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Mohamed Camara
"Ich spiele mit der Schönheit des Moments"


Er gilt als Wunderkind der afrikanischen Fotoszene, dabei wollte er eigentlich Fußballspieler werden. Die Berufung zum Fotografen ereilte Mohamed Camara eher zufällig. Mit einer geliehenen Digitalkamera machte der 16-jährige in der malischen Hauptstadt Bamako seine ersten Aufnahmen. Eine Einzelausstellung in der Londoner Tate Modern katapultierte den Autodidakten 2004 endgültig ins Rampenlicht der internationalen Kunstszene. Jutta von Zitzewitz über Mohamed Camara – den jüngsten Künstler, dem in den Frankfurter Deutsche Bank-Türmen eine Etage gewidmet ist.


Die Geschichte des Fotografen Mohamed Camara beginnt in einer Seitenstraße von Bamako. Hier betrachtet der 16-jährige Fußballfan mit seinen Freunden ein Magazin mit Fotografien der westafrikanischen Dogon. Selbstbewusst wirft Mohamed in die Runde, so etwas könne er auch. Der französische Schriftsteller Antonin Potoski, unterwegs im Auftrag der Fotobiennale von Bamako, nimmt ihn beim Wort und drückt dem Schüler seine eigene Digitalkamera in die Hand. Nach ersten erfolglosen Versuchen auf den Straßen, bei denen ihm die Kamera beinahe gestohlen wird, zieht sich Camara in den Schutz der eigenen vier Wände zurück, richtet sein Objektiv auf Fenster und Türen. Dies wird der Auftakt zu seiner ersten Serie Chambres maliennes (2000-02), mit der er in der Sammlung Deutsche Bank vertreten ist.

Transparente Vorhänge, durch die gleißendes Licht fällt, offene Fenster und Türen, eine Frau, die mit Blumen im Arm das Haus betritt – Camaras Fotografien wirken wie hin getupfte Impressionen aus dem Alltag der malischen Hauptstadt. Die Bilder, die in den verschatteten Wohnungen von Freunden und Familienmitgliedern entstehen, offenbaren eine "Kunst auf der Schwelle" in einem Land, in dem die Durchlässigkeit zwischen drinnen und draußen von gleißendem Licht und der sengenden Hitze der Subsahara bestimmt wird. Der junge Fotograf betrachtet das Licht wie einen lebendigen Stoff, den er gestalten und nutzen kann, um Gefühle auszudrücken – Müdigkeit, Überraschung, Glück. Seine Virtuosität beschränkt sich nicht auf die Behandlung des Lichts. Gerade aus der räumlichen Beschränkung der Cambres Maliennes resultiert eine große formale Raffinesse. "Ich liebe Innenräume, weil sie so begrenzt sind wie eine Theaterbühne. Das, was ich erzählen will, muss ich innerhalb dieser Parameter sagen, indem ich mit dem Licht spiele, und den Farben und Objekten, die da sind", wie er in einem Gespräch mit Marian Nur Goni für Africulture erklärt hat.

Als die Chambres maliennes enstanden, wusste Camara noch nichts von der großen Tradition der Porträtfotografie in seinem Land, die Seydou Keita in Bamako mit der Gründung eines eigenen Fotostudios in den 1940er Jahren etablierte – in der Ära des Kolonialismus, als Mali noch Französisch-Sudan hieß. Seinen Landsmann Malick Sidibé, der in den 1970er Jahren mit unverwechselbarer Spontaneität das Lebensgefühl der Teens und Twens nach der Unabhängigkeit Malis einfing, kannte er zu dieser Zeit lediglich dem Namen nach. Auch mit den intimen Interieurs von Henri Matisse, an die seine Bilder zuweilen erinnern, war der Fotograf nicht vertraut.

Umso erstaunlicher, wie instinktsicher Camara Bildausschnitt, Blickwinkel und Motiv wählt und mit welch großem Gespür für grafische Bildwirkungen er das Spiel von Licht und Schatten auf transparenten Stoffen inszeniert. Zu Recht spricht sein Pariser Galerist Pierre Brullé von Camaras fotografischer Intelligenz, seinem intuitiven Wissen um den "entscheidenden Augenblick", den Henri Cartier-Bresson Anfang der 1950er Jahre ins Zentrum seiner Theorie der Fotografie rückte. So erklärt Camara im Interview für ArtMag: "Ich habe eben das Glück, auf solche kostbaren Momente zu treffen. Ich liebe diese Augenblicke wirklich, deshalb verpasse ich sie auch nur selten."

Natürlich hilft Camara solchen Momenten durch eigenes Eingreifen nach, doch Inszenierung und Vorgefundenes werden von ihm in eine traumwandlerische Balance gebracht, in der selbst rätselhafte Motive vollkommen natürlich erscheinen. In seiner zweiten Serie, Certains matins (2006), treten die surrealen Elemente seiner Ästhetik des Alltags noch stärker in den Vordergrund. In diesen poetischen Vignetten deuten zwei Schatten auf der roten Erde eine Liebesgeschichte an – Certains matins, au réveil …Manchen Morgen, beim Erwachen…, träumt sich Camara seinen Fußballhelden herbei – Manchen Morgen erscheint mir Zidanes Name, wenn ich ihn nicht sehe , oder er verliert sich im Spiel mit seiner Kusine – Manchen Morgen zeigt mir meine Kusine Tricks, die ich nicht verstehe. Private Rituale wie ein Gebet, ein Spaziergang oder das Warten an einem Fenster werden in dieser Serie zu Epiphanien verdichtet, in denen sich zum subtilen Spiel mit Licht, Schatten und Farbe stets auch ein Element des Geheimnisvollen gesellt.

Ähnlich wie die westafrikanischen Griots – Sänger und Dichter, die das kulturelle Gedächtnis ihrer Völker in der mündlichen Überlieferung bewahren – erzählt auch Camara Geschichten, allerdings solche, die sich in der Schwebe befinden. Die Bildtitel tragen das ihre dazu bei: Manchen Morgen bin ich der Kaktus aus Sibirien, Manchen Morgen geht der Kaktus vor dem Landhaus spazieren, Das Glück kommt, um mich zu besuchen.

Wie Paul Klee, mit dem Camara das poetische Wechselspiel zwischen Bild und Text verbindet, ist auch der afrikanische Fotograf kaum greifbar. Stellt man ihm Fragen zu seinem Werk, erhält man auf charmante Weise ausweichende Antworten, denen anzumerken ist, wie wenig er von sich preisgeben möchte. "Ich spiele eben mit der Schönheit des Moments, also auch mit den Materialien, die da sind, wie Stoffe und Textilien", lautet seine Antwort auf die Frage nach der Bedeutung von Stoffen in seiner Arbeit. Spricht man ihn auf die Rolle des Autobiografischen an, erwidert er: "Sicher, ich mache Kunst, aber ich zeige auch meinen Alltag und spiele in meinen Fotos häufig mit dem, was ich mit Worten nicht zu sagen vermag."

Das Mysterium der Bilder von Mohamed Camara hat nicht allein mit seiner künstlerischen Begabung zu tun, sondern auch mit dem Abstand zwischen Afrika und Europa – mit einem unübersetzbaren Rest bei der Übertragung von einer Kultur, von einer Wahrnehmung in die andere. Umgekehrt schlägt Mohamed Camara aus diesem Abstand Kapital. Fernab von allen gängigen Klischees über Afrika entzieht sich der Fotograf dem touristischen Blick, den viele westliche Betrachter auf Afrika werfen – oder aber er dreht ihn in seinen Fotografien kurzerhand um. So schließt er das bunte Treiben auf den Straßen Bamakos in den Chambres Maliennes vollkommen aus und zieht sich in Räume zurück, zu denen ein Außenstehender niemals Zugang hätte. In Certains matins, je suis la cactus de Siberie hingegen nähert sich Camara den europäischen Alpen mit dem ungläubigen Staunen eines afrikanischen Touristen, der zum ersten Mal Schnee sieht. Certains matins, je me vois en Pere Noel (Manchen Morgen sehe ich mich als Weihnachtsmann) offenbart den Grad der Exotik, den westliche Rituale für ihn besitzen. Er inszeniert sich hier inmitten seiner eigenen Klischeevorstellung einer weißen Weihnacht wie in einer kitschigen Grußpostkarte – samt Lichterketten, Kunstschnee und Weihnachtsbäumen.

Wie viele afrikanische Künstler pendelt auch Camara seit einigen Jahren zwischen den Kontinenten. Das Leben zwischen Bamako und Paris hat Spuren in seinem Werk hinterlassen. Im Rahmen der bedeutenden Fotobiennale Rencontres Africaines de la Photographie, die auch ihm zum Durchbruch verhalf, zeigte der Fotograf 2009 seine Serie Les Maliens à Paris. Darin verweist er auf diese neue "Grenz-Identität", so Camara, indem er afrikanische und europäische Elemente miteinander kombiniert. Farbenfrohe Kleidung und traditioneller Schmuck der Malier stehen in dieser Reihe, die von Heimweh und Entfremdung spricht, im harten Kontrast zu den Betonburgen der Pariser Banlieue.

Vertrautes und Fremdes, Vergangenheit und Gegenwart werden in der neuen Serie Souvenirs kunstvoll miteinander verwoben. Camara ließ Freunde und Verwandte mit alten Fotografien ihrer selbst posieren. Sie treiben in kleinen wassergefüllten Plastikbeuteln, wie man sie in Mali zur Erfrischung am Straßenrand kaufen kann. Für ihn symbolisieren diese Erinnerungskapseln die unauflösliche Bindung an die eigene Vergangenheit, an die Jugend, die Heimat und die Familie. Diese Erinnerungen erscheinen als ebenso fragil wie beharrlich – als kostbaren Schatz, der wie ein mittelalterlicher Wanderaltar vor sich hergetragen wird, oder als verdrängte Verlusterfahrung, die wieder sichtbar wird. Die Serie hat einen elegischen Grundton, zeigt etwa eine ältere Frau , die gedankenverloren hinter dem strahlenden Bildnis ihrer Jugend sitzt – Dans ma jeunesse – oder deutet mit dem Bild zweier Männer neben ihrem Foto aus besseren Pariser Zeiten Hoffnungen an, die sich nicht erfüllten – Quand on était a Paris.

Für Mohamed Camara ist das Wandern zwischen den Kontinenten zur zweiten Natur geworden. Dass sich damit auch bei ihm eine unstillbare Sehnsucht verknüpft, offenbart seine Antwort auf die Frage nach seinem aktuellen Wunschprojekt: "Ich würde sehr gerne in zwei unterschiedliche Länder reisen – dies jedoch in einer einzigen Fotografie."




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