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"Die Bedeutung von Kunst wird immer wieder neu produziert…"
Ein Gespräch mit Daniel Birnbaum


Mit Spannung wird die 53. Biennale in Venedig erwartet. Im Mittelpunkt steht die vom Biennale-Direktor Daniel Birnbaum kuratierte Ausstellung "Making Worlds", zu der auch ein Projekt des Architektur-Visionärs Yona Friedman gehört. Oliver Koerner von Gustorf hat sich mit Daniel Birnbaum kurz vor der Eröffnung unterhalten.


Eigentlich hätte er jeden Grund gestresst zu sein. In knapp zwei Wochen eröffnet die von ihm geleitete Biennale in Venedig, neben der documenta die wohl wichtigste Kunstausstellung der Welt. Doch Daniel Birnbaum wirkt erstaunlich gelassen. Das liegt wohl an seiner jahrelangen Erfahrung – auch mit Venedig. Bereits 2003 war er hier Co-Kurator der internationalen Sektion der Biennale. Der 1963 geborene Schwede, Rektor der Frankfurter Städelschule und Direktor des Portikus gilt als einer der einflussreichsten Protagonisten der internationalen Kunstszene. Mit seiner Ausstellung Fare Mondi/Making Worlds lenkt er auf der diesjährigen Biennale den Blick auf das Prozesshafte, Im-Entstehen-Begriffene, Interdisziplinäre in der Kunst von den sechziger Jahren bis in die ganz aktuelle Gegenwart.

Dazu gehört auch The Ville Spatiale – Visualisation of an Idea, das Projekt des Architektur-Visionärs Yona Friedman. In einem der hohen Räume des Arsenale hat der 1923 in Budapest geborene Stadtplaner gemeinsam mit Studenten eine über der Ausstellung schwebende Gitterstruktur aus Drahtseilen installiert, in das die Teilnehmer ihre eigenen Modelle einbauen. Die Materialien sind einfach, die Idee demokratisch: Friedmann knüpft mit der Installation an seine bereits in den fünfziger Jahren entwickelte Ville Spatiale an - eine Art Megastruktur, die sich über bereits bestehenden Städten ausbreitet. Seine Architektur-Utopien haben Friedmann auch zum Kunst-Star gemacht: So wurde er 2002 zur documenta 11 eingeladen, 2003 war er erstmals auf der Biennale in Venedig vertreten. Gemeinsam mit Studenten der Städelschule realisierte er schon 2008 im Frankfurter Portikus eine ortsspezifische Installation, die von der Deutsche Bank Stiftung gefördert wurde. Seine jüngste Arbeit in Venedig setzt diese Zusammenarbeit fort und wird erneut von der Deutschen Bank unterstützt.

Oliver Koerner von Gustorf: Schön, Herr Birnbaum, dass Sie so kurz vor der Eröffnung Zeit für ein Gespräch über Yona Friedman finden. Sie stecken doch mitten im Aufbau-Stress.

Daniel Birnbaum: Allerdings. Aber die Friedman-Arbeit ist tatsächlich schon installiert. Oft wird hier alles in der letzten Woche gemacht, aber das kenne ich bereits. Ich war ja schon einmal bei der Biennale als Kurator dabei. Man könnte wirklich erschrecken, wenn man zehn Tage vor der Eröffnung durch die Räume läuft und in einigen Bereichen noch nichts installiert ist, aber das ist eben so. Hier in Venedig ist alles gerade ein bisschen im Endspurt.

In der diesjährigen Biennale Ausstellung "Making Worlds" wird der Architekt Yona Friedman eine sehr zentrale Rolle spielen. Was macht Friedmans Arbeit so relevant für Sie?

Yona Friedman wird demnächst siebenundachtzig Jahre alt und ist dabei eine Person, für die sich gerade jetzt sehr viele junge Künstler interessieren. Er war bereits in den fünfziger Jahren als Architekt im noch jungen Staat Israel tätig. Aber dann wurde er zunehmend zum Kritiker, Schreiber und Visionär, der ganz entscheidende Ansätze zur Architektur und zur Idee der neuen Städte entwickelte - zur Frage, was in der Zukunft die gebaute Welt überhaupt sein könnte und welche Rolle Technologie und Kommunikation dabei spielen. Eigentlich weiß ich nicht genau, was seine Position in der aktuellen Architekturdiskussion ist, aber in der Kunst ist seine heutige Wirkung extrem deutlich: Olafur Eliasson ist sehr von ihm beeinflusst oder auch jüngere Leute wie etwa Thomas Saraceno, der aus Argentinien stammt und nach Frankfurt kam, um bei dem britischen Architekten Peter Cook an der Städelschule zu studieren.

Es geht also um eine Strömung, die weit über das traditionelle Denken in der Architektur hinausgeht.

Genau. Friedman steht nicht für sich allein. Prägend waren etwa die Gruppe Archigram und Cedric Price, bei denen es wie bei Friedman nicht mehr um Architektur im klassischen Sinne geht, sondern darum, was eine Stadt sein kann, wie man mit neuen, einfachen Materialien bauen kann, oder auch darum, ob ein Baum auch ein Stück Architektur ist. Es sind also sehr weit gefasste Fragen, über die hier diskutiert wurde. Viele der wichtigsten Inspirationsquellen waren Leute, die heute nicht mehr leben. Aber in Friedmans Fall ist das glücklicherweise anders. Obwohl er wirklich ein älterer Herr ist, ist er ein völlig enthusiastischer Mensch, der ausgesprochen gerne mit jungen Leuten arbeitet. Und es war besonders schön zu sehen, wie er das hier in Venedig gemacht hat. Er war nur einige Tage hier, aber er stand mitten drin und die Studenten haben mit ihm zusammen die Installation aufgebaut.

Und dabei ihre eigenen Ideen beigesteuert.

Friedman ist ein anti-totalitärer Architekt par excellence, der den Menschen nicht vorschreiben will, wie sie zu leben haben. Eigentlich ist das schwierig für einen Architekten, der normalerweise einfach ein Haus für jemanden baut. Im Gegensatz dazu entwickelt Friedman eine Art Vokabular, ein Alphabet oder einen Werkzeugkasten, der einem hilft, seine eigenen Vorstellungen zu realisieren.

Er selbst spricht auch von Rezepten.

Genau. Er präsentiert Möglichkeiten in einem demokratischen Geist und unterstützt die Leute dabei, sich selber etwas zusammen zu basteln. Dieses demokratische und selbst bestimmte Vorgehen ist natürlich nicht so einfach umzusetzen in der realen Welt, in der es sich meistens um Häuser und Architekturen handelt, die an sehr einschränkende Planungsvorgaben und ein hohes Maß an Logistik gebunden sind. Aber im experimentellen Umfeld einer Ausstellung kann man da ganz andere Ideen mit sehr viel mehr Eigenständigkeit entwickeln. Und Friedman stößt dann dazu und sagt: "Na, so hätte ich das nun überhaupt nicht gemacht, aber das finde ich sehr schön!" (Lachen) Die zwölf Studenten haben das Projekt also sehr frei umgesetzt.

Kamen alle Teilnehmer aus Frankfurt, wo Yona Friedman ja bereits 2008 im Portikus mit Studenten ein ähnliches Projekt realisiert hat?

Nicht alle, aber einige. Lustigerweise sind viele Italiener darunter. Friedmans enge Mitarbeiterin Hanna Hildebrand kennt viele Leute, selbst hier in Venedig. Die Deutsche Bank unterstützt uns zum Glück, doch trotz dieser Unterstützung wäre solch ein Projekt mit zehn bis zwölf jungen Leuten extrem teuer gewesen. Wir hätten das nicht realisieren können, ohne dass die Studenten wahnsinnig günstig bei Freunden wohnen können. Denn eigentlich war die Installation wegen des Materials und der Infrastruktur sehr aufwendig. Das Projekt wurde also sehr vom Enthusiasmus und Einsatz der Teilnehmer getragen, sie haben einfach für zwei Wochen ihre Träume gelebt und die Installation gemeinsam gebaut. Dabei ist tatsächlich eine Art zweite Etage im Arsenale entstanden, die auch eine Funktion in der Ausstellung erfüllt. Das Arsenale ist zwar monumental, aber auf gewisse Weise auch etwas monoton, wenn man dort oft war - man geht durch diesen lang gezogenen Bau von Raum zu Raum.

Wie hat Friedman darauf regiert?

Durch diese über der Ausstellung schwebende Installation haben Friedman und seine Mitarbeiter eine neue Situation geschaffen, die auch sehr günstig für Kunstwerke ist, die etwas intimere Formate haben. So schaffen wir jetzt einen Raum, der nicht nur ein Friedman-Raum ist, sondern ein Raum voller Assoziationen. Unter seiner Arbeit hängen Werke von der aus Ägypten stammenden Künstlerin Susan Hefuna oder von Carsten Höller, die selbst architektonische Bezüge aufweisen. Das ist eine Sektion mit sehr vielen Beiträgen, die alle auf ganz unterschiedliche Weise mit der Welt von Yona Friedman zu tun haben ohne sie lediglich zu illustrieren. Es ist schön, dass wir gerade in einem der größten Säle des Arsenale diese zweite Etage haben. Man kann dort natürlich nicht hochklettern, aber wir beleuchten das so, dass sie mindestens so wichtig wird, wie die untere Etage.

Friedman, dessen Ideen einer flexiblen Architektur ganz entscheidend den Bau des Centre Pompidou beeinflusst haben, sagte in einem Gespräch mit Hans Ulrich Obrist: "A museum is also an image of the world." Wenn das auch auf ein Projekt wie "Making Worlds" zuträfe, welchen Zustand der Welt bildet diese Ausstellung ab?

Ich würde nicht sagen, dass die Ausstellung versucht, ein Bild der Welt zu zeichnen. Ich denke eher, dass mein Team und ich den Künstlern Räume bieten wollen, wo sie ihre Welten bauen oder gestalten können. Ich glaube, dass dies eine eher konstruktive und optimistische Ausstellung ist - aber nicht naiv, hoffentlich. Es gab zu viele Ausstellungen - und manche davon wurden auch von mir kuratiert - wo es eher um eine melancholische Stimmung ging. Es gab eine Menge Schauen, Bücher und Theorien, die das Ende der Geschichte, das Ende des Subjekts, das Ende der Kunst, das Ende der Malerei thematisierten. Vielleicht ist dies hier eine Ausstellung, in der es gleichermaßen um die jetzige Welt geht wie auch um eine zukünftige Welt, die wir noch nicht kennen.

Ein besonderer Fokus der diesjährigen Biennale liegt auf Künstlern wie Gordon Matta Clark, Yoko Ono, John Baldessari oder Blinky Palermo, die auf ganz unterschiedliche Weise den Kunstbegriff entscheidend erweitert haben. Zugleich wurden diese Positionen in den politisch bewegten Sechzigern und Siebzigern relevant - einer Zeit, in der die Kunst noch nicht zum Massenphänomen geworden war, aber der erweiterte Kunstbegriff Menschen noch auf die Barrikaden trieb und die Öffentlichkeit erregte. Spricht aus diesem Rückblick auch eine Sehnsucht nach einer stärkeren gesellschaftlichen Wirkung der Kunst?

Das kann ich mit einem ganz klaren "ja" beantworten. Wir wissen alle, dass Kunst gerade durch die Medien in den letzten Jahren eine immer größere Öffentlichkeit bekommen hat. Aber sie wurde auch sehr deutlich zu einem Lifestyle-Phänomen, wobei auch gerade der finanzielle Aspekt einen sehr starken Effekt auf die gesamte Kunstwelt hatte. Das ändert sich gerade. Und damit kommt die Frage auf: "Was wird denn jetzt aus der Kunst? Welche Rolle wird sie spielen?" Wir können darauf natürlich nicht mit einer einzigen Ausstellung antworten. Aber wir können an Positionen erinnern, die nicht nur die Hoffnung auf einen gesellschaftlichen und politischen Einfluss der Kunst verkörperten, sondern bei denen das auch tatsächlich funktioniert hat. Ich hoffe, dass diese Positionen nicht lediglich als ein nostalgischer Teil der Ausstellung gesehen werden. Es geht vielmehr darum, dass ein Kunstwerk nicht ein für alle Mal auf eine festgelegte Bedeutung reduziert wird. Diese Bedeutung wird immer wieder neu produziert. Und zwar nicht von Kuratoren, Kunsthistorikern oder Kritikern, sondern hauptsächlich von Künstlern. Auch jemand wie Gordon Matta-Clark, der weiß Gott nicht unbekannt ist und dessen Werke auch heute sehr präsent sind, wird durch nachfolgende Generationen immer wieder neu gelesen. Gerade diese retroaktiven Prozesse sind interessant. Gordon Matta-Clark ist nicht nur für Rirkrit Tiravanija wichtig, sondern Rirkrit Tiravanija auch für Gordon Matta-Clark.




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