In dieser Ausgabe:
>> Interview Jennie C. Jones
>> Essay Isa Genzken

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Natürlich, betrachtet man etwa ihre Betonarchitekturen, liegt es zunächst nahe, Genzkens Skulpturen als Auseinandersetzung mit dem Material, mit der Geometrie der Körper, mit kunstinternen Referenzen und Anschlüssen wahrzunehmen. Also als eine kunstimmanente Auseinandersetzung, die im Fall ihrer Fenster-Skulpturen vom Verhältnis von Innen und Außen handelt, von Silhouette und Binnenstruktur, von der Transparenz des Materials wie seiner opaken Textur im Verhältnis zur lichtdurchfluteten Öffnung. Doch bei genauerem Hinsehen findet sich stets eine externe Dimension, die zeigt, dass es nicht um das autonome Kunstobjekt geht.



"Window", 1990
Courtesy Galerie Daniel Buchholz, Köln

Als Isa Genzken erstmals 1998 die Serie von Schwarzweißfotografien aus dem Spiegel umlaufend an den Wänden der Berliner INIT-Kunsthalle angebracht hatte, war einerseits eine ganz klassisch modernistische Hängung zu sehen. Andererseits saß aber das schmale, dunkle Fotoband ganz unverschämt wie ein Tattoo auf der weißen Haut des Raums. Wie ruiniert man den White Cube, dieses unentrinnbare Verhängnis der zeitgenössischen, modernen Kunst? Indem man ihn noch einmal in all seiner Pracht zeigt, die er selbst sogar in einem aufgegebenen Supermarkt noch besitzt?



"Picture", 1989
Courtesy Galerie Daniel Buchholz, Köln

Historisch gesehen wurden die Wände ja in den 20er Jahren weiß, zeitgleich mit dem Siegeszug der Magazinfotografie, die Genzken mit dem Spiegel zitiert. In den damaligen Zeitschriftenfotos sah die moderne Architektur samt ihrem spartanischen Wohnambiente extrem gut aus. So gut wie die schneebedeckten Alpen, die just zu dieser Zeit ebenfalls ihren großen Hype hatten und die Massen in die Kinos zogen: Weiß, das war und ist erhaben und doch profan. Die schneebedeckten Gipfel sind ein Mythos, was allerdings niemanden daran hindert, auf Skiern auf ihnen herum zu rutschen. Weiß ist sublim, rein. In den Sixties lässt sich dann ein Barnett Newman ("The Sublime is Now") drauf hängen, neben dem man trotzdem wohnen und – zumindest damals – mit Sicherheit noch rauchen durfte. Das hat seine überraschende Komik.


Während man also Ende der Neunziger bei INIT gerade erst über die formale, kunstimmanente Anlage von Isa Genzkens Kunst-Hallen-Display meditierte, war man doch schon mittendrin, in einer viel komplexeren Wahrnehmung, die ihr Werk zuverlässig anstößt, und die sich mit dem alten Doors-Song paraphrasieren lässt: "Break on through to the other side".



Installationsansicht: A Variation in the Kunsthalle Zürich, 2003
Isa Genzken: Sience Fiction / Hier und Jetzt Zufrieden Sein; Wolfgang Tillmans: Blautoppf, Landscape
Courtesy Galerie Daniel Buchholz, Köln


Sehr klar ist sie in ihrer Spiegel-Installation Science Fiction/Hier und jetzt zufrieden sein (2003) realisiert, die in Zusammenarbeit mit Wolfgang Tillmans entstand und die den Betrachter aus dem Museum in einen abgerockten Clubraum hinein- und ihn aus diesem wieder ins Museum zurückspiegelt. Eine melancholische Bewegung, die nicht ohne Komik ist. Diese Komik - ohne jede Ironie - zeichnet auch Isa Genzkens Empire/Vampire, Who Kills Death-Serie aus, sofern man zunächst eine Ansammlung monströser Geburtstagstorten zu sehen glaubt.



Empire / Vampire, Who Kills Death, Installationsansicht, 2003
Courtesy Galerie Daniel Buchholz, Köln


Sie sind weit entfernt von der Sensibilität einer elitären Kunst- und Selbstwahrnehmung. Das liegt an den billigen, farbenfrohen Industrieprodukten, dem Plastikkitsch, den Sag-mir-wo-die-Blumen-sind-Arrangements samt Spielzeugpanzer und –soldaten, die Isa Genzken in diesen Skulpturen gegen teures Glas und kostspielige Architekturfolien setzt, die sie sorgfältig von Hand in Form bringt. Aber auch hier findet man sich in dem Moment, in dem einen die flirrende Leichtigkeit und Beweglichkeit des Materials wie der Konstruktion gefangen nimmt, auf der anderen Seite wieder. Im Modell eines Filmsets, der – nein, nicht gleich die Apokalypse – sondern nur einige verdrängt gesellschaftliche Widersprüche ins Blickfeld rückt. Denn, so Isa Genzken im Gespräch mit Diedrich Diederichsen, der Begriff modern bedeute für sie noch immer Fortschritt, in sozialer wie ästhetischer Hinsicht. Sie plädiert freilich für eine Vielfalt der Ansätze. Ihre Empire/Vampire-Filmsets stellen einen dieser Ansätze dar, sofern sie darauf aufmerksam machen, wie sich die globale Massenproduktion (von billiger Schönheit, billigen Jobs, billigen Produkten wie billigen Soldaten) auf der nur vermeintlich transparenten Folie exklusiver Planungsstrategien vollzieht.

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