Julie Mehretus barocker Blick zurück
Cay Sophie Rabinowitz folgt den inneren Welten der in New York lebenden
Malerin Julie Mehretu und entdeckt in ihrem Werk eine zeitgenössische
Neudefinition des Barock.

Julie Mehertu, 2005, Foto: Peter Rad
Julie Mehretus Gemälde und Zeichnungen sind vielschichtige Kompositionen.
In ihrem Werk stellt die in New York lebende äthiopische Künstlerin am
Computer generierte Architekturmodelle, gestische Zeichen und farbige
geometrische Formen einander gegenüber. Auf diese Weise versucht sie,
unterschiedliche Erfahrungen kultureller Aneignung und Ermächtigung zu
vermitteln, die - teils als Fakt, teils als Fiktion - ebenso von
Geschichte wie auch von kollektiven und persönlichen Träumen geprägt sind.
Inspiriert von Ahnenforschungen in der eigenen Familie, Dokumenten und
archivierten Zeitungsmeldungen, die kulturelle Vermischung, Migration und
Krieg thematisieren, wirft Mehretu einen Blick in die Zukunft. Sie
entwirft eine Vision von dem was möglich wäre, wenn Individuen und Massen
jene Strukturen gestalten und bestimmen könnten, die sie leiten, schützen
und ästhetisch prägen.(Dazu
hier ein Interview mit der Künstlerin)
Auf den ersten Blick
scheinen Mehretus Abstraktionen auf eine offensichtliche Affinität zum
"automatischen Zeichnen" der Surrealisten hinzudeuten, bei dem die
unbewussten Gesten Aufschluss über die verborgenen Eigenheiten der
menschlichen Persönlichkeit offenbaren sollten. Die Gesten, Figuren und
Formen in Mehretus Gemälden sind in sich geschlossene Konstruktionen. Als
Zeichen entwickeln sie sich intuitiv, aus einer psycho-geographischen
Erfahrung heraus, so dass jede kleinste gestische Veränderung zugleich
auch unmittelbare Auswirkung auf das hat, was sie repräsentieren sollen.
Wie bei einem Hologramm sind die leuchtend strukturierten Details in
Mehretus Bildern durch mehrdimensionale Vielschichtigkeit charakterisiert
und vermitteln eine räumliche Tiefe und Komplexität, die sich der
gradlinigen Erzählweise und der Festlegung auf eindeutige Perspektiven
verweigert. In ihrer Annäherung an die Kultur verbindet Mehretu
linguistische, psychologische und historische Herangehensweisen, wodurch
ein ganz zeitgenössisches Œuvre entsteht, das zugleich auch durch barocke
Merkmale gekennzeichnet ist.

Julie Mehretu in ihrem Studio, 2005, Foto: Peter Rad
Der Begriff des Barock ist häufig zur stilistischen Bestimmung der von
extravaganter Künstlichkeit und Ornamentierung geprägten Periode in der
europäischen Kunst und Literatur der
Nachrenaissance und
Gegenreformation verwendet worden. In jüngster Zeit beschreibt man damit
bestimmte Beispiele kulturellen "Andersseins. Im Rahmen dieses Diskurses
und im Hinblick auf Mehretus Werk, bezeichnet die Trope "barock" weniger
die europäische hegemoniale Auffassung des historischen Zeitalters des
Barock, sondern komplexe ethnische und künstlerische Mischformen, die sich
in der Gegenwartskultur entwickelt haben. In seiner idiosynkratischen
Ausprägung ist dieser zeitgenössische Barock emanzipatorisch und bezieht
die Einflüsse unterschiedlicher Kulturen mit ein.
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Mehretus Projekt mag mit dem religiösen Eifer der
Gegenreformation unvereinbar erscheinen, aber geschichtlich war der Barock
zugleich eine Periode substanziellen kulturellen Wandels, der die
Vorstellung vom Subjekt radikal veränderte. Es war eine Epoche, die von
Leidenschaftlichkeit bestimmt wurde, in der es darum ging, künstlerisches
Material wie etwa Farbe, Marmor, Sprache, Stoff, oder Fleisch in Zeichen
des Gefühls zu verwandeln - ein Zeitalter der kunstvoll behandelten
Oberflächen, die mit verschiedensten, sogar widersprüchlichen Bedeutungen
aufgeladen wurden. In diesem Sinne loten Mehretus Arbeiten den Barock aus,
ob sie sich ihm nun widersetzen, ihn heraufbeschwören oder ihn in neue
Zusammenhänge stellen.
Als Bestandteil
der auf Mehertus Bildern dargestellten Beziehungen zwischen Individuen und
Gemeinschaften tauchen immer wieder amorphe Zeichen und Flecken auf, die
"Charaktere bezeichnen, die gesellschaftlich verkehren, sozialisieren und
in Kontakt kommen", wie es die Künstlerin ausdrückt. Diese "Charaktere",
die Mehretu auch "urbane Kämpfer" nennt, bevölkern den Bildraum nicht nur,
vielmehr prägen und formen sie ihn. In ständiger Veränderung begriffen,
erschaffen sie Architektur und setzen sich gleichzeitig in Beziehung zu
ihr. Sie versammeln sich, gehen oder marschieren durch Wände und
durchdringen Grundmauern. Unheimlicherweise werden dadurch die
gezeichneten architektonischen Konstruktionen nie demontiert oder
zerstört; vielmehr finden sich die Strukturen wieder zusammen,
verschmelzen miteinander oder können, unter dem Einfluss der Figuren,
zeitweilig sogar andere Formen annehmen.

Looking Back to a Bright New Future, 2003, (c) Courtesy carlier | gebauer
In dem Gemälde Looking Back to a Bright New Future (2003) bilden
Zeichnungen von Gebäudeensembles wie Arenen, öffentlichen Plätzen und
Verkehrszentren die Grundlage des Bildes, aber diese Bauten begrenzen oder
beschränken die anderen Elemente des Werks nicht. Die Technik, die Mehretu
bei diesem Gemälde anwendet, unterscheidet sich in gewissen Aspekten von
ihrem Ansatz bei anderen Arbeiten. Im Zeitraum vor dem Irak- Krieg begann
die Künstlerin, sich mit dem Thema Unabhängigkeit zu beschäftigen. Sie
beschloss, sich das frühere Werk Transcending: The New
International (2003) wieder vorzunehmen, ein großformatiges farbloses
Gemälde mit wirbelnden Schattenzonen und düsteren Formen. Die sich
überlagernden Zeichnungen, die den geschichtlichen Aspekt dieser Arbeit
kennzeichnen, basieren auf modernistischen
Stadtplanungen für afrikanische Städte, die während der
Unabhängigkeitsbewegungen in den fünfziger Jahren entwickelt wurden,
seitdem hinfällig geworden sind und heute nicht mehr funktional erscheinen.
Entscheidend für diese wie auch die darauf folgende Arbeit, Looking
Back to a Bright New Future, ist, dass die meisten dieser Entwürfe
einen "Platz der Unabhängigkeit" vorsahen - ein wichtiges Merkmal einer
afrikanischen Ausprägung des
"International Style". Für Looking Back to a Bright New
Future zeichnete Mehretu die Figurengruppe des Originalbildes nach,
die sich, wie sie sagt, "parallel zur Komposition entwickelte". Als eine
Landkarte von Gemeinden, die die sich mit den Figuren rund um die
Architekturbilder von "Plätzen der Unabhängigkeit" entwickelten, war dies
Mehretus Ausgangsmaterial für Looking Back to a Bright New Future
.

Drawings (new constructions) #11, 2003
Sammlung Deutsche Bank, (c) Courtesy carlier | gebauer
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