Die Zukunft war Gestern:
Basim Magdy im Museum of Contemporary Art Chicago

Nach der Premiere in der Deutsche Bank KunstHalle in Berlin und einem Gastspiel im MAXXI in Rom ist Basim Magdys „The Stars Were Aligned for a Century of New Beginnings“ jetzt im Museum of Contemporary Art Chicago zu sehen. Dabei trifft die Ausstellung des „Künstlers des Jahres“ 2016 der Deutschen Bank den Nerv der Zeit.
Da ist gerade dieses Gefühl bei vielen Menschen, dass die Welt aus den Fugen geraten ist. Auf den psychedelisch bunten Papierarbeiten des 1977 geborenen ägyptischen Künstlers Basim Magdy scheint die Apokalypse bereits stattgefunden zu haben. Und die Zeit danach ist surreal. Die Politiker sind entmachtet, gigantische Kraken regieren die Menschheit und lassen sie Kapitulationserklärungen für ihr kollektives Versagen unterschreiben. Forscher streifen durch verlassene futuristische Bauwerke, Schädel, Kristalle und außerirdische Raumschiffe erscheinen am Himmel.

The Stars Were Aligned for a Century of New Beginnings - Die Sterne standen gut für ein Jahrhundert des Neubeginns lautet der Titel von Magdys Ausstellung, die im Frühjahr in der Deutsche Bank KunstHalle in Berlin ihre Premiere feierte. In einer leicht modifizierten Fassung ist sie jetzt im  Museum of Contemporary Art Chicago (MCA) zu sehen. Dieser Titel klingt optimistisch, fast euphorisch. Doch tatsächlich ist das Gegenteil der Fall. Er ist eine ironische Anspielung auf eine Gesellschaft, die unverdrossen ihre Fehler wiederholt und nach jeder weiteren Katastrophe denkt, es würde trotzdem alles weitergehen. Die Gesellschaft, die Magdy in seinem Film The Dent (2014)  schildert, ist in absurde Rituale der Vergangenheitsbewahrung verwickelt und in größenwahnsinnige Projekte mit irrationalen Hoffnungen verstrickt.

Dass dieses Scheitern allerdings alles andere als tragisch, sondern auf absurde Weise auch befreiend, poetisch oder sogar komisch sein kann, zeigt der „Künstler des Jahres“ 2016 der Deutschen Bank auch in Chicago mit großer Virtuosität. Angesichts der flirrenden Farbigkeit und des absurden Humors können wir kaum traurig sein über das Ende der Zivilisation. Die Protagonisten in Magdys Zeichnungen und Filmen scheinen paralysiert und ungelenk, fast wie im Slapstick. Händeringend versuchen sie, die menschliche Geschichte zu archivieren und zu feiern, damit auch zukünftige Generationen aus ihr schöpfen können. Doch dieses Unterfangen ist offensichtlich sinnlos. "The Future Is Your Enemy" ist groß auf einer Plakatwand seiner Zeichnung The Last Day of Written History (2011) zu lesen. Auch die großformatige 64-teilige Fotoarbeit An Apology of a Love Story that Crashed into a Whale, die als Auftragsarbeit für die Ausstellung in der KunstHalle entstand, steht für die enge Verbindung zwischen Bild und Text, die Magdys gesamtes Werk kennzeichnet.

„Wenn ich sehe, was um mich herum passiert, ist es für mich nur eine rationale Entscheidung eine Arbeit über eine mögliche, post-apokalyptische Zukunft zu machen“, sagt Magdy. „Das verbindet sich aber auch mit dem Konzept der vergehenden Zeit, das ich ständig in meiner Arbeit versuche zu entziffern. Das einzig mögliche Ergebnis dieses Interesses ist allerdings der Wunsch, dass ich eine Kristallkugel oder eine Zeitmaschine hätte, um in die Zukunft zu reisen und ein Zeugnis davon ins Heute zurückzubringen.“

In diesem Sinne kann man seine traumartige Arbeiten als durchaus kritische Kommentare zur Gegenwart verstehen. Was Magdy als einer der wichtigsten aktuellen Künstler des Nahen Ostens einfordert, ist dann auch radikal. All die futuristischen Visionen, all die Beschwörungen der Geschichte, aus der wir kollektiv lernen könnten, repräsentieren in seinem Kunstkosmos überholtes Denken. Und das wird Magdys Ansicht nach wahrscheinlich genauso aussterben wie Bücher, Universitäten oder der traditionelle Kunstbetrieb. Tatsächlich leben wir nicht mehr im Zeitalter der großen Erzählungen, die suggerieren, dass alles einem übergeordneten Zusammenhang folgt. Wir leben im Zeitalter der digitalen Information. Alles ist auf den Augenblick gerichtet, in dem es keine Vergangenheit und keine Zukunft mehr gibt, sondern nur permanente Gegenwart und Gleichzeitigkeit. Wir müssen uns von der Idee verabschieden, die Welt zu kontrollieren und mit Bedeutung zu versehen. Wie alle anderen Lebewesen sind wir in dieser permanenten Gegenwart dem Zufall und der Willkür ausgeliefert – ohne Masterplan. Zugleich befreit uns das von unterdrückenden Ideologien oder religiösem Fanatismus. Magdys flüchtige Erzählungen fordern uns auf, querzudenken, Widersprüche zu akzeptieren und uns ohne Dogmen für das Hier und Jetzt zu öffnen.

Das demonstriert er auch am Material selbst. Seit vielen Jahren legt er Fotos und Super 8-Filme in unterschiedliche Haushaltschemikalien, Essig oder Cola ein. In dieser chemischen Reaktion, die Magdy mit dem Prozess des "Picklings", also des Einmachens vergleicht, färbt und zersetzt sich das Material in allen Tönen des Farbspektrums, wie auch in seiner bei seiner 2012 entstandene, sich überlagernden Doppel-Diaprojektion A 240 Second Analysis of Failure and Hopefullness (With Coke, Vinegar and Other Tear Gas Remedies). Die 160 Dias, die den Abriss und Neubau eines Gebäudekomplexes dokumentieren, wurden aus mehreren, in unterschiedlichen Haushaltschemikalien eingelegten Filmrollen ausgewählt. Diese Substanzen lindern die Schmerzen nach Kontakt mit Tränengas. Das könnte eine Anspielung auf den sich im Laufe der Geschichte ständig wiederholenden Kreislauf aus kollektiven Hoffnungen, Aktionen und Niederlagen sein, wie sie symptomatisch für moderne Gesellschaften sind.

Dem Streben nach einem bestimmten Ergebnis, einer verbindlichen Wahrheit setzt Magdy das kaum berechenbare Experiment mit der chemischen Reaktion entgegen, die auch das Bild angreift. Der Künstler tritt als Autor zurück und lässt das Material arbeiten. Das Einlegen oder "Pickling" ist die Anti-These zum Archivieren und Festhalten von historischen Ereignissen und kollektiven Erinnerungen. Es betont die Fragilität und Flüchtigkeit der Wirklichkeit und den prozessorientierten Ansatz in Magdys Werk, die Balance zwischen Kontrolle und Zufall, die er auslotet. Seine Praxis verdeutlicht zugleich die alchemistische "Entwicklung" von Narration und Themen, die zugleich auch auf ganz konkrete Zusammenhänge eingeht. So ist zeitgleich mit der Ausstellung in Chicago im Pariser Ausstellungshaus Jeu de Paume im Rahmen der von Heidi Ballet kuratierten Ausstellungsreihe Our Oceans, your Horizon mit No Shooting Stars eine neue Arbeit Magdys zu sehen sein, die sich mit der geopolitischen Rolle der Ozeane auseinandersetzt. Das Wässerige passt bestens zu Magdys visuellem und poetischen Denken. Dieses gleicht einem fließenden Bewusstseinsstrom, der im digitalen Zeitalter auch immer wieder die Zirkulation von Bildern und Informationen und die fließenden Grenzen zwischen Realität und Virtualität reflektiert. Wer sich darauf einlässt, dass es hier keine Vergangenheit oder Zukunft gibt, keine Kausalität, sondern nur Offenheit, der mag sich vorkommen wie im freien Fall. Das Paradoxe dabei ist, dass wir gerade durch dieses Loslassen genau dort landen, wo wir sonst nie ankommen: in der Gegenwart.

Basim Magdy. The Stars Were Aligned For A Century Of New Beginnings
10.12.16 – 19.03.17
MCA Museum of Contemporary Art Chicago

Basim Magdy. No Shooting Stars
18.10.2016 bis 15.01.2017
Jeu de Paume, Paris