Der Sammler traurig-schöner Geschichten Eine
Begegnung mit T.J. Wilcox in New York
Marie
Antoinette, Marlene Dietrich oder Jackie Kennedy – die Protagonistinnen
der Collagen und Filme von T.J. Wilcox sind Berühmtheiten aus Geschichte
und Pop-Kultur. Und auch Kaiserin Elisabeth von Österreich, die Heldin
seiner Arbeiten in der Sammlung Deutsche Bank, wurde als unglückliche
Kaiserin Sissi zur Ikone. Wilcox` hyperästhetische Hommagen an die Diven
von damals changieren zwischen geschichtlicher Wahrheit und purer
Illusion. Daniel Schreiber hat den Künstler in New York getroffen.
 T.J.
Wilcox, ohne Titel (Sissi back), 2007, © Courtesy Galerie Daniel
Buchholz,Cologne/Berlin, Sammlung
Deutsche Bank
Thomas
John Wilcox, genannt T.J., ist ein Dandy. Nicht im affektierten Sinne
eines Oscar Wilde,
sondern eher wie dessen postmodernes Pendant. Man stelle sich, frei nach F.
Scott Fitzgerald, einen zeitgenössischen Great
Gatsby aus der Kunstwelt vor. Als wir uns Ende August an einem
sonnigen Manhattan-Morgen in der Galerie Metro
Pictures in Chelsea treffen, erzählt er unprätentiös und genussvoll
von seiner faszinierenden Karriere und von seinem Sommerhaus an der
Atlantikküste in Orient Point, einem verschlafenen Ort auf der
nordöstlichen Spitze ganz am Ende von Long Island. Braungebrannt. Mit
modischem Dreitagebart und weit geöffnetem Hemd. In strahlendem Ralph-Lauren-Weiß.
 T.J.
Wilcox, Fotografie aus dem Film
"The Escape (of Marie Antoinette)", 1996 Courtesy
of the Artist and Metro Pictures
Der
42jährige Film- und Collagekünstler steckte noch in seinen Kinderschuhen
im amerikanischen Seattle, als die Clique um Jasper
Johns das damals dünn besiedelte Montauk am gegenüberliegenden
südöstlichen Zipfel der Halbinsel für die New Yorker Bohème erschloss.
Heute ist Wilcoxs sommerliche Wahlheimat auf dem besten Weg genauso
legendär zu werden. "Orient Point ist inzwischen eine Art
Künstlerkolonie," berichtet er. "Meine Freundin Elizabeth
Peyton wohnt dort. Jorge
Pardo, Laura Owens
oder Kelley
Walker. Cindy
Sherman trifft man beim Fahrradfahren. All die Menschen, die wir
kennen und mögen, kommen oft dorthin im Sommer."
 T.
J. Wilcox, Escape of Marie Antoinette, 2006 Courtesy
of the Artist and Metro Pictures
Wer
einmal eine Wilcox-Arbeit, The Escape (of Marie Antoinette) (1996)
oder The Funeral of Marlene Dietrich (1999) zum Beispiel, gesehen
hat, wird eine nachdrückliche Sehnsucht, eine sanfte Traurigkeit nicht
mehr los. Seine handgefertigten Filme und Collagen sind aufgeladen mit
einem nostalgischen Charme, der die Grundstrukturen unserer Fantasie
bloßlegt. Durchaus mit einem Sinn fürs Idiosynkratische vereinen sie eine
Ästhetik des Selbstgemachten mit hollywoodeskem Glamour. In seinem
12-minütigen Film über die französische Königin etwa, die von den Jakobinern
so rabiat hingerichtet wurde, verarbeitete Wilcox Zeichnungen von Marie
Antoinettes Kutsche aus dem 18. Jahrhundert, historischen Aufnahmen
einer Prozession ums Notre Dame der Jahrhundertwende, kurze Szenen aus
amerikanischen Melodramen der 1950er und nicht zuletzt Bilder von der
Laufsteg-Performance eines Galliano-Models
aus den frühen 1990ern. Vereint durch die Untertitel, in denen Wilcox die
Geschichte der frühen Luxusikone neu erfindet,ergeben diese
unzusammenhängenden Bilder plötzlich einen Sinn: Marie Antoinette lebt
weiter, meint der Film zu sagen – in jeder verletzten Diva, in jeder
unserer Schwächen für Haute Couture. Deshalb rettet ihr der Künstler auch
das Leben. Die Königin, deren Flucht bekannter Weise daran scheiterte,
dass ihre Pferdekutsche so pompös geschmückt war, dass sie von den
revolutionären Spähtrupps sofort ausgemacht werden konnte, bringt sich bei
Wilcox in Sicherheit.
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T.J. Wilcox Das
Begräbnis der Marlene Dietrich , 1999 Courtesy
of the Artist and Metro Pictures
 T.J.
Wilcox Fotografie aus dem Film
"The Funeral of Marlene Dietrich", 1999 Courtesy
of the Artist and Metro Pictures
Einen
ähnlichen Dienst erwies Wilcox auch Marlene
Dietrich, jener deutschen Ikone des Glamours. Mit ebenso zusammen
gewürfelten Filmbildern von Staatsbegräbnissen, Marlene-Fotos und Pariser
Stadtaufnahmen schenkt der Künstler der Diva das gloriose Begräbnis, das
diese sich immer erträumt hatte. Hier folgt eine Prozession von Reportern,
Fotografen und schwulen Fans ihrem Sarg durch die unter
Kirchenglockengeläut erbebende französische Hauptstadt, in der kein
Hotelzimmer mehr zu finden ist. Begraben wird die Ikone ganz bescheiden in
"einem einfachen schwarzen Kleid von Balenciaga".
"Figuren wie Marie Antoinette und Dietrich sterben nie", erklärt Wilcox
schmunzelnd, "sondern werden Teil einer kollektiven Mythologie. Sie haben
bewusst das Alltägliche transzendiert und uns damit etwas gegeben, das wir
alle brauchen, um zu leben. In diesem Sinne stellen sie ein fantastisches
Sinnbild des Kunst-Machens dar. Man könnte sogar sagen, sie waren
Performancekünstlerinnen." Objekte von Wilcox’ jüngeren filmischen
Obsessionen mit tragischen Divenfiguren waren Sissi,
die österreichische Kaiserin; Comtesse
de Castiglione, bekannt als die schönste Französin des 19.
Jahrhunderts; Jacqueline
Kennedy-Onassis und Mick Jaggers
Ex-Frau, das Model Jerry
Hall.
 T.J.
Wilcox, Rapture (Jerry, Cherries in the Snow), 2007 Courtesy
of the Artist and Metro Pictures
Seine
Leidenschaft für die europäische Geschichte, große Diven und realistische
Romane entwickelte Wilcox schon im frühen Alter in seinem Heimatort an der
verregneten Westküste Amerikas. "Viele sprechen von Seattle als einer
Stadt am Rande der Welt. Es ist einer der letzten Orte, der von den
Europäern besiedelt wurde. Durch das Lesen von Geschichtsbüchern und
Romanen begann ich, über andere Orte nachzudenken. Jedes Buch über Europa
habe ich wie den Teil einer Schatzsuche behandelt, um die Lücken in meiner
Welt zu füllen", erinnert sich der Künstler. Von daher kam es nicht
überraschend, dass er schon mit 14 und später noch einmal mit 17 als
Austauschschüler nach Frankreich ging, um in Dijon Französisch zu lernen,
seine Europhilie zu befriedigen und ungestört Partys zu feiern. 1988 zog
Wilcox nach New York, um an der School
of Visual Arts zu studieren. Er teilte sich eine Wohnung mit der
späteren Porträtmalerin Elizabeth Peyton im damals noch heruntergekommenen
East Village, wo sich Junkies und Obdachlose die Klinken in die Hand
gaben. Nach dem Studium nahm er eine Assistentenstelle bei der
französischen Kunstsammlerfamilie Wildenstein
an und kaufte sich eine billige Wohnung am Union Square. Nach drei
Exil-Jahren am Arts Center im
kalifornischen Pasadena, wo er unter anderem bei Mike
Kelly studierte, zog er zurück nach New York, wo er The Escape
(of Marie Antoinette) produzierte und in der Galerie von Gavin
Brown ausstellte. "Dann ging alles ganz schnell", wie Wilcox
berichtet. Der Film wurde 1998 in die New Yorker Whitney
Biennale aufgenommen und machte ihn schlagartig zu einem Markennamen
in der Kunstwelt.
 T.
J. Wilcox Comtesse de Castiglione, 2005 Courtesy
of the Artist and Metro Pictures
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