Untold Stories
Die Spurensuche der Fiona Tan

Sie findet was andere übersehen: Akribisch sucht Fiona Tan nach Bildern und Biografien, die einen anderen Blick auf Zeitgeschichte und Identität ermöglichen. Jetzt widmet ihr das Frankfurter MMK eine große Werkschau. Sarah Khan hat sie in ihrem Studio in Amsterdam besucht.
Zunächst schaut Fiona Tan etwas irritiert, weil die Besucherin ihr Amsterdamer Atelier ohne zu klingeln betritt. Doch dann kocht sie uns eine Tasse Lady Grey Tee. Das tut gut, denn draußen gießt es in Strömen. Gemessen an der Größe von Tans Werk erscheint ihr Studio im Hinterhof eines Handwerksgebäudes geradezu klein, das Gegenteil einer Kunstfabrik. Das Gespräch beginnt etwas eingeklemmt zwischen Küchenzeile und Arbeitstisch. Mit ihren Fotoarbeiten und Filmen, ihrer „gefilmten Fotografie“ wie der Filmwissenschaftler Thomas Elsaesser Tans Arbeiten bezeichnet, hat die 1966 geborene Künstlerin im Laufe der letzten Jahrzehnte ein ganzes Genre neu formuliert. Ihr Werk bewegt sich an den Grenzen zwischen Dokumentation und Fiktion, kollektiven Erinnerungen und individueller Biografie. Seit den 1990er-Jahren erkundet sie die Konstruktion postkolonialer und globaler Identitäten und arbeitet dabei mit Archivmaterial und vorgefundenen Aufnahmen, die sie neu montiert.

Am Anfang waren das vor allem historische Filme europäischer Ethnografen, die „exotische“, nicht westliche Kulturen erforschten. Doch schnell erweiterte Tan die Ausdrucksmittel, um Menschen, Kulturen und Zeitabläufe aus neuen Perspektiven darzustellen. Wie etwa mit ihrer 2004 begonnenen Serie Vox Popoli, die auch in der Sammlung Deutsche Bank vertreten ist. In diesen Arbeiten porträtiert sie die Bevölkerungen ganzer Städte auf unterschiedlichen Kontinenten. Sie durchforstete dafür unzählige private Fotoalben von Japanern, Schweizern, Norwegern und Australiern und extrahierte daraus typische Erinnerungen, Posen und Alltagsszenen, um sie dann an einer Wand in zahllosen Einzelaufnahmen zu arrangieren. Immer reflektieren ihre Arbeiten dabei auch die kulturellen Konventionen und Distinktionen, mit denen Menschen von sich erzählen und sich erinnern, aber nicht lehrhaft, sondern mit sinnlichem Charme.

2009 bespielte sie den niederländischen Pavillon auf der Venedig Biennale und Disorient, ihre Auseinandersetzung mit dem Venezianer Marco Polo, wurde zum Publikumsmagneten: Man sah einen abgefilmten Fundus voll asiatisch anmutender Fundstücke, unterlegt mit dem Reisebericht Marco Polos, der seinen venezianischen Handelskollegen distanziert und geradezu kühl über seine Jahre in Asien berichtet. Tan hatte das Kuriositätenkabinett direkt im Pavillon inszeniert. Von der tatsächlichen Präsentation allerdings keine Spur, es bleibt nur die Videoinstallation, die zeigt, wie die Chinoiserie-Objekte wieder aus dem Gebäude hinausgetragen werden.

Tans poetisch-kühle Bildsprache, ihre reduzierten Installationen und fotografischen Arrangements werden von Kuratoren geliebt, weil sie diskursiv und zugleich unglaublich ästhetisch, im musealen Kontext anschlussfähig, sind. Das Frankfurter MMK zeigt jetzt mit Geography of Time die bisher umfassendste Werkschau der Künstlerin. Sie bedaure, dass man überhaupt gekommen sei, sagt sie. Es wäre besser gewesen, ihre Ausstellung in Luxemburg zu besuchen, die jetzt nach Frankfurt wandert, anstatt zu ihr zu fliegen. Kein wirklich gelungener Auftakt, um sich ihrem Werk anzunähern. Ihr Vorbehalt gegenüber der Interviewsituation hat aber, wie sich herausstellt, mit bestimmten Erfahrungen zu tun. 1966 im indonesischen Pekanbaru als Tochter eines chinesischen Vaters und einer australischen Mutter mit schottischer Herkunft geboren, verbrachte Tan ihre Kindheit in Melbourne und zog dann als Erwachsene nach Amsterdam, wo sie bis heute lebt und arbeitet. Ihre Herkunft und ihr Leben in den Niederlanden werden in vielen Texten auf eine Art thematisiert, die sie irritiert: „Die Leute denken, sie hätten meine Arbeit eingeordnet und fein säuberlich kategorisiert. Ich habe aber das Gefühl, das hindert sie daran, meine Arbeit unvoreingenommen anzusehen. Das nervt.“

Wenn die Nationen und Länder, die Fiona Tan in die Wiege gelegt sind, aufgezählt werden, und das schließlich in das Kompliment mündet, sie sei „eine Weltbürgerin“, gleicht es sprachlich einer Beschwörung – oder einem Abwehrzauber. Es stellt die Künstlerin auf ein Podest, verleiht ihr eine Aura von erstaunlicher Fremdheit und interkultureller Kompetenz. „In Amerika ist fast jeder ein Zuwanderer oder hat ganz unterschiedliche ethnische Wurzeln. Ich finde es erstaunlich, dass das in Europa überhaupt noch ein Thema ist“, sagt Tan.

Es beginnt eine Unterhaltung über ihre Arbeitsweise, die obsessiven Recherchen, darüber, was es für sie heißt, mit Archiven und Inventaren umzugehen. Zu Tans Fähigkeiten gehört es Funde zu machen, die andere übersehen haben – sei es weil sie keine Sensibilität dafür besitzen oder keinen Ort dafür finden, weder in ihren Gedanken, noch in den Institutionen. Als sie im Depot des Amsterdamer Rijksmuseums recherchierte, um für den Film Provenance (2008) die Malerei des 17. Jahrhunderts zu erforschen, kam sie nicht um den Malergott und Nationalheiligen Rembrandt van Rijn (1606–1669) herum. Dabei stieß sie auf das Schicksal Cornelia van Rijns, dem einzigen überlebenden, unehelichen Kind Rembrandts mit seiner legendären Haushälterin Hendrickje Stoffels. Die besaß einen sechsten Sinn für schwierige Finanzen, rettete Rembrandt vor dem Bankrott, durfte ihn dennoch nicht heiraten und wurde von der Kirche deshalb als Hure beschimpft.

Nach dem Tod Rembrandts und Stoffels heiratete ihre Tochter, die junge Nellie (so ihr historisch belegter Spitzname und auch der Titel von Tans Videoarbeit), und wanderte mit ihrem Mann 1671 nach Batavia, heute Jakarta, Indonesien, aus. Sie starb dort mit 30 Jahren an den Folgen der Geburt ihres dritten Kindes. Es gibt kaum Spuren und Informationen zu dieser Frau, aber in den Händen von Tan, die selbst in einem komplexen Beziehungsnetz zwischen der Ex-Kolonie und den Ex-Kolonisten lebt, wird das spärliche Material zu einem grandiosen Schatz. Tan macht auf eine Erinnerungslücke aufmerksam, die immer noch schmerzt.

Im Video-Loop sehen wir Nellie in einem historischen Zimmer in Amsterdam. Das Muster der beige-blauen Tapete, ihres Kleides, der Liege ist ein und dasselbe, übersät mit exotischen Pflanzen, Affen, Vögeln – eine koloniale Schwelgerei. Das Mädchen scheint in diesem ornamentalen Gefängnis zu ersticken, nimmt die klassischen Posen altmeisterlicher Porträtkunst ein, läuft wie ein gefangenes Tier hin und her. Die ganze Zeit hören wir Geräusche aus dem Dschungel, Lockrufe, doch wir sehen kein Außen. Ein Spalt und kleine Knäufe in der tapezierten Wand von Nellies Zimmer deuten auf einen Schrank hin.

Es ist eben der Wandschrank, in dem Tan die Uraufführung ihres Videos installierte. Das Zimmer befindet sich im Museum Van Loon, das heute die bürgerliche Wohnkultur des Goldenen Zeitalters ausstellt. Das Museum war das Wohn- und Geschäftshaus der Familie Van Loon, die im 18. Jahrhundert als Finanziers von den Handelsbeziehungen zu Batavia profitierten. Dieses Haus, dessen erster Bewohner Ferdinand Bol ausgerechnet ein Schüler Rembrandts war, diente Tan als Drehort. Hier inszenierte sie Nellies ewiges „Dazwischenleben“, ihre Situation, aus der heraus sie nur aus dem Fenster starren, mit Briefen korrespondieren oder in Fieberträume versinken konnte. In einer Sequenz zitiert Tan Jan Vermeers berühmtes, 1657 entstandenes Gemälde Briefleserin am offenen Fenster. Vermeer malte es, als Nellie noch ein kleines Kind war. Bei Tan ist es weniger ein kunstgeschichtliches Zitat als sozialgeschichtliche Information. Nellies Gefängnis ist real: „In Batavia, dem heutigen Jakarta“, sagt Tan, „litt sie wahrscheinlich an Malaria. Sie konnte bestimmt nicht alleine aus dem Haus, um auf den Markt zu gehen und ihre Nachbarschaft zu sehen.“

Sie sagt es mit einer Gewissheit und einem Bedauern, als wäre sie selbst dabei gewesen. Die illegitime Tochter Rembrandts war in die ökonomischen und kulturellen Zwänge Amsterdams wie auch Batavias eingeschlossen. Tan berührt mit ihrem filmischen Denkmal eine historische Wunde. Sie schuf mit „Nellie“ keine Mahnung, keine vollständige Narration, aber eine meisterliche Würdigung. Nellies berühmter Vater wäre von Tans Bildercode zweifelsohne tief getroffen. Wir als Zeitgenossen der viel beschworenen Globalisierung sollten es auch sein.

Doch wie steht Tan den Themen der eigenen Zeitgeschichte gegenüber? „Wenn man sich mit aktuellen Themen wie dem 11. September oder der Flüchtlingskrise auseinandersetzt“, antwortet sie, „dann hat das zunächst etwas Drängendes. Wenn man das aber für seine Kunst nutzt, muss man wirklich aufpassen, dass das nicht sehr schnell überholt ist. Ich interessiere mich sehr für diese Themen und natürlich beschäftige ich mich in meiner Arbeit auch damit, aber nicht so direkt und offensichtlich.“

Ihre raumgroße, 2014 entstandene Modelleisenbahn-Installation 1 to 87 zeigt einen miniaturisierten Tan-Kosmos. Im ersten Moment lässt sich eine typische Eisenbahneridylle vermuten. Ein Zug schlängelt sich von einem herausgeputzten Bahnhof zum nächsten und passiert aufgeräumte Täler und pittoreske Wiesen. Ihre Modelleisenbahn aber ergibt ein Wimmelbild der Verwerfungen, eine Landschaft der Krisen: verletzte Natur, gescheiterte Projekte, Gewalt und erneuter Aufbruch ins Ungewisse, Abriss und Neubau. Tan setzt ganz versteckt auch ihre eigenen künstlerischen Werke in das Modell hinein: Wir sehen einen Mann zusammengeschlagen am Boden liegen – diese Szene liegt ihrem Kinofilm History’s Future (2016) zugrunde, der parallel zur Ausstellung im Frankfurter Filmmuseum gezeigt wird. Ein Mann, gespielt von Mark O’Halloran, wird Opfer einer Gewalttat, er verliert sein Gedächtnis und reist durch Europa. Dabei erzählt er in allen nur möglichen Varianten, von einer fiktiven Vergangenheit, an die er sich gar nicht erinnern kann. In einer Szene trifft er eine Bekannte, die fragt ausgerechnet ihn: „Habe ich mich sehr verändert?“

Ein Scherz, der aber Tans Emphase gegenüber den klassischen philosophischen Fragen „Wer bin ich“ und „Wohin gehe ich“ offenbart. Und der zeigt, was passiert, wenn einfache Standortfragen durchkreuzt werden. Tan drehte in elf Städten – Amsterdam, Barcelona, Paris, Dublin, Athen, Berlin, Leipzig, London, Lissabon, Paris und Brüssel – mit zwanzig verschiedenen Kameras. Eine rasende Reisende ist sie, aber jede Flugmeile, die nicht ihrer Arbeit dient, sondern nur der Repräsentation ihrer Person, ist ihr furchtbar unangenehm. „Die Kunstwelt ist leider sehr auf Personen fixiert“, beklagt sie.

Im Jahr 2009 verzichtete sie ganz aufs Fliegen. Als durch den isländischen Vulkan mit dem unaussprechlichen Namen ihr Flug ausfiel, war das der Anstoß ihren ökologischen Fußabdruck zu reduzieren. Sie bot Institutionen an, ihnen einen Audioguide zu produzieren, wenn sie nur auf ihre Anwesenheit bei den Ausstellungseröffnungen verzichteten. „Ich wollte die Kunstwelt verändern, aber leider nahm keiner mein Angebot an“, sagt sie.

Zum Schluss kommt noch die etwas subversive Frage auf, weshalb sie Archivalien und Inventare geradezu fetischartig inszeniert? Frönt sie nicht einer recht bourgeoisen Ästhetik? Die könnte man in der Videoprojektion Rise and Fall diagnostizieren, in der das Drama der vergehenden Zeit anhand zweier sehr bürgerlicher, gepflegter Damen im Landhaus-Setting verpackt wird. Was wäre denn das Gegenteil, kontert Tan: „Performances mit Chaos, Müll, Pornografie, Rockmusik und noch ein wenig Ketchup? Aber ist das nicht längst der Mainstream und inzwischen völlig absehbar und schon fast eine Pflicht? Ist es nicht interessanter, ein Werk zu schaffen, das zugleich affirmativ und völlig verneinend ist?“ In diesem Sinne hofft sie auf die subversive Wirkung ihrer Ästhetik. Aber vielleicht hatte die Kindheit als Tochter naturwissenschaftlich arbeitender Eltern doch größeren Einfluss auf ihre ästhetischen Präferenzen. Der Vater war Geologe, die Mutter Genetikerin – übrigens in der Zwillingsforschung tätig, einem Sujet, dem Tan sich mit ihrem Langzeit-Filmprojekt Diptych widmet. „Als Kind in Melbourne liebte ich es, ins Museum zu gehen. Ich besuchte sie alle“, erzählt sie. Der Besucherin gibt sie zum Abschied noch ein Zitat des Malers Francis Bacon mit auf den Weg: „Du kannst Teil einer Tradition sein, aber das macht dich noch lange nicht zum Traditionalisten.“

Fiona Tan. Geografie der Zeit
17.09.16 — 15.01.17
MMK 1, Frankfurt a. M.