Sehnsuchtsbilder
Ein Gespräch mit Cornelia Schleime

2016 erhielt die Malerin Cornelia Schleime den Hannah-Höch Preis des Landes Berlin. Zurzeit ist ihre bislang größte Retrospektive in der Berlinischen Galerie zu sehen. „Ein Wimpernschlag“ heißt die Ausstellung, die das Lebenswerk einer deutschen Künstlerin vorstellt, die unerschrocken ihren eigenen Weg gegangen ist und das Private mit dem Politischen verbindet. Oliver Koerner von Gustorf hat sie getroffen.
Es ist ein kalter Wintertag, an dem ich Cornelia Schleime in der Berlinischen Galerie treffe. Mit einer Wollmütze auf dem Kopf und einem Kamerateam von Arte im Schlepptau, läuft sie durch die hellen Räume. Ihre bislang größte Retrospektive zeichnet die verschiedenen Phasen im Schaffen einer Nonkonformistin nach, für die Leben und Werk untrennbar miteinander verbunden sind. Mit 17 Jahren fasst sie den Entschluss, Künstlerin zu werden – für sie der "einzige Weg zur Selbstbestimmung". Aber erst nach Friseurlehre, Maskenbildnerstudium und einem Intermezzo als Pferdepflegerin darf sie 1975 in Dresden mit ihrem Kunststudium beginnen. Bald schließt sie sich der subkulturellen Szene an, singt in einer Punk-Band. Nachdem sie die DDR-Offiziellen 1981 mit einem Ausstellungsverbot belegen, siedelt Schleime 1984 nach West-Berlin über.

Im Zuge der Konfrontation mit dem visuellen Überangebot des Westens beginnt sie mit Medienbildern zu arbeiten. Es entstehen fantastische, filmisch anmutende Portraits und Szenen, die zugleich wie Allegorien von Schleimes Innenleben wirken. Eine zentrale Arbeit in der Schau ist ihre 1993 entstandene Fotoserie Bis auf weitere gute Zusammenarbeit, mit der sie neben zahlreichen anderen Arbeiten auch in der Sammlung Deutsche Bank vertreten ist. Entstanden ist die Serie nach Einsicht ihrer Stasiakten. Erstmals sind in Berlin auch Fotos von Schleimes frühen Performances und Körperbemalungen sowie die Super-8 Filme aus der DDR Underground-Szene der frühen 1980er Jahre zu sehen.

Oliver Koerner von Gustorf: Deine Körperinszenierungen aus dieser Zeit haben eine paradoxe Ausstrahlung. Sie sind unglaublich poetisch, aber auch sehr hart. Ich denke da an die Bondage-Aktion, bei der du verschnürt bist, wie eines der S/M-Modelle des japanischen Fotografen Nobuyoshi Araki. Das war noch vor deiner Berührung mit Punk. Wie war die Zeit damals an der Kunsthochschule in Dresden, was hat dich interessiert und inspiriert?

Cornelia Schleime: Das war immer das Zeichnen, das Malen. Wir haben ganz viel nach der Natur gemacht. Es gab keine Partys, keine Telefone. Am Wochenende habe ich mir den Wecker auf fünf Uhr gestellt, bin mit einer Staffelei runter zu den Elbwiesen und hab den Sonnenaufgang gemalt.

Wie romantisch.

An den Wochenenden bin ich in die Straßenbahn gestiegen und zu allen Endhaltestellen gefahren, ein bisschen aus der Stadt raus, und bin immer auf die Friedhöfe gegangen. Dresden ist die Stadt mit den meisten Parapsychologen, die Stadt der Romantiker. Und dann habe ich dort diese Skulpturen und die Pflanzen gezeichnet. Auf dem Friedhof wird man nicht angequatscht. Ich hatte auch so eine Sprachbarriere und konnte gar nicht so viel sprechen. Das ist heute gar nicht vorstellbar, auch nicht, wie ich damals gelebt habe.  Dresden muss man sich vorstellen als komplett romantisch. Ich liebte Paula Modersohn-Becker. Die war wie eine Übergöttin für mich.

Was hast Du an ihr geliebt?

Ihre Selbstporträts. Ich habe diesen Blick in den Spiegel, ihre Ehrlichkeit sehr geliebt, weil sie keine Manierismen hatte. Ich ging zum Beispiel in die Sächsische Landesbibliothek und schaute mir Frauenkunst an, alles, was es in der Kunstgeschichte gab. Ich merkte, dass da, wo Frauen existentielle Erfahrungen gemacht haben, wie bei Käthe Kollwitz und auch bei Paula Modersohn-Becker, die immer einen Kinderwunsch hatte, dass da auch starke Kunst ist. Und dass sie dort, wo sie abstrakt waren, zu leblos wurden, oder zu kitschig.
 
Du hast bestimmt damals viel Musik gehört und gelesen.

Ich habe Sylvia Plath gelesen. Die habe ich aber über den Westen bekommen. Und dann habe ich Unica Zürn, die Gedichte von Else Lasker-Schüler gelesen. Vor allem auch die Poesie der Beat Generation. Allen Ginsberg. Ich habe bis heute eine Lieblingszeile, die ich, glaube ich, umgeschrieben habe, von Peter Orlovsky: „Er winkte zum Abschied und ich verlor meinen Arm im Schnee.“ Ich glaube aber, dass die Zeile von Peter Orlovsky eigentlich „Ich winkte zum Abschied und verlor meinen Arm im Schnee“ heißt. Er hat am Anfang das „Ich“ gesetzt. Ich habe daraus diese andere Zeile gemacht, weil ich etwas legasthenisch bin und mir nichts merken kann. „Er winkte zum Abschied und ich verlor den Arm im Schnee“, das ist fast schon eine filmische Sequenz. Da ist ja nochmal eine andere Aktion drin. Ist übrigens meine Lieblingszeile.
Aber es hat auch mit der Realität zu tun. Schon in der Schule haben Frauen Modell gesessen und waren dementsprechend müde, der Kopf hing nach unten und solche Radierungen habe ich gemacht, auf denen der Kopf so nach unten hing, melancholische Blätter. Die stellten wir ohne Genehmigung aus. Da lief die Parteileitung durch und hat gesagt: „So sieht die Frau im Sozialismus nicht aus.“ Und sie haben die Dinger von der Wand genommen. Dann merkten wir immer mehr, auch nach dem Studium, woher der Wind weht. Mir wurde Ausstellungsverbot erteilt. Dann haben wir eine Punk-Band gegründet und bekamen sofort Auftrittsverbot.

Das war Zwitschermaschine.

Genau. Was sollte ich denn noch tun? Ich war in der DDR, ich konnte zuhause malen, würde aber niemals in meinem Leben ausstellen können. Die Dinge die mich interessierten waren Cy Twombly und der frühe Francis Bacon, seine Wesen, die nur aus einem zum Schrei geöffneten Mund bestehen. Mich hat der Schrei interessiert, das Existentielle. Mich hat die Nähe zum Tod immer interessiert. Der Tod ist das Große, an das wir nicht rankommen. Das hat mich schon als Kind interessiert und das sehe ich in den frühen Bildern von Francis Bacon – in diesem Schrei. Meinem Vater habe ich, als er starb, in den Mund geschaut. Er lag mit offenem Mund da. Das war genau wie beim frühen Francis Bacon. Aus dem Mund ist die Seele bereits herausgekommen, sie war schon weg, raus. Da habe ich gemerkt, dass wir nur so etwas wie einen Mantel mit uns rumschleppen. Unser Körper ist nur der Mantel. Den kann man ablegen, aber die Seele ist etwas anderes. Viele putschen den Mantel auch noch mit irgendwelchen Spritzen auf, machen aus einem Trenchcoat einen fetten Mantel und dann sehen sie alle gleich aus, die Frauen.

Warum stört dich das so?

Wir sind doch nicht an Uniformierung interessiert, sondern an Individualität. Aber viele Frauen machen einen auf Barbie-Puppe. Alle gleich, das ist doch irre. Ich komme in den Westen, wo die Individualität sich frei ausleben kann und hier machen sie alle das Gleiche – wie in einem Kollektivrausch. In der Diktatur sollten wir alle gleich sein, wir mussten uns als Individuum behaupten. In der freiheitlichen Gesellschaft, in der wir hier leben, haben wir zwar Freiheit, aber alle machen sich gleich.
 
Deine frühen Serien, wie die Körperbemalungen und die 1982 entstandenen Bondage-Arbeiten wirken wie ein Aufschrei.
 
Mir ging es ja darum, immer wieder eine Parabel zu finden für das, was ich fühle und was mich interessiert. Und da man mich nicht ließ, weder ausstellen noch singen, habe ich mich nackt in diese Stricke eingewickelt. Araki kannte ich damals noch nicht, deshalb fand ich ihn später umso spannender. Erst vor einem halben Jahr bin ich wieder an die Aufnahmen meiner Bondage-Aktionen rangekommen, über einen Fotografen, der damals die Aufnahmen bei der Performance gemacht hat.

Deine frühen Arbeiten erinnern an die feministische Avantgarde aus den 70ern, an Künstlerinnen wie Annegret Soltau oder Hannah Wilke, die mit ähnlichen Konstruktionen gearbeitet haben.
 
Natürlich sind mir diese Künstlerinnen ein Begriff. Aber der Feminismus hat mich überhaupt nicht interessiert. Als ich in den Westen kam, haben die Feministinnen natürlich gedacht, sie hätten eine Mitstreiterin gefunden. Das war aber ein Irrtum. Meine Aktionen richteten sich ja nicht gegen die Männer. Sie richteten sich dagegen, dass man mir die Freiheit zur Kunst nahm, deshalb zeigte ich mich völlig entblößt und fesselte mich, nicht etwa aus sexuellen Gründen.
Ich machte mich nackt, weil man mich ja auch nackt machte. Die DDR ließ von mir nichts übrig. Ich habe mich ja auch in Stacheldraht eingewickelt. Es geht eher um das Verletzliche, das Ausgelieferte, eher um Christus mit der Dornenkrone. Ich bin eher mit Arnulf Rainer verwandt als mit den Feministinnen. Er spricht von der Negierung alles Lukullischen. Alles, was zu viel ist, wird negiert. Er versucht alles zu reduzieren und übermalt es bis nur noch ein blökender Mund vorguckt.

Du bist dann von Dresden nach Ostberlin gezogen, an den Prenzlauer Berg, wo du auch mit der Bürgerrechtsbewegung und mit Sascha Anderson in Berührung gekommen bist. Du hast die DDR dann 1984 schlagartig verlassen können, musstest aber fast dein gesamtes künstlerisches Werk zurücklassen.

Ich musste innerhalb von 24 Stunden aus der DDR ausreisen, nachdem ich vier Anträge gestellt hatte, die nicht bearbeitet wurden. Ich bin dann mit vier, fünf Bildern unterm Arm, einem Federbett und meinem Sohn in den Westen. Als ich dann eine Wohnung hatte, sollte der Transport meiner Bilder organisiert werden. In den 24 Stunden kam dann noch eine Freundin, die alles aufgelistet hat: 95 Ölbilder, Skulpturen und die Fotodokumentationen meiner Aktionen. Als sie kam, war die Wohnung aufgebrochen und es lag nur Müll rum. Der Nachmieter der Wohnung, hat mir Jahrzehnte später einige der schwarz-weißen Aufnahmen zurückgegeben, die hier in der Ausstellung hängen. Wie es aussieht, hat die Staatsicherheit die Wohnung aufgebrochen und alles, was auf der Liste stand, mitgenommen. Den Schlüssel zu meiner Wohnung hatte ich Sascha Anderson anvertraut.
 
Der dich wie auch alle seine Freunde bespitzelt hat. Aus den Protokollen der Stasi, die du nach Mauerfall einsehen konntest, entstand dann 1993 die Serie „Bis auf weitere gute Zusammenarbeit, Nr. 7284/85“
 
Ich habe relativ schnell Akteneinsicht bekommen. Ich war gerade mit meinem PS1-Stipendium in den USA, als ich vom Mauerfall erfuhr und hörte: „Stell dir vor, einer unserer besten Freunde – wir wissen den Namen noch nicht – war bei der Stasi!“ Und so komme ich zurück nach Deutschland. Durch die USA hatte ich mich endlich akklimatisiert, ich war im Westen angekommen. Dafür hatte ich schon einige Zeit gebraucht – als Frau ohne Werk. Ich musste mir im Westen alles neu erarbeiten. Ich kam also aus Amerika zurück nach Deutschland und dann kam der Osten wieder rein. Ich las all diese Berichte der KP, auf die ich mich in der Serie konzentriere.

Was bedeutet KP?

KP ist eine Kontaktperson, die das Hausbuch für das Mietshaus hatte. Diese Leute hatten auch die Zweitschlüssel für jede Wohnung. Da kam dann die Stasi hin und sagte, wir brauchen mal den Schlüssel für Frau Schleimes Wohnung. Oder sie sagten auch zu der KP: „Beschreiben sie uns mal, wie die Wohnung von Frau Schleime aussieht.“ Dann wartet die KP bis ich nicht da bin, und geht rein. Ich bearbeite eher diese Blockwarts-Mentalität, weniger diese Dinge, wo unsere Kunstaktionen bespitzelt wurden.

Es geht also darum, wie und wo deine Persönlichkeit beurteilt wurde.

Genau. Es gibt auch einen Text von Sascha Anderson auf einer meiner Arbeiten.

Warst du mit ihm eng befreundet?

Natürlich, er war wie ein Bruder für mich, über Jahre.

Das verändert sicher das ganze Leben, wenn so etwas herauskommt.

Die größte Scheiße dabei ist, dass die Vergangenheit auf einmal eine andere ist, als man sie in Erinnerung hat. Man muss alles nochmal rekonstruieren: Hat er da schon? War das denn damals schon? Hat er dieses und jenes verraten? Oder war das ein anderer? Er sagte immer, die Stasi sei hinter uns her, dabei war er es ja selbst. Sogar die nicht genehmigten  Auftritte, bei denen  er mitsang, hat er verraten. Für mich, die gerade im Westen angekommen war, aus Amerika zurückkehrte, ging die Reise wieder zurück. Mir ging es wie einem Zug, der gerade den Berg hochfährt, auf einmal macht das Gas nicht mehr mit und er rollt mit voller Fahrt wieder rückwärts.

Aber wenn man sich deine Serie anschaut, wirkt das nicht so traumatisiert, sondern ziemlich rebellisch.

Deshalb sage ich ja auch, dass ich Meisterin darin bin, aus Scheiße Gold zu machen. Den Genuss gönne ich denen nicht. Ich bin damit kreativ umgegangen. Und sobald ich die ersten Fotos hatte, hat es mir einen wahnsinnigen Spaß gemacht. Damit war ich erlöst. Dafür ist Kunst ja auch da. Wenn ich nichts Negatives erleben würde, was sollte ich malen? Für mich ist Kunst, eine Gegenwelt zu errichten, gegen das, was mir nicht gefällt. Das ist der ganze Sinn und Zweck der Sache. Wenn ich nicht leiden würde, wenn ich eine fröhliche Person wäre, die durchs Leben springt, hätte ich ja gar keine Bildthemen.

Du hast die Serie gemacht und dich so davon distanziert.

Damit war‘s dann gut. Ich war wieder in der Gegenwart, ich hatte wieder Zukunft.

Man sagt ja gerne „das ist ein alter Zopf“ zu Dingen, die überholt oder erledigt sind, die man aber trotzdem mit sich rumschleppt. Und da waren ja auch plötzlich diese Zöpfe, die in  Fotos von Performances und den Zeichnungen auftauchen.

Das mit den Zopf-Inszenierungen ist meine Form von Selbstporträt, die ich alle Jahre wiederhole. Das letzte ist von 2015. Begonnen hat das beim Lesen der Stasi-Akten. Hier arbeitete ich ja auch mit Verwandlungen und Perücken, um die Texte zu persiflieren. Da gab es einen Text in meiner Stasi-Akte: „Dem ABV sind über die Ermittlungen von dann und dann hinaus keine Informationen bekannt geworden, weil die Schleime sich völlig unauffällig verhielt.“ Da habe ich mir gedacht, den persifliere ich. Ich kaufe mir eine Perücke, habe Hanf hineingeflochten und sie auf ungefähr vier Meter verlängert. Dann habe ich einen Kinderwagen hinten rangemacht und herausgefunden, wo das Haus von Sascha Andersons Führungsoffizier ist. Vor dem  Haus bin ich mit dem Kinderwagen auf und ab gegangen. Dabei war auch noch ein Fernsehteam vom ZDF. Ich sah, wie sich die Gardinen bewegen. Ihm ging natürlich der Arsch auf Grundeis.

Nicht jeder kann das so machen und seine eigene Geschichte so reflektieren, wie du in „Bis auf weitere gute Zusammenarbeit“.
 

Ich bin eher spielerisch, arbeite nicht so sehr vom Kopf her. Ich mache mir vorher kein Bild. Ich bin keine Konzeptionelle, ich arbeite vom Bauch her.

Das finde ich witzig, weil das natürlich auch eine konzeptionelle Arbeit ist.

Es ist meine einzige wirklich konzeptionelle Arbeit…

 … die auch zu deiner berühmtesten geworden ist.

Sie bildet eine tolle Symbiose zwischen meinem Spieltrieb und einem konzeptionellen Gerüst. Das allerbeste war: Die Deutsche Bank hat damals auf der Art Frankfurt als erstes diese Serie gekauft. Interessant war, dass mich Künstler aus dem Westen ansprachen und fragten: „Das ist ja eine geile Serie, das ist ja eine tolle Idee! Wo hast Du denn die Texte her?“ Die haben gedacht, ich hätte mir die irgendwo ausgeliehen.

Anfang der 1990er war im Westen die Appropriation Art gerade sehr stark. Viele Künstler eigneten sich Bilder oder Texte an oder stellten Situationen nach.

Wie Sophie Calle, die einen Beschatter engagierte, um aus seinen Berichten etwas zu machen. Da sieht man, dass wir in zwei Welten leben, in der virtuellen, die unter dem Druck steht, immer neue Ideen zu produzieren, die man dann auch künstlerisch füllt, und der Welt von jemandem wie mir, die aus der Pampa kommt und immer sagt: Ich versuche autobiografisch zu sein. Ich kann ja nur aus mir schöpfen.

Es ist interessant, dass du in den 90ern in das Innere Erleben, das Authentische hineingehst, als sich die Kunstszene gerade davon entfernt. Viele Frauen, wenn du dir etwa Cindy Sherman anschaust oder die Pictures Generation, versuchten sich damals von diesem Bild zu lösen, dass Frauen emotional und empfindsam sind, und in der Fotografie und dem Konzeptionellen eine Distanz herzustellen, um sich von dieser Rolle zu befreien. Du bist einen anderen Weg gegangen. Du hast eigentlich eine ganz klassische Künstlerhaltung eingenommen, mit Malerei und Zeichnung.

Absolut. Dazu muss man sagen, dass ich im System in der DDR, wo wir klassisch malen sollten, da habe ich diese Bilder gemalt, diese piktogrammartigen, wie etwa „Der Osten ist grau“. Das habe ich gegen diesen Zwang gesetzt und ich habe meine Performances gemacht. Als ich dann im Westen war, sah ich plötzlich die Arbeiten von Rebecca Horn, die mich an meine Super 8-Filme erinnerten. Da habe ich gedacht: „Die hat sich ja auch so eingewickelt. Das gibt es ja bereits.“ Also musste ich mich neu besinnen. Ich fragte mich: Warum machen die Frauen im Westen, jetzt mal ganz abgesehen von der Emanzipation, diese Perfomance Art, diese Installation Art, diese Raumsachen? Weil das eine neue Kunstform ist und sie dem Vergleich mit der männlichen Kunstgeschichte nicht standhalten mussten. Es ist eine neue Form. Sie haben eine neue Form in die Kunstgeschichte gebracht. Und ich habe gesagt: „Ich will mich diesem männlichen Kunstbegriff stellen. Ich will mich dieser männlichen Tradition, der Malerei, stellen!“

Malerei ist für dich männlich?

Natürlich ist sie hauptsächlich männlich für mich. Das sind auch meine Vorbilder. Ich liebe Bacon und Balthus, ich liebe Monet, Rembrandt und Van Gogh

Eigentlich vertrittst du ein ganz altmodisches romantisches Künstlerbild.
 
Total, ich bin von 1520. Es ist einfach so. Ich will etwas, das mir gefällt. Im Visuellen nehme ich ganz schnell wahr, ob mich etwas interessiert oder nicht.
Dann hat sich die Kunstwelt geändert Ende der 1990er, Anfang der 2000er fing ja die Figuration wieder an.
Im Grunde mit dem Neo Rauch. Rauch hat das wieder salonfähig gemacht, danach hatten wir ganz viele Neo Rauchs für Arme. Ich konnte nicht begreifen, dass sich alle nur noch in andere Zeiten flüchteten. Was hat das mit dem Künstler zu tun? Das Handy klingelt, der Laptop steht im Atelier und im Grunde wird die Frau einsam am Meer gemalt. Das hat aber mit deren Leben gar nichts zu tun.

Und bei dir klingelt das Handy nie und der Laptop steht nicht im Atelier und du malst einsam.

Ja, weil ich die Einsamkeit aushalten kann. Die einsame Frau am Meer als Bildwelt hätte mit meinem Leben schon mehr zu tun als bei den Partyhoppern. Ich bin nicht die einsame Frau, aber ich habe eine besondere Beziehung zu Caspar David Friedrich. Das sind für mich Bilder, mit denen ich groß geworden bin, Sehnsuchtsbilder. Für mich hat Malerei auch viel mit Sehnsuchtsbildern zu tun.

Cornelia Schleime. Ein Wimpernschlag
Hannah-Höch-Preis 2016
25.11.2016–24.04.2017
Berlinische Galerie, Berlin