehabilitierung: Pressestimmen zu Picturing America / Moment des Aufbruchs: Der Meister von Flémalle und Rogier van der Weyden
Impressum  |  Rechtliche Hinweise  |  Zugänglichkeit  |  Datenschutz  |  Cookie Notice
Copyright © 2016 Deutsche Bank AG, Frankfurt am Main


+  ++  +++