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Gemeinsame Visionen
Die Johannesburger Kunstszene im Aufbruch


Jeder, der hier lebt, liebt und hasst diese Stadt, sagt William Kentridge. Doch gerade aus dieser Spannung bezieht die Kunstszene in Johannesburg ihre Kraft. Das hat Sean O'Toole auf seinem Streifzug durch Ateliers und Projekträume festgestellt.


Als junger Mann, der im Johannesburg der 1970er- und 1980er-Jahre aufwuchs, erkundete William Kentridge viele unterschiedliche berufliche Möglichkeiten: Er beteiligte sich an der vibrierenden Theaterszene der Stadt, arbeitete in der kommerziellen Filmindustrie, schuf Zeichnungen und Drucke für Ausstellungen und versuchte sich sogar als politischer Karikaturist. Angesichts dieser Bandbreite etwas verwirrt, fragten ihn Freunde schon scherzhaft, wann er denn gedenke, sich nur einem Beruf zu widmen. Es geschah dann in seinen frühen Dreißigern, berichtet Kentridge, als seine Frau mit dem ersten Kind schwanger wurde. Plötzlich in die Rolle des Versorgers gedrängt, beschränkte sich Kentridge darauf, Kunst zu schaffen. Dabei schöpfte er aus dem Formenschatz des russischen Konstruktivismus und des deutschen Expressionismus und zeichnete mit Engelsgeduld unzählige Kohlestudien für einen Stop-Motion-Animationsfilm über den Geschäftsmann Soho Eckstein und den Künstler Felix Teitlebaum. Das vollendete Werk über das Leben dieser beiden fiktiven Bewohner Johannesburgs, das einen Wendepunkt in seiner künstlerischen Karriere markiert, betitelte er Johannesburg, 2nd Greatest City after Paris (1989).


CIRCA Gallery in Partnerschaft mit der Deutschen Bank

Der Ausstellungsraum bietet eine Plattform für bedeutende Werke zeitgenössischer Kunst. Auch Vorträge und Musikveranstaltungen finden hinter der geschwungenen Fassade statt. Das Gebäude der CIRCA Gallery gilt als eines der herausragenden architektonischen Wahrzeichen im Nordwesten von Rosebank. Dieser Stadtteil hat sich zu einem wichtigen Zentrum für bildende Kunst in Südafrika entwickelt. Die skulpturale Form des Hauses feiert die Kunst, die Architektur und das Leben in Johannesburg.


Heute noch lebt und arbeitet Kentridge (58) in Johannesburg, einer wuchernden, hektischen Stadt mit 4,5 Millionen Einwohnern, die 1886 nach der Entdeckung von Goldvorkommen gegründet wurde. Dort unterhält er zwei Ateliers: Eines befindet sich in Arts on Main, einem Kulturbezirk im Stadtkern, während sein weit intimeres Studio für Zeichnungen und Papierarbeiten in Houghton beheimatet ist, nur ein paar Blocks von Nelson Mandelas ehemaligem Haus entfernt. Und Kentridges Vater vertrat Mandela in den 1960er-Jahren als Anwalt. Der Künstler hat Johannesburg immer wieder zum Thema seiner Arbeiten gemacht, erst kürzlich wieder in seinem Film Other Faces (2011).

Kentridge ist jedoch nicht der einzige, der Johannesburg regelmäßig zum zentralen Motiv seiner Kunst macht. Im Juni dieses Jahres hat la maison rouge, eine in Paris ansässige private Kunststiftung, die Gruppenausstellung My Joburg ausgerichtet, die sich ganz dem Thema Johannesburg widmete. Sie vereinte vier Generationen meist südafrikanischer Künstler und umfasste eine breite Palette an Medien, von kleinen Holzschnitten, Fotografien und ungewöhnlichen handgezeichneten Landkarten bis hin zu riesigen skulpturalen Installationen und dem erwähnten aktuellen Film von Kentridge. Damit bot die Ausstellung den bisher wohl umfassendsten Überblick zu Johannesburg – sowohl als Schauplatz von Kunstproduktion als auch als Quelle künstlerischer Inspiration.

An die 50 Künstler nahmen an My Joburg teil, darunter Moshekwa Langa (38), dessen Ausstellungsdebüt 1995 im Market Theatre in Johannesburg auf vielerlei Art und Weise den Weg für die improvisierte und expressionistische skulpturale Praxis zweier bedeutender junger Johannesburger Künstler, Dineo Seshee Bopape und Nicholas Hlobo, ebnete. Langa, der abwechselnd in Amsterdam und Johannesburg lebt, erschafft seine Arbeiten aus Materialien, die ihm unmittelbar zur Verfügung stehen. Seine vielschichtigen und geheimnisvollen Assemblagen weisen eine Dichte an Referenzen und Bedeutungen auf, die sich einer einfachen Entschlüsselung entziehen. Seine Werke stellen einen Kontrapunkt dar, zum Beispiel zu der wohldurchdachten dokumentarischen Fotografie von David Goldblatt. Der 82-jährige Fotograf konnte sich als bedeutendster visueller Archivar Johannesburgs etablieren. „Für mich ist Joburg wie ein Juckreiz“, meint Goldblatt über sein unermüdliches Interesse, seine Heimatstadt fotografisch festzuhalten. „Von Zeit zu Zeit muss ich mich kratzen. Es tritt an verschiedenen Körperstellen auf, also kratze ich einmal hier und einmal da, aber selten zweimal an der gleichen Stelle.“

Auch David Koloane, der 1977 die heute nicht mehr existierende Galerie Federated Union of Black Artists (FUBA) mitbegründete, fotografiert Johannesburg. Er verfolgt dabei aber einen anderen Zweck. Die zerklüfteten und expressionistischen Zeichnungen, Drucke und Gemälde des 1938 in Johannesburg geborenen Künstlers, die oftmals ebendiese Stadt abbilden, sind häufig von seinen eigenen Fotografien inspiriert. Seine Arbeiten, in denen immer wieder Stadtlandschaften und streunende Hunde vorkommen – letztere ein einprägsames Symbol für Kriminalität, Gewalt und fehlende Sicherheit im alltäglichen Stadtleben –, weisen ein hohes Maß an Subtilität auf. Koloane setzt sich mit den Auswirkungen der Apartheid, besonders auf die Befindlichkeit der armen Bevölkerung in den Städten, auseinander. Gefördert von Bill Ainslie, dem Gründer und Direktor der Johannesburg Art Foundation, an der auch Kentridge studierte, bedeutete Koloanes früher Einsatz von Abstraktion und Metaphern eine Art von Widerstand gegen den weißen Kunstmarkt. Dieser beschränkte sich auf formal naive Bilder mit „sorglosen, glücklichen und musikalischen“ Schwarzen. Stattdessen schuf Koloane Werke in abstrakter Manier, wobei er der gestischen Zeichensetzung ebensoviel Bedeutung einräumte wie den figurativen Beschreibungen, die eine Konstante in seiner Arbeit darstellen.

Koloanes Atelier in Fordsburg ist nur einen kurzen Fußweg vom Artist Proof Studio (APS) in Newtown entfernt. Wie Kentridge ist auch Koloane Stammgast in dieser gemeindeeigenen im Jahr 1991 gegründeten Druckerei. Vor zwei Jahren stellte Koloane eine Lithografie für ein Portfolio zur Verfügung, das APS anlässlich der Joburg Art Fair herausgegeben hatte, einer seit 2008 jährlich stattfindenden Kunstmesse. In diesem Jahr stellte APS eine bemerkenswerte Vernis-mou-Arbeit der jungen Grafikkünstlerin Ziyanda Majozi aus. Der Druck zeigt ihre Freundin Zanele Muholi, Fotografin und Aktivistin für die Rechte homosexueller Frauen, deren Porträtarchiv schwarzer lesbischer Frauen bei der documenta 13 für Aufsehen gesorgt hatte.

Muholi (41), die in Durban geboren wurde, aber seit Langem in Johannesburg lebt, erlernte die Grundlagen der Fotografie im Market Photo Workshop. Die Aufgabe dieser 1989 von Goldblatt gegründeten Lehreinrichtung, die sich gleich neben APS befindet, besteht darin, das Medium Fotografie einer größeren Bevölkerungsgruppe zugänglich zu machen, als dies im Südafrika unter der Apartheid möglich war. Neben Muholi ist Jodi Bieber eine weitere Absolventin dieser Fotografieschule. Ihr ikonenhaftes Porträt von Bibi Aisha, einer jungen afghanischen Frau, die während der Herrschaft der Taliban von ihrem Ehemann verstümmelt wurde, war im August 2010 auf dem Titel des Time-Magazins. Obwohl eine jüngere Generation von Künstlern begeistert mit dem Medium Fotografie arbeitet, gibt es in Johannesburg keine kommerzielle Galerie, die sich ausschließlich der Fotografie widmet. Die bürgerliche Elite der Stadt – in Johannesburg gibt es fast 24 000 Millionäre, mehr als in Kairo mit 12 300 und Lagos mit 9 800 zusammen – verlangt immer noch vor allem nach Gemälden mit belanglosen Landschaften und Stammeskunst-Klischees.

Frustriert vom kleinen und konservativen lokalen Kunstmarkt arbeiten junge Künstler, die aus den Tanzstudios, den Kunstschulen und den Schauspielklassen der Stadt hervorgehen – entweder alleine, meist aber in Kollaborationen –, an thematisch fokussierten und ortsspezifischen Performances. Kemang Wa Lehulere (29) gehört zu den bedeutendsten Künstlern dieser neuen Generation südafrikanischer Künstler. Er ist dabei höchst produktiv, sei es als Einzelkünstler oder in der Zusammenarbeit mit anderen. Seine zahlreichen künstlerischen Aktivitäten umfassen Zeichnung, Videokunst, Performance und skulpturale Installation. Lehulere geht in seinem Werk der Kluft zwischen individueller Biografie und kollektiver Geschichte nach und beleuchtet die Widersprüche, die sich in der Konfrontation zwischen Vergessen und Archivieren eröffnen. Aktuell beschäftigt er sich mit der Auslöschung durch performative Gesten, die den Körper gleichzeitig als ein im Prozess der Auflösung befindliches Archiv und als Ort des Schreibens wie auch der Darbringung zukünftiger Erzählungen betrachten.

Wie bei Kentridge ging auch Lehuleres Laufbahn ein kurzer Abstecher in das Metier des Schauspiels. Als Jugendlicher, der in Kapstadt aufwuchs, war Lehulere in etlichen kleineren Fern sehrollen zu sehen. Man vermittelte ihm jedoch, dass seine gemischtrassige Herkunft keine glaubwürdigen schwarzen Rollen ermöglichte, weshalb er seine Ambitionen aufgeben musste. Lehulere begann zu zeichnen, Drehbücher zu verfassen, an Projekten mit Freunden aus Kapstadt zu arbeiten und Kunstperformances zu inszenieren. 2008 beschloss Lehulere, sich für ein Kunststudium an der Witwatersrand-Universität in Johannesburg einzuschreiben, wo Kentridge in den 1970er-Jahren Politik und afrikanische Geschichte studierte. Während Lehulere diese Entscheidung heute bereut – „ich habe das Gefühl, als ob es mir eine Menge abverlangt hat, ich aber nicht sehr viel zurückbekommen habe“ –, denkt er weniger zwiespältig über seine Entscheidung, nach Johannesburg zu ziehen. „Diese Stadt ist verrückt und ihre Energie macht süchtig“, meint Lehulere, dessen wandgroße Zeichnungen bei der Art Basel im Juni dieses Jahres mit dem 15. Baloise Kunstpreis ausgezeichnet wurden. Arbeiten von Lehulere und von Koloane sind auch in der Ausstellung The Circle Walked Casually in der Deutschen Bank KunstHalle in Berlin zu sehen.

Dabei war sich Lehulere zunächst gar nicht sicher, ob die frühen Zeichnungen überhaupt ausgestellt werden sollten. Ursprünglich dienten sie als Storyboards für nicht realisierte Filmprojekte. Erst Gabi Ngcobo, eine aus Johannesburg stammende Kuratorin und langjährige Arbeitspartnerin, die Lehulere in Kapstadt kennengelernt hatte, konnte ihn überzeugen, die Werke der Öffentlichkeit vorzustellen. „Anfangs war ich skeptisch, da ich nicht sehr viel Vertrauen in die Arbeiten hatte“, erzählte Lehulere im vergangenen Jahr dem Kurator Hans-Ulrich Obrist. Als er seine Arbeiten dann jedoch an der Wand einer Galerie sah, änderte sich seine Meinung. So wurden Installationen von Zeichnungen, die figurative und abstrakte Kompositionen mit Textfragmenten kombinieren, zu seinem Markenzeichen. Im Rahmen von My Joburg stand auf einer Zeichnung von Lehulere: „When the walls fall, so do the writings on them.“

Lehulere und Ngcobo waren während ihrer Zeit in Kapstadt Mitglieder der Künstlergruppe Gugulective. Als sie nach Johannesburg zogen, führten sie diese Zusammenarbeit unter dem Dach des Center for Historical Reenactments fort. Zu den Mitgliedern dieser mobilen Ausstellungsplattform, die von Ngcobo gegründet wurde, zählt Donna Kukama, eine Multimedia-Künstlerin, die sich mit Performance, Videokunst und Text- und Sound-Installationen beschäftigt. 2011 leiteten Lehulere und Ngcobo eine große Veranstaltung im Gedenken an Gito Baloi, einem in Mosambik geborenen Musiker, der 2004 an einer Straßenkreuzung in Johannesburg erschossen wurde. Bei dieser Veranstaltung wurde ein großformatiges Wandgemälde geschaffen, das an Baloi erinnern soll, außerdem fand eine Performance von Lehulere und ein T-Shirt-Druck-Workshop statt, der von der Keleketla! Library geleitet wurde.

Diese im Jahr 2008 gegründete Bibliothek, die zugleich auch als Medienkunstprojekt fungiert, befindet sich in einer ehemaligen Militärbaracke am östlichen Rand des früheren Hauptgeschäftsbezirks von Doornfontein – ehemals ein Ort musikalischer und kultureller Experimente. Wie der Projektraum Parking Gallery, der von Simon Gush, einem Künstler mit großem Interesse an der Arbeiterbewegung der Stadt, gegründet wurde, bietet die Bibliothek einen dringend benötigten Freiraum in einem Stadtteil, der über keine öffentliche Bücherei verfügt. „Ein Element, das sich von Anfang an herauskristallisierte, war die Zusammenführung aller vorangegangenen Erfahrungen der Gründer als DJs, Autoren, Designer und Moderatoren“, meint Rangoato Hlasane, Künstler und Mitbegründer der Keleketla! Library. Nach fünf Jahren ist hier ein Ort ideenreichen Widerstands entstanden, in einer Stadt, die ansonsten von wucherndem Kommerz geprägt ist.

Während Johannesburg durchgängig als „hässlich“ abgestempelt wird – die Schriftstellerin Olive Schreiner sprach einst von „Hölle“, Winston Churchill von einer „Mischung aus Monte Carlo und Sodom und Gomorrah“, und der Journalist Lewis Nkosi zog den Vergleich mit einer Wüste – ruft die Stadt bei ihren Künstlern doch Zuneigung und Begeisterung hervor. „Ich bin manchmal so erleichtert, wenn ich fort bin“, meint Kentridge, „es ist jedoch auch notwendig, wieder zurückzukommen. Jeden, der hier lebt, verbindet eine starke Hassliebe mit dieser Stadt. Es gibt Teile, die unerträglich sind, und dann wieder solche, die fantastisch sind.“ Es ist genau dieser schwierige Balanceakt, der der Kunst, die Johannesburg hervorbringt, ihre bemerkenswerte Eindringlichkeit und Dynamik verleiht.




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