Ein Tag auf der Erfolgsstraße: Deutsche Bank sponsert Thomas Bayrle-Werkschau in Miami

In den Sechzigern begann Thomas Bayrle als Pionier einer spezifisch deutschen Pop Art, später unterrichtete er an der Frankfurter Städelschule zukünftige Kunststars wie Tobias Rehberger oder Sergej Jensen. Seit seiner großen Retrospektive „40 Jahre Chinese Rock’n’Roll“ 2006 im MMK wird Bayrles Werk auch international wiederentdeckt. Jetzt präsentiert das Institute of Contemporary Art in Miami seine erste Museumsschau in den USA.
Die monumentale Skulptur einer Madonna mit Kind – Thomas Bayrle begrüßt die Besucher seiner Ausstellung im Institute of Contemporary Art (ICA) in Miami mit einem Motiv aus der klassischen Kunstgeschichte. Das überrascht, verbindet man den in Frankfurt lebenden Künstler doch eher mit der Ästhetik industrieller Massenproduktion. Doch keine Angst. Der 79-Jährige ist nicht sentimental geworden. Die Muttergottes, die er speziell für die Atrium Gallery des ICA konzipiert hat, besteht aus dunklen, gebogenen Stahlrohren. Seine bislang größte Skulptur sieht aus,  als habe er eine am  Computer erstellte Entwurfsskizze als dreidimensionales Objekt in den Raum gestellt. So kann dann auch solch ein ikonisches Bild der christlichen Kunst zum Bestandteil von Bayrles Kunstkosmos werden. Es ist auch nicht das erste Mal, dass er technoide Objekte und Religion verbindet. Bei seinem documenta-Auftritt 2012 ließ er zerteilte Flugzeug- und Automotoren laufen, begleitet von einem Soundtrack aus Gebeten und Rosenkranzandacht. "Das Innere von Motoren ähnelt der Großartigkeit von Kathedralen“, so Bayrle, „weil die absolute Effizienz, die in solch einer Maschine herrscht, ebenso großartig ist wie ein gotisches Kirchenschiff.“

Bayrle ist fasziniert von Technik, aber auch von der industriellen Massenproduktion, der Werbe- und Warenwelt. Seit den Sechzigern ordnet er Bataillone von identischen Konservendosen, Schuhe oder Flugzeugen zu sogenannten „Superformen“: ein Auto setzt sich aus Hunderten von Autos zusammen oder der Kopf eines Fabrikanten aus Hunderten von piktogrammartigen Bildern von Fabriken. Raster, Serien und Wiederholungen werden zu seinem Markenzeichen. Dabei greift er nicht nur Symbole der Konsumkultur auf, sondern auch „Ikonen des Kommunismus“, Stalin, Mao oder synchron marschierende Chinesische Rotgardisten. Ihn interessiert damals vor allem das „Ornament der Masse“. „Ich achtete kaum auf ideologische Unterschiede und mischte – gegen den Protest meiner linken Freunde – kommunistische und kapitalistische Elemente und Inhalte durcheinander“, erklärte der Künstler rückblickend. „In meiner Vorstellung verwoben sich Ost und West wie Kette und Schuss zu ein und demselben Gewebe.“ Dieses Statement ist auch eine Anspielung auf seine Ausbildung als Weber, die seine künstlerische Arbeit nachhaltig prägte. „Ich sehe alles als Gewebe an. Das Individuum ist der Faden, die Masse ist der Stoff.“  

In Bayrles ornamentalen Bildern und Grafiken verbinden sich Pop und Op Art. Dem Zeitgeist der Sechziger entsprechend bedruckt er auch Plastikregenmäntel und Tapeten mit seinen multiplizierten Motiven. Selten sah Kunst aus Deutschland so cool und lässig aus wie bei Bayrle – oder seinem Freund Peter Roehr, dem anderen wichtigen Frankfurter Pop-Protagonisten, der ebenfalls seriell arbeitete. Später sollte Bayrle als einer der ersten deutschen Künstler mit Computergrafiken und –animationen experimentieren.

Die Werkschau im ICA trägt den optimistischen Titel One Day on Success Street (Ein Tag auf der Erfolgsstraße) und zeichnet Bayrles inzwischen fast 50-jährige künstlerische Laufbahn nach. Zu Sehen sind Gemälde und Grafiken, aber auch Skulpturen, Videos und Collagen. Die Deutsche Bank ist seit langem mit dem Künstler verbundenen und hat Bayrles erste Museumsschau in den USA gesponsert. Zudem unterstützt sie One Day on Success Street mit Leihgaben aus ihrer Sammlung, in der der Künstler mit über 100 Arbeiten vertreten ist. Eine frühe Sammlungsarbeit von Bayrle ist derzeit auch im Rahmen von Postwar zu sehen – einem Panorama internationaler Kunst nach 1945 im Münchner Haus der Kunst. Zudem eröffnet in München eine weitere Einzelausstellung des Künstlers. Das Lenbachhaus präsentiert u.a. alle bisher entstandenen „Motoren“, für die er im Rahmen der documenta 13 mit dem Arnold-Bode-Preis ausgezeichnet wurde.    


Thomas Bayrle. One Day on Success Street
29.11.16 – 26.03.17
Institute of Contemporary Art, Miami


Thomas Bayrle
13.12.16 – 05.03.17
Lenbachhaus, München