Erinnerung an die Zukunft:
Die Feministische Avantgarde der 1970er in Hamburg

Cindy Sherman oder Martha Rosler sind heute Superstars. Ihre Karriere begannen sie in der Kunstszene der 1970er. Doch damals wurden feministische Künstlerinnen nicht unbedingt geliebt, sondern ignoriert und bekämpft. Jetzt würdigt eine von der Deutschen Bank geförderte Ausstellung in der Hamburger Kunsthalle diese rebellische Avantgarde, die noch immer absolut modern und radikal wirkt.
Gina Pane, die sich bei ihren Performances im weißen Hemd mit Rasierklingen schnitt, Valie Export, die sich für ihr „Tapp- und Tastkino“ von fremden Männern an die Brüste fassen ließ, Lynda Benglis, deren nacktes Selbstportrait mit Doppeldildo einen handfesten Porno-Skandal im Kunstmagazin Artforum auslöste: diese Bilder sind heute ikonisch – gerade weil sie so radikal sind. Es scheint, als sei die Gesellschaft seit den 1970ern liberaler und progressiver geworden. Doch die Wut und der Mut, mit denen diese Frauen nicht nur an Geschlechterrollen, sondern auch an den Konventionen des männerdominierten Kunstbetriebs rüttelten, sind immer noch atemberaubend. Kein Wunder also, dass jüngere Generationen diese Performances rekonstruieren und nachspielen, dass die Ästhetik der feministischen Pionierinnen nicht nur in der Kunst, sondern auch in der Mode immer wieder aufgegriffen und recycelt wird. Doch vielleicht verdeutlicht diese nostalgische Sehnsucht nach feministischer Radikalität auch, wie wenig politische und kulturelle Aufbruchsstimmung gerade herrscht.

Wer da eine Erfrischung braucht, kann jetzt in der Hamburger Kunsthalle richtig auftanken. Gefördert von der Deutschen Bank zeigt die Kunsthalle mit über 150 Werken von 30 Künstlerinnen eine große Überblickschau zu feministischer Kunst in den 1970er Jahren. Zusammengetragen wurden die Arbeiten von der Sammlung des österreichischen Stromkonzerns Verbund. Hierbei hat auch die Sammlungskuratorin Gabriele Schor Pionierarbeit geleistet. Denn die Ausstellung in Hamburg liefert nicht nur eine historische Rekonstruktion, sondern auch zahlreiche Neu- und Wiederentdeckungen. Da sind beispielsweise die ganz frühen, berückend zarten und komischen Schwarz-Weiß-Arbeiten von Cindy Sherman, die noch vor den berühmten Film Stills entstanden. Aber es gibt auch ganz ähnliche fotografische Selbstinszenierungen von Künstlerinnen, die heute kaum noch jemand kennt: die New Yorkerin Martha Wilson, die in den 1970ern zu den einflussreichsten Kunstleuten in Manhattan gehörte, aber erst 2008 ihre erste Einzelausstellung in einer Galerie bekam. Als die Sammlung Verbund begann, Francesca Woodman zu sammeln, war die US-Fotografin, die sich Anfang der 1980er mit nur 22 Jahren das Leben nahm, noch ein Insider-Tipp. Wenige Jahre später widmeten das Guggenheim und die Tate ihr große Retrospektiven. In Hamburg sind neben ihren inzwischen berühmten traumartigen Bildern noch radikalere Selbstinszenierungen zu sehen.

Ein Beispiel wie Francesca Woodman macht Mut, es zeigt wie relativ Erfolg oder Misserfolg für die Bedeutung einer künstlerischen Position sind. Doch es ist das Schicksal der meisten Künstlerinnen in dieser Ausstellung vom breiten Publikum erst spät in ihrer Karriere oder posthum entdeckt zu werden. Völlig ungerechtfertigt, wenn man sich etwa die anrührenden Gender-Performances von Eleanor Antin oder das konzeptionell-poetische Werk der italienischen Künstlerin Ketty La Rocca ansieht, die auch in der Sammlung Deutsche Bank vertreten ist.   

Österreich, das ist nicht nur Valie Export, die 1969 mit ihrer schrittfreien „Aktionshose“, gespreizten Beinen und Maschinengewehr posierte. Bereits an der internationalen Wiederentdeckung von Birgit Jürgenssen war die Sammlung Verbund erheblich beteiligt. Jetzt passiert das Gleiche mit der Österreicherin Renate Bertlmann, deren Aktionen in den 1970ern manchmal an den britischen Performancekünstler Leigh Bowery erinnern.

Die Feministische Avantgarde der 1970er-Jahre ist eine Geschichte des „Untergebuttert-Werdens“, des Aufstehens und des Wieder-Auferstehens. Die Ausstellung verdeutlicht nicht nur, wie Künstlerinnen an festgefahrenen Rollenbildern rüttelten oder ihre Rechte einforderten, sondern auch wie hart der Kunstbetrieb war und ist, welche Schätze er missachtet, welche Kreativität er unterdrückt hat. Auch dagegen richtete sich der Kampf dieser Pionierinnen.

Feministische Avantgarde der 1970er Jahre
Werke aus der SAMMLUNG VERBUND, Wien

13.3. – 31.5.2015
Kunsthalle Hamburg