Rock ‘n’ Roll mit 70
Gillian Wearing im Bostoner ICA

„Zu altern ist eine Sünde“ konstatierte Madonna kürzlich in einer Rede beim Billboard's Women In Music Event. Das scheint für sehr viele Frauen zu gelten, nicht nur weibliche Popstars jenseits der 30. Während in westlichen Gesellschaften die Lebenserwartung beständig steigt, wird gleichzeitig im Kampf gegen die sichtbaren Spuren des Alterns permanent aufgerüstet. Körper werden mit dem Messer, Botox und Hyaluronsäure verjüngt, Bilder mit Photoshop geglättet. Und auch das Selfie für Instagram kann per App problemlos optimiert werden. Gillian Wearing macht das Gegenteil. Ihre große Installation in der Eingangshalle des Bostoner ICA konfrontiert die Besucher mit einer ganzen Armada künstlich gealterter Versionen ihrer selbst. Bildbearbeitern, die darauf spezialisiert sind, Menschen durch digitale Manipulation altern zu lassen, schickte sie jeweils ein unterschiedliches Selbstporträt. Die 1963 geborene Britin, die auch in der Sammlung Deutsche Bank vertreten ist, bat um ein Bild, das ihr verrät, wie sie mit 70 aussehen wird. Die Ergebnisse sind völlig unterschiedlich. Mal wirkt Wearing dynamisch, sehr jung „für ihr Alter“, mal intellektuell oder depressiv. Ihr Haar changiert zwischen schwarz und weißgrau, voluminös oder dünn. Anders als Cindy Sherman gibt sie die Kontrolle über ihre Selbstporträts ab. Wir sehen, wie die Bildbearbeiter auf Wearings Vorlagen reagiert haben, wie gut sie ihr Handwerk beherrschen und nicht zuletzt wie ihre jeweilige Vision von Alter aussieht – und von dem Porträt, mit dem sie ihre Kundin zufriedenstellen möchten.

Wearing hat diese Fotos vergrößert und als Tapete an die Wand des ICA gebracht. Das erinnert an die riesenhaft vergrößerte Seite aus einem surrealen High-School-Jahrbuch. Darauf hat sie ein gerahmtes Triptychon montiert: Ein Selbstporträt von heute, die digital gealterte Version und eine weiße Fläche. Die wird erst 2034 gegen ein Bild ausgetauscht, dass dann zeigt, wie die Künstlerin mit 70 tatsächlich aussieht. “Rock ’n’ Roll Till I Die!” steht auf dem T-Shirt ihres grauhaarigen Alter Ego. Ein Statement, das in einem gewissen Widerspruch zu ihren hängenden Schultern und Mundwinkeln steht. Doch angesichts der Tatsache, dass etwa Mick Jagger mit über 70 noch immer auf der Bühne steht, scheint das trotzige Lebensmotto gar nicht so absurd.

Rock ‘n’ Roll 70 hinterfragt das gesellschaftliche Bild von Alter und altersgemäßem Verhalten, vor allem von Frauen. Mit dieser Arbeit setzt die Künstlerin, die 1997 mit dem Turner Prize ausgezeichnet wurde, ihre Auseinandersetzung mit Rollenvorbildern und Identität fort. Seit Beginn ihrer künstlerischen Laufbahn im London der frühen 1990er erkundet die Goldsmiths-Absolventin das Verhältnis zwischen Öffentlichem und Privatem, Fiktion und Realität. Dabei richtet sie die Kamera immer wieder auch auf sich selbst. Auf ihren frühen Selbstporträts schlüpfte sie in die Rolle ihrer Mutter, ihres Vaters oder Bruders. Mit jüngeren Arbeiten schuf Wearing ein „künstlerisches“ Familienalbum und posierte als Diane Arbus, Robert Mapplethorpe, Andy Warhol, Claude Cahun, August Sander – ikonische Fotografinnen und Fotografen, deren Einflüsse in ihrem Werk verschmelzen.

Gillian Wearing – Rock ’n’ Roll 70
bis 01.01.2018
ICA; Boston