An End is A Beginning Deutsche Bank fördert Tomoko
Yoneda-Schau im Hara Museum
 Tomoko
Yoneda, London, September 2008 Foto:
Dominik Gigler
In ihren Arbeiten setzt
sich Tomoko Yoneda mit kollektiven Erinnerungen auseinander. Ob die
japanische Künstlerin ehemalige Schlachtfelder oder verlassene Wohnungen
fotografiert – stets vermitteln Yonedas Arbeiten eine Spannung zwischen
abgebildetem Motiv und seiner Geschichte. Das Hara Museum in Tokio widmet
der in London lebenden Fotografin jetzt die erste umfassende Werkschau.
 Forest
- Location of the Batle of Somme, Delville
Wood, France, 2002, aus: Scene, ©
Tomoko Yoneda, Courtesy Shugo Arts
Eine
erhabene Waldlandschaft, ein sommerlicher Sandstrand mit Badegästen oder
ein Fluss, auf dem ein kleines Boot schippert – die Motive von Tomoko
Yonedas Serie Scene
erscheinen auf den ersten Blick nicht gerade spektakulär. Doch die Titel
fügen den Fotoarbeiten eine Bedeutungsebene hinzu, die auf geschichtliche
und politische Ereignisse verweist und die Bilder gleichzeitig emotional
auflädt. In Forest (Location of the Battle of the Somme, Delville
Wood, France) (2000) zeigt die 1965 geborene Japanerin den Schauplatz
der wohl blutigsten Schlacht des 1. Weltkriegs mit über einer Million
getöteten, verwundeten und vermissten Soldaten. Die verwüstete Landschaft
ist inzwischen von hohen Bäumen bewachsen. Auch am mit Liegetüchern
bedeckten Strand, den sie auf Beach (Location of the D-Day Normandy
Landings, Sword Beach, France), (2002) dokumentiert, erinnert nichts
an die dramatischen Ereignisse am 6. Juni 1944, als dort die alliierten
Truppen landeten. Wo sich einst Soldaten blutige Kämpfe lieferten, liegen
heute Sonnenanbeter auf ihren Handtüchern.
 Wedding
- View of the wedding party on the river that
divides North Korea and China, Dandong, China, 2007, aus:
Scene, ©Tomoko Yoneda, Courtesy
Shugo Arts
Und auch Wedding (View
of the wedding party on the river that divides North Korea and China,
Dandong, China) (2007) zeigt ein brisantes Gebiet. An der Grenze
zwischen Nord Korea und China kommt es häufig zu bewaffneten
Auseinandersetzungen und Fluchtversuchen. Immer wieder lässt Yoneda ein
Spannungsverhältnis zwischen abgebildetem Motiv und einem "Dahinter"
entstehen. Die Titel der Arbeiten funktionieren wie Katalysatoren und
lassen im Kopf des Betrachters neue Bilder entstehen, die den Blick auf
die scheinbar harmlosen Landschaften diametral verändern.
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Lovers, Dunaujvaros (formerly Stalin City)
Hungary, 2004, aus: After the
Thaw, © Tomoko Yoneda, Courtesy
Shugo Arts
Mit Tomoko Yoneda - An End
is A Beginning widmet das Hara
Museum in Tokyo der Fotografin jetzt ihre erste umfassende
Retrospektive. Die von der Deutschen Bank geförderte Schau zeigt rund
fünfzig Arbeiten aus Yonadas wichtigsten Serien: Between
Visible and Invisible, Scene, After
the Thaw und Topographical
Analogy. Als Premiere sind in dem Museum auch die jüngsten
Arbeiten der in London lebenden Künstlerin zu sehen, die 2007 auf der 10.
Istanbul Biennale sowie Robert
Storrs Venedig Biennale-Ausstellung Think
with the Senses - Feel with the Mind vertreten war.
 Freud's
Glasses - Viewing a text by Jung II, 1998, aus:
Between Visible and Invisible, ©
Tomoko Yoneda, Courtesy Shugo Arts
Die
Schwarz-Weiß-Bilder von Between Visible and Invisible
entstanden 1999 bis 2003. Sie zeigen vorwiegend Texte oder Briefe
einflussreicher Schriftsteller, Architekten, Wissenschaftler oder
Politiker des zwanzigsten Jahrhunderts – Joyce,
Gandhi, Tanizaki,
Le
Corbusier. Durch Brillen, die diesen Geisteshelden einst gehörten,
blickt Yonedas Kamera auf ein Werk, das für diese Männer von zentraler
Bedeutung war. Nur der Teil, den man durch die Brille sieht, ist dabei zu
lesen. Der Rest verschwimmt in Unschärfe. Le Corbusier's Glasses -
Viewing L'Habitation Moderne, his plan for a new architectual vision of
Paris (2003) zeigt Notizen des Franzosen zu einem der wichtigsten
Projekte der Architekturmoderne. In Freud's Glasses - Viewing a text by
Jung II blickt der Begründer der Psychoanalyse auf ein Essay seines
Fachkollegen C. G.
Jung (2003), mit dem ihm ein konfliktreiches Verhältnis verband. Auch
diese Arbeit spielt auf die Geschichte des 20. Jahrhundert an: Während Freud
nach dem Einmarsch der deutschen Truppen in Österreich 1938 nach London
emigrierte, ist Jungs Rolle in der Zeit des Nationalsozialismus sehr
umstritten. In ihrem Werk setzt sich Yoneda immer wieder mit westlicher
Kultur und Geschichte auseinander. Ihr Interesse daran bewog sie auch, ihr
Fotografie-Studium an der University
of Illinois in Chicago und am Londoner Royal
College of Arts zu absolvieren.
 Sniper
View - View from Christian sniper position overlooking
no man's land, Beirut, 2004, aus:
Scene, © Tomoko Yoneda, Courtesy
Shugo Arts
Between Visible and Invisible
– Zwischen dem Sichtbaren und dem Unsichtbaren – der Titel dieser Serie
scheint programmatisch für das gesamte Werk der Fotografin. Yonedas
Arbeiten verweigern sich jeder eindeutigen Lesart. Es sind Fotografien,
die mit einem Bild einen ganzen Film erzählen können.
Tomoko
Yoneda – An End is A Beginning 12. September – 30. November
2008 Hara Museum, Tokio
Achim Drucks
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