Intimität im Großformat: Ein Gespräch mit
Katharina Sieverding
Mit ihren Selbstporträts ist
Katharina Sieverding die Sphinx der Gegenwartskunst. Sie hat auf der
documenta und im deutschen Pavillon zur Biennale in Venedig ausgestellt,
dieses Jahr wurde sie mit dem renommierten Kaiserring der Stadt Goslar
ausgezeichnet. Im E-Mail Interview mit Harald Fricke erklärt die in
Düsseldorf lebende Künstlerin, warum sie seit Jahren an der Auflösung von
Gender-Identitäten arbeitet.

Ohne Titel, 1998 Sammlung Deutsche
Bank
Der Blick ist starr, Blitzlichter und
Lampen spiegeln sich in den Pupillen des immergleichen Gesichts. Nur
Schminke und Haare variieren, manchmal sind die Fotografien auch in rotes
Licht getaucht oder sie erscheinen durch den technischen Kunstgriff der
Solarisation wie im Negativverfahren. Keine Frage, selten war die
Selbstinszenierung einer Künstlerin so perfekt: Hunderte großformatiger
Aufnahmen zeigen nur das eine Image – das frontale Portät der Katharina
Sieverding. Mit ihrer aktuellen Ausstellung
Close Up in den Räumen des
P.S.1/MoMA, New York, entfaltet die 1944 in Prag geborene deutsche
Künstlerin einen Parcours, auf dem sich die Intimität wortwörtlich in der
Face-to-Face-Situation auflöst. Der Betrachter ist umgeben von
Selbstbildnissen, deren einzelne Konturen im Allover der Präsentation zu
einem unentwirrbaren Geflecht verwachsen. Close Up wirkt wie ein
über Jahre angelegtes Fototagebuch, in dem sich das Gesicht von Sieverding
mit der Zeit unmerklich verändert und als Motiv doch stets dasselbe
bleibt. Abweichung und Abstraktion geraten hier in ein Wechselspiel, das
fast physisch greifbar wird: als unentwegte Abfolge von Transformation.

Maton, 1969/97 Sammlung Deutsche Bank
Leben als Moment begreifen und diesen Moment durch die Serie ad absurdum
führen, diese Spannung macht einige Faszination der Arbeiten Sieverdings
aus. Seit 1967 hat sie Fotos und Filme von sich angefertigt, um das dabei
entstehende Bildmaterial in verschiedenen Bilderblöcken zu arrangieren.
Stauffenberg-Block I – XVI von 1969 ist eine Auseinandersetzung
mit der deutschen Vergangenheit, für Maton (1990) hat
Sieverding ihr Konterfei als vieldeutige Projektionsfläche benutzt.
Die Sonne um Mitternacht schauen X/VI (1988) zeigt dagegen das Gesicht mit
Goldstaub bedeckt und von Sonneneruptionen überlagert, womit Sieverding
„den kosmischen Hochofen“ öffnet, wie der Kunstkritiker Rudolf Schmitz
1997 im Katalog der Deutschen Bank geschrieben hat. „Über das Tableau der
vielen ungerührten, aber auch schmelzenden Masken streicht eine lodernde
Flamme.“
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Nachtmensch, 1982
Sammlung Deutsche Bank
Mit diesen rätselhaften,
manchmal kalten, immer aber formal strengen Kompositionen ist Katharina
Sieverding zu einer der bekanntesten Künstlerinnen der Gegenwart geworden.
Schon 1972 hat sie an der documenta V teilgenommen, 1997 war sie im
deutschen Pavillon der Biennale in Venedig vertreten. Im gleichen Jahr war
Sieverding auch Künstlerin des Geschäftsjahres der Deutschen Bank, so dass
ihr die
Deutsche Guggenheim in Berlin mit
Arbeiten auf Pigment eine großen Einzelausstellung widmete. Als sie im
Oktober 2004 mit dem
Kaiserring der Stadt Goslar ausgezeichnet wurde, war die Jury vor allem
davon begeistert, dass Sieverding wie keine zweite Künstlerin eine
„Suchende nach der menschlichen Identität“ ist. Ihre eigene
Körpererfahrung ist bei alledem der Motor geblieben, darin ist Sieverding
auch heute noch ganz und gar den Vorläufern von Performance-Kunst und Body
Art verhaftet.
Harald Fricke: Frau Sieverding, dieses
Jahr wurde
Elfriede Jelinek mit dem
Literaturnobelpreis ausgezeichnet und Sie haben den Kaiserring der Stadt
Goslar erhalten. Ist die Gesellschaft 2004 bereit für starke Frauen?
Katharina Sieverding: Ja, das finde ich auch cool, dass "starke Arbeiten"
in diesen Anerkennungsprozess von Öffentlichkeit geraten. Das produziert
zumindest weitere Fragestellungen.

Geistesleben - Wirtschaftsleben - Rechtsleben, 1993
Sammlung Deutsche Bank
Jelinek hat sich in
ihren Texten mit weiblichen Rollenklischees auseinandergesetzt, Sie
wiederum verunsichern die Wahrnehmung mit überdimensionalen
Selbstporträts. In wie weit sind diese Bilder exemplarisch für die Rolle
von Frauen als Künstlerinnen?
Zumindest habe ich versucht,
in "wiederholten Spiegelungen" eine Life-size-Dimension herzustellen, die
in selbst-konstruierten Bildräumen agiert. Diese Konstruktionen wirken
eher in Bezug auf Traditionen monumentaler männlicher Leitbilder
polarisierend.
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