Ketty La Rocca:
Die Sprache der Hände

In Ketty La Roccas Performances und Fotoarbeiten geht es um die Suche nach einer neuen, authentischen Sprache. Jetzt kann man die italienische Konzeptkünstlerin in der Hamburg Kunsthalle wiederentdecken. Hier würdigt die von der Deutschen Bank geförderte Ausstellung „Feministische Avantgarde der 1970er Jahre“ eine Generation von Künstlerinnen, deren Werk nichts von seiner Aktualität verloren hat.
Galleria Tartaruga, Rom, April 1975. Ketty La Roccas letzte Performance. Sie sitzt an einem Tisch, umgeben von ihren Mitspielern. Die tragen lautstark ein von der Künstlerin verfasstes Manifest vor, dessen elaborierte Formulierungen allerdings absolut keinen Sinn ergeben. Immer wieder unterbricht La Rocca den absurden Vortrag: Gemeinsam mit dem Publikum wiederholt sie beständig das Wort YOU. Dann rücken ihre Mitspieler immer dichter an die Künstlerin heran, zeigen mit dem Finger auf sie, um schließlich ihren Kopf auf die Tischplatte zu pressen und sie so zum Schweigen zu bringen. Hier geht es um die Themen, die La Roccas Werk von Anfang an prägen – Macht, Kommunikation und die, wie sie es formuliert, „totale Unterwerfung unter die Sprache“. Die Performance ist noch aufwühlender, wenn man weiß, dass die Künstlerin zu diesem Zeitpunkt schwer krank ist. Sie leidet an einem Gehirntumor. Nur ein knappes Jahr später stirbt sie in ihrer Heimatstadt Florenz.

Hier begann 1964 auch ihre nur gut zehn Jahre umfassende Laufbahn als Künstlerin. Zunächst belegt La Rocca am Konservatorium Luigi Cherubini einen Kurs für elektronische Musik. Schnell wird sie Teil einer progressiven Szene aus Musikern, Literaten und Künstlern, beginnt sich mit den Medien- und Kommunikationstheorien von Barthes, Eco und McLuhan zu beschäftigen. In ihren ersten Collagen verbindet sie Strategien der Pop Art mit der beißenden Gesellschaftskritik der Dadaisten: La Rocca kombiniert Motive aus Hochglanzmagazinen mit kurzen Texten, um die verborgenen ideologischen Botschaften der Massenmedien offen zu legen. Dabei nimmt sie zugleich die stereotypen Frauenbilder und den Einfluss der katholischen Kirche aufs Korn. Und sie geht mit ihren Arbeiten in die Öffentlichkeit: So verteilt La Rocca während eines Kunst-Festivals Kopien ihrer Collagen wie Flugblätter an Passanten.

Auf einem ihrer Straßenplakate ist „Vita fu crudelmente breve“ (Das Leben war grausam kurz) zu lesen – vielleicht als autobiographische Anspielung: Denn bereits seit 1965 weiß die Künstlerin von ihrer Krankheit. In den folgenden Jahren werden ihre Arbeiten kühler, minimalistischer. Neben Spiegel- und Metallobjekten entstehen Textgemälde und schließlich einzelne aus schwarzem Kunststoff gefertigte Buchstaben. Sie werden an die Wand geklebt oder wie Skulpturen frei im Raum platziert. Das „I“ und das „J“ stehen dabei für das englische bzw. französische „Ich“. In ihrer Vereinzelung werden diese Lettern zu „Metaphern für das isolierte Subjekt, das doch nur in der Sprache und durch die Sprache existierten kann“, so Silvia Eiblmayr, die 2003 in der Galerie im Taxispalais, Innsbruck, eine La Rocca-Ausstellung kuratierte.

Doch genau dieser Sprache misstraut die Künstlerin zutiefst – aufgrund der Klischees und männlich dominierten Machtstrukturen, die sie transportiert. Frauen, so La Rocca, stehe nur eine Sprache zur Verfügung, die ihnen fremd und feindlich ist. Sie sucht nach Alternativen und beginnt 1970 mit performativen Arbeiten, in denen Gesten eine authentischere Form von Kommunikation ermöglichen sollen. Dazu zählen ihr Video Appendice per una supplica (Anhang für eine Bittschrift), mit dem sie 1972 auf der Venedig-Biennale vertreten ist, oder die jeweils 6-teiligen Arbeiten aus der Fotoserie Le mie parole, e tu? (Meine Wörter, und du?). Die Künstlerin konzentriert sich in diesen Arbeiten ganz auf die Hände. Vor einem schwarzen Hintergrund vollziehen sie verschiedene Gesten: Finger deuten in eine Richtung, zählen ab, ballen sich zur Faust. Ein männliches und ein weibliches Paar Hände kommunizieren in einer Art Zeichensprache – Geschlechterkampf als existenziell anmutendes Ballett zwischen Anziehung und Abstoßung, Zuneigung und Aggression. Die Beschäftigung mit dem kommunikativen Potential von Gesten führt auch zu ihrer Mitarbeit bei Nuovo Alfabeti, einer experimentellen Fernsehsendung für Gehörlose, die in Gebärdensprache ausgestrahlt wird.

Eine Arbeit aus La Roccas Fotoserie ist jetzt im Rahmen der Ausstellung Feministische Avantgarde der 1970er Jahre in der Hamburger Kunsthalle zu sehen ist. Mit mehr als 150 Arbeiten aus der Sammlung Verbund dokumentiert die von der Deutschen Bank geförderte Schau mit welcher Radikalität feministische Künstlerinnen damals gegen tradierte Geschlechterrollen aufbegehren. Vergleicht man La Rocca mit anderen Künstlerinnen der Schau wie Valie Export, Ana Mendieta oder Cindy Sherman fällt auf, dass ihr Werk von einer „minimalistischen Diskretion“ geprägt ist. Sie verzichtet auf offensiven Körpereinsatz, Nacktheit aber auch Verkleidungen. Von all diesen Pionierinnen der feministischen Kunst ist La Rocca vielleicht am stärksten mit konzeptuellen Positionen verbunden. Schematisierung und Serialität zählen ebenso zu ihren künstlerischen Strategien wie die Verwendung von Sprache und Schrift.

So taucht das Wort YOU wie ein Mantra immer wieder in La Roccas späten Performances und Fotoarbeiten auf. In Le mie parole, e tu? ist es etwa wie eintätowiert auf den Händen zu lesen. „Das YOU bedeutet für mich den Inbegriff des Lebens“, erklärt Gabriele Schor, die als Direktorin der Sammlung Verbund die Ausstellung in Hamburg kuratiert hat. „DU, die andere Person, ist die Grundlage jeder Art von Miteinandersein. Es ist beeindruckend, wie Ketty La Rocca es versteht, das YOU in ein ästhetisches Sinnbild zu transformieren.“ Dieses YOU hat sich sogar in die Röntgenbilder ihres Schädels eingeschrieben, die La Rocca in der Serie Craniologia (1973) mit Aufnahmen ihrer Hand oder einer geballten Faust überblendet. Ein berührendes Memento Mori, in dem sie, so Gabriele Schor, „das Zeichen der Krankheit mit der Geste der kämpferischen Aktion verbindet.“

Dem YOU oder auch kurzen Passagen aus La Roccas Nonsens-Manifest begegnet man ebenfalls in ihrer letzten Werkgruppe, den Riduzioni (Reduktionen). Sie basieren auf massenhaft reproduzierten Filmfotos und Kunstwerken wie Michelangelos Pietà. Ihre Überarbeitung dieser Ikone der Renaissance ist im Hauptsitz der Deutschen Bank in Mailand zu sehen. Neben einer Schwarz-Weiß-Aufnahme der Skulptur hat La Rocca vier von ihren Variationen des Motivs gestellt. Darauf zeichnet sie die Konturen der Pietà mit ihrer Handschrift nach, um das Bild und die Schrift dann immer stärker aufzulösen. Schrift wird zu Kalligraphie, zur reinen Geste, das Bild auf abstrakte Linien reduziert. Auch in der Hamburger Kunsthalle ist sie mit ihren Riduzioni vertreten. Für Pandora eignet sie sich ein Schaukastenfoto des Films Pandora und der fliegende Holländer an, in dem Ava Gardner die mythologische Gestalt verkörpert. Wie die Künstlerin mit ihrer Pietà das Klischee von der leidenden Mutter aufgreift so dekonstruiert sie hier ein weiteres weibliches Stereotyp, das der männermordenden Femme Fatale. Ihre Riduzioni basieren auf „Bildern, die schon von vielen und seit sehr langer Zeit gesehen wurden, die durch die allgemeinen Beschreibungen fad geworden sind“, wie sie 1975 erklärt. La Rocca versetzt diese Bilder in einen nervösen Schwebezustand, bringt sie zum flirren und eröffnet so neue, ganz persönliche Möglichkeiten der Interpretation.

„Nie gelang La Rocca der Durchbruch in die männerdominierte Kunstwelt – weder mit ihren Arbeiten noch mit ihren Texten“, schrieb die renommierte Kritikerin Lucy Lippard 1976 in einem Essay für das Magazin Art in America. Doch Ausstellungen wie WACK! Art and the Feminist Revolution oder DONNA. Avanguardia femminista negli anni `70 haben sie, wie so viele andere in Vergessenheit geratene Künstlerinnen der siebziger Jahre, endlich wieder ins Bewusstsein einer breiteren Öffentlichkeit gerückt. Auch die Schau in der Hamburger Kunsthalle unterstreicht, welche Pionierarbeit diese Frauen geleistet haben und was ihnen die jüngere Szene zu verdanken hat: Die Verbindung des Privaten mit dem Politischen, von Kunst und Aktivismus, die Auseinandersetzung mit Körper, Geschlecht und Identität – nichts was diese Künstlerinnen damals beschäftigte, hat an Relevanz verloren.
Achim Drucks

Feministische Avantgarde der 1970er Jahre
Werke aus der SAMMLUNG VERBUND, Wien

13.3. – 31.5. 2015
Kunsthalle Hamburg