Isa Genzken: Kunst auf Augenhöhe
Erst vor kurzem wurde es bekannt gegeben: Isa Genzken bespielt 2007 den
von der Deutschen Bank gesponserten Deutschen Pavillon auf der 52.
Biennale von Venedig. In über dreißig Jahren hat die in Berlin lebende
Künstlerin ein äußerst vielgestaltiges Werk geschaffen. Dabei steht
Genzken durchaus in der Tradition der Moderne. Brigitte Werneburg
über eine der wichtigsten deutschen Künstlerinnen.
 Fuck
the Bauhaus, No.4, 2000 Courtesy
Galerie Daniel Buchholz, Köln
Humor,
Verführung, Liebe und Überraschung, darin sieht Isa
Genzken im Gespräch mit Diedrich
Diederichsen, in der gerade bei Phaidon
erschienenen Monographie, die Zukunft der modernen Kunst. Warum fällt auf,
dass sie nicht von zeitgenössischer oder Gegenwartskunst spricht? Mit dem
Adjektiv modern rückt sie die Kunst etwas aus den Begehrlichkeiten des
Hier und Jetzt heraus, aus der Aktualität des Ausstellungs- und
Auktionsbetriebs, und stellt sie in den Kontext des unvollendeten Projekts
der Moderne.
 New
Building for Berlin, 2004 Courtesy
Galerie Daniel Buchholz, Köln
Gleichzeitig bringt sie mit Humor, Verführung, Liebe und Überraschung
Begriffe ins Spiel, die dem Anspruch der Moderne unangemessen scheinen.
Denn nach postmodernem Verständnis gehört die Geschichte der modernen
Kunst in den Kontext der großen Erzählungen – in denen es ja um das Ganze
geht. Um die gesellschaftliche Aufgabe der Kunst, um ästhetisches Handeln
als Waffe im Kampf für eine bessere Zukunft. Um die produktionstechnische
und formale künstlerische Innovation, die die Erneuerung und Veränderung
der Gesellschaft selbst anstrebt. – Ein Ansatz von altmodischem Charme,
wie uns heute scheint, wenig tauglich für die Ansprüche der Zukunft.
 New
Building for Berlin, 2004 Courtesy
Galerie Daniel Buchholz, Köln
Soll er
für die Zukunft wieder fruchtbar gemacht werden, gilt es das Feld der
Moderne selbst noch einmal umzupflügen. Tatsächlich verortet sich Isa
Genzken in der Tradition der Moderne, wenn sie mit den Begriffen Humor,
Verführung, Liebe und Überraschung Ideologiekritik übt, indem sie mit
diesen Begriffen, wie mit Pflugscharen, den von maskulinem Eifer und
maskuliner Strenge all zu fest gewalzten Boden aufbricht.
Das ist
ein radikal anderer Ansatz als der von Hans
Haacke, der nun einer ihrer Vorgänger im Deutschen
Pavillon der Biennale von Venedig
ist. Sehr symbolisch hatte Hans
Haacke 1993 den Boden des deutschen Pavillons zertrümmert, um einer im
Faschismus kompromittierten Moderne ihren Abgrund zu zeigen. Freilich war
dieser Abgrund in der Verklammerung von Hitler-Porträt und D-Mark-Emblem
nicht wirklich tief. Die moderne Kunst hat eben nur dann eine Zukunft,
wenn sie die Angebergesten ad acta legt; die Patentrezepte zur Befreiung
von Kunst und Gesellschaft, wenn sie von der Esoterik der Reinheit
Abschied nimmt. Isa Genzken kritisiert Hans Haacke in ihrem db-artmag-Interview
mit Oliver Koerner von Gustorf zu Recht. Und zu Recht wehrt sie sich gegen
die Erwartung, sie müsse 2007 mit ihrer Arbeit im Deutschen Pavillon die
große Sensation liefern. Weil das vorangegangene Spiel in postmoderner
Unverbindlichkeit enttäuschte.
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Empire / Vampire, Who Kills Death,
22-teilige Serie, 2003 Courtesy
Galerie Daniel Buchholz, Köln
Eindringlich, statt laut, charakterisiert Isa Genzken die Biennale-Arbeit,
die sie besonders wertschätzt: Joseph
Beuys’ Straßenbahnhaltestelle
von 1976 [link]. Sie will sich dem Pavillon von Außen nähern; behutsam,
distanziert, ohne sich sofort in seinem Innern breit zu machen. Führt man
sich, um eine Ahnung von ihrem Ansatz zu erhalten, Isa Genzkens Werk vor
Augen, erkennt man ein durchgängiges und verlässliches Motiv: nämlich ihr
Werk stets auf Augenhöhe zu verhandeln. Nirgendwo in ihrem Werk findet
sich ein Überwältigungsgestus, so wenig wie ein allzu schnelles
Entgegenkommen. Isa Genzkens Wunsch, der kunstinteressierten
Öffentlichkeit auf Augenhöhe zu begegnen, zieht sich wie ein Ariadnefaden
durch ihr ebenso umfang- wie überraschungsreiches, weitläufiges Werk, das
Skulptur, Fotografie, Film, Video, Arbeiten auf Papier und Leinwand,
Collagen und Bücher umfasst.
 Empire
/ Vampire, Who Kills Death, 22-teilige Serie, 2003 Courtesy
Galerie Daniel Buchholz, Köln
Ihr Wunsch
ist keine metaphorische Angelegenheit. Ob es sich um ihre Gipsarbeiten von
1984 handelt oder die rohen Betonarchitekturen, die sie ab 1986
anfertigte, bis hin zu ihrer ab 2003 entstandenen Serie Empire/Vampire,
Who Kills Death: Stets setzt Isa Genzken ihre Skulpturen auf einen
Sockel, der sie auf Augenhöhe des Betrachters hebt. Auch ihre Fenster-Arbeiten,
ihre Säulenskulpturen, ihre Fotoarbeiten etwa der Hi-Fi-Anlagen (1979),
die sie durch ihre World Receiver aus Beton (1987-92) ergänzte, vor
allem aber ihre Arbeiten mit Spiegeln und spiegelnden Oberflächen, rechnen
mit dem aufrechten Gang des Betrachters, der mit ihnen in Kontakt tritt.
 Weltempfänger,
1992 Courtesy Galerie Daniel
Buchholz, Köln
Isa Genzken scheut sich
also nicht, in einer Geste kommunikativer, künstlerischer Vernunft eine
Einladung an den Betrachter auszusprechen, sich mit ihren Arbeiten und
deren komplexer Form auseinander zu setzen. Es handelt sich um eine
durchaus überraschende Geste; eine verführerische, eine liebevolle und vor
allem eine nachhaltige Geste, weil sie dem Werk in keiner Weise äußerlich
ist.
 Deutsche
Bank Proposal, 2000 Installationsansicht:
AC Project Room, New York 2000 Courtesy
Neugerriemschneider, Berlin
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