In der Warteschleife - Hamburger Kunsthalle auf den Spuren eines Alltagsphänomens

Sinnlos vertane Zeit oder eine Chance inne zu halten – zu warten hat immer zwei Seiten. Und mit Warten auf Godot hat Samuel Beckett diese Erfahrung sogar zur Metapher für die Absurdität der menschlichen Existenz gemacht. Mit der von der Deutschen Bank ermöglichten Ausstellung Warten. Zwischen Macht und Möglichkeit nähert sich jetzt die Hamburger Kunsthalle diesem Alltagsphänomen und seinen verschiedenen psychologischen, soziologischen und politischen Dimensionen. Dazu werden in der Galerie der Gegenwart sowie an weiteren Orten innerhalb und außerhalb des Museums Arbeiten von 23 internationalen Künstlerinnen und Künstlern präsentiert.

Am Warten lässt sich auch der gesellschaftliche Status ablesen: Die schnellere Abfertigung an Erste-Klasse-Schaltern oder verkürzte Wartezeiten für Privatversicherte in der Arztpraxis signalisieren, dass Wohlhabende und Mächtige nicht warten müssen. Für weniger Privilegierte  gehört es dagegen zum Alltag – etwa für die Jungen und Mädchen auf den Fotografien von Andrea Diefenbach. Sie sind Kinder moldawischer Arbeitsemigranten, die auf die Rückkehr ihrer Eltern warten. Oder die Arbeitslosen, denen Paul Grahams Serie Beyond Caring gewidmet ist. Die Mitte der 1980er Jahre entstandenen Aufnahmen zeigen die ganze Tristesse britischer Arbeits- und Sozialämter: resignierte Menschen in heruntergekommenen Räumen.

Besucher können in der Hamburger Kunsthalle auch auf eine Versammlung scheinbar sinnlos wartender Menschen stoßen.  Dabei handelt es sich um die Teilnehmer einer von Roman Ondak konzipierten Performance. Für Good Feelings in Good Times (2003) lässt der Deutsche Bank „Künstler des Jahres“ 2012 Statisten Schlange stehen. Angeregt wurde die Arbeit von den Warteschlangen vor den Geschäften im ehemaligen Ostblock. Doch lässt sie sich ebenso gut mit den Menschenmengen assoziieren, die vor Apple oder Sneaker-Stores auf die neuesten Modelle warten. Neben Ondak sind in der Ausstellung noch weitere in der Sammlung Deutsche Bank vertretene Positionen präsent, etwa Tobias Rehberger, Zwelethu Mthethwa, Andreas Gursky oder Elmgreen & Dragset. Das dänisch-norwegische Künstler-Duo hat die lebensgroße Figur eines Jungen auf einem Baugerüst platziert. In sich versunken blickt er auf den Boden, als Verkörperung pubertärer Langeweile – des Wartens darauf, dass endlich „etwas losgeht“.
A.D.

Warten. Zwischen Macht und Möglichkeit
17.02. bis 18.06. 2017
Hamburger Kunsthalle