Und doch: Ein Thema gäbe es, das sich durch diesen „Film“
ziehe, durch viele seiner Werke in letzter Zeit: Schwänze. Er sagt es ganz
ernst, so wie andere Künstler von der Reprivatisierung der Erinnerung
reden, von Körperpolitiken oder von post-figurativen Malstrategien. Tam
Ochiai redet von Schwänzen, buschigen, getigerten, wedelnden Schwänzen,
vom schwarzweiß gestreiften Schwanz des Stinktieres, vom Geigenkasten, den
das Mädchen in seinem „Film“ auf dem Rücken trage, und wie sehr dieser
Geigenkasten ihn an einen Schwanz erinnere. „Ich liebe das Überflüssige,
Dinge, die man nicht wirklich braucht“, sagt er und für einen Moment
scheint all die Müdigkeit verflogen. Tam Ochiai strahlt jetzt: „Wie dieser
kleine kratzende Ton hier in der Musik, eigentlich ist er völlig
überflüssig. Für mich ist er das wichtigste in diesem Stück. Oder der
August! Niemand braucht den August, nichts Wichtiges passiert, alle haben
frei und lungern rum, aber für mich ist er der entscheidende Monat.“ Er
steht auf und kommt mit einem Kalender zurück, auf dem er jeden Augusttag
- und nichts als Augusttage - bis ins Jahr 2049 aufgelistet hat. „Auch
Schwänze sind so: Zur Not kann man sie, wie bei Hunden abschneiden. Sie
sind nicht wirklich wichtig“, sagt er und legt sich einen Schwanz aus Ton
auf den Schoß, eine Edition, die er für seine letzte
Ausstellung in Tokio gemacht hat. „Tail Tale hieß sie“, sagt er leise -
„Schwanz Geschichte“.
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Tam Ochiai in seinem Studio,
Foto: Adam Broomberg & Oliver Chanarin
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Tam Ochiais Poesiealben-Psychedelik wirkt: Je länger man
seinen sparsamen Ausführungen lauscht, desto mehr fühlt man sich, als
würde man in einem seiner Bilder schlafwandeln. Entrückt und aus der Zeit
gefallen, wie eine der Kindfrauen, die mit melancholischen Blicken von
seinen Gemälden herunterschauen – wenn sie nicht gerade in Ohnmacht fallen.
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Tam Ochiai, 2005,
Foto: Adam Broomberg & Oliver Chanarin
Würde es jetzt Katzen von seiner Atelierdecke regnen, man wäre nur noch
mäßig überrascht. Katzen, sagt er, seien auch die Helden in seinem ersten
Buch, das ebenfalls „Tail Tale“ heiße und bis jetzt nur auf Japanisch
vorliege.Es gehe um zwei befreundete Katzen, die sich in einem Café mit
Eclairs, Gugelhupf, Schokoladen-Croissants, Schwarzwälder-Kirschtorten,
und ähnlich „Überflüssigem“ voll stopfen, während sie die aktuelle
Schwanzmode diskutieren. „So, what´s the fashionable tail this season?“
sei die zentrale Frage und die akribischen Farbbeschreibungen nicht nur
der jeweiligen Schwanztrends würden aus all den Wörtern eine Art Gemälde
machen.
Einen knappen Liter
Entre-Deux-Mére später, in seiner Stammkneipe Pink Pony, in der ihn die
Kellner weder zu kennen noch zu verstehen scheinen, sitzt er schweigend da
und schaut auf die Menschen, die sich gegenseitig versichern, heute wieder
besonders großartig auszusehen. Ein wenig fühle er sich wie Kafka, sagt er
ganz unvermittelt: „Ist es nicht verrückt in Prag zu leben und Deutsch zu
sprechen?“ Tam Ochiai ist jetzt noch leiser geworden, er guckt und
schweigt, bis er plötzlich hochfährt: „Dieses Shirt da vorne“, er zeigt
auf einen Jungen, der sich gerade setzt, „it makes me wanna go home and
paint. Sieh nur, wie sich die weiß-blauen Streifen gegen den braunen
Pullover des Mädchens hinter ihm absetzten“. Draußen, die Rechnung ist
beglichen, zieht es ihn doch in die entgegengesetzte Richtung. Die
Langeweile vor seinem Ausbruch scheint noch nicht groß genug gewesen zu
sein, das Atelier muss warten. Laufen wolle er jetzt, einfach nur laufen.
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