You make me feel like 100 Billie Holiday Songs: Ein
Gespräch mit Jennie C. Jones
In ihren
minimalistischen Zeichnungen lotet Jennie C. Jones die Grenzen zwischen
Musik, Theorie, Geschichte und Kunst aus und untersucht zugleich,
inwiefern afroamerikanische Kultur die Vorstellungen von Modernität
geprägt hat. Erst jüngst waren ihre Arbeiten in der Lobby Gallery der
Deutschen Bank in New York in der Ausstellung
pa.per.ing zu sehen und wurden für die Unternehmenssammlung angekauft.
Oliver Koerner von Gustorf hat Jennie C. Jones in ihrem Brooklyner Studio
getroffen.
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Jennie C. Jones, Foto: Jennie C. Jones
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Transposed Blue/Cool - for Miles and Juliette, Record
and Listen in Yellow and Brown, You Make me feel like 100 Billie Holiday
Songs, das sind die Titel von
Jennie C. Jones' Zeichnungen und Sound-Installationen. Sie sei eine
"Audiophile mit etwas exzentrischem Geschmack", sagt die 38-jährige über
sich und meint damit ihre Liebe zum
Jazz. Sie zeichnet die Musik, collagiert sie, setzt sie in Architekturen
um, erhebt das Musikhören zur konzeptionellen Praxis, transformiert
Stereoanlagen und Plattenspieler in Skulpturen.

Composition for Playback in Brown & Magenta No 2, 2006,
Sammlung Deutsche Bank
Auf den ersten Blick
gleichen ihre kleinformatigen Bilder abstrakten Kompositionen, die an den
russischen Konstruktivismus und Bauhaus denken lassen – an
Kasimir Malewitsch oder
Josef Albers. Doch dann entpuppen sich die Linien, die aus Quadraten und
Rechtecken herauswachsen oder sich miteinander verbinden, als
mikroskopisch feine Kabel und Mikrophone – das Ganze fügt sich zu einem
abstrakten Soundsystem zusammen.
Bereits ihre Arbeit
Homage to an Unknown Suburban Black Girl war eines der heimlichen
Highlights von
Freestyle im Studio Museum
in Harlem 2001, schrieb Holland Cotter, Kunstrezensent der New York Times,
in seiner
Besprechung von Jones erster Einzelausstellung Simply Because You’re
Near Me im New Yorker Artists
Space 2006 – "doch jetzt sind ihre Werke noch subtiler geworden".
Jones aktuelle Arbeiten sind elektrisierend, voller komplexer Rhythmen und
Gegenrhythmen – wie die Stücke von
Miles Davis, die während unseres Gespräches durch ihr Atelier hallen.
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Installation Artists Space, New York 2006,
Courtesy Jennie C. Jones
Oliver Koerner von
Gustorf: Wie sind Sie der Jazz-Musik zum ersten Mal begegnet?
Jennie C. Jones: Durch meine Mutter, durch ihren Musikgeschmack. Bei uns
zu Hause lief andauernd Jazz, aber natürlich habe ich mich zuerst nicht
besonders für diese tollen Platten interessiert. Das begann erst später,
als ich etwas älter war. Als Jugendliche willst du dir natürlich nie die
Platten deiner Eltern anhören. Erst wenn du älter bist, kapierst du, was
das für großartige Musik ist. Das waren Sachen, die andere Arten von Musik
beeinflusst haben, auch das, was ich selbst einmal gehört hatte.
Wodurch haben Sie dann zum Jazz zurückgefunden?
Diese Musik
war ja immer präsent. Vielleicht auch dadurch, dass ich mich ihr von einer
akademischen Seite angenähert habe. Mir wurde bewusst, dass sie immer lief
während ich arbeitete. Sie wurde sozusagen der Soundtrack zu meiner Arbeit
im Studio, um dann Bestandteil meiner Werke zu werden.
Wann
haben Sie begonnen, sich künstlerisch mit Jazz auseinander zu setzten?
Vor ungefähr fünf Jahren. Es war tatsächlich wie eine Erleuchtung, dieser
Augenblick, als ich gerade
The Modern Jazz Quartet hörte und ich mich dazu entschied, wieder mit
Papier zu arbeiten, wieder ganz von vorne anzufangen, zum zeichnerischen
Ausdruck zurück zu kehren. Denn ich hatte oft das Gefühl, dass ich bei
meiner Ausbildung in der Akademie ständig auf der Stelle trat. Manchmal
ist es einfach so: je mehr du liest, desto weniger arbeitest du.
Waren Ihre früheren konzeptuellen Arbeiten schon mit dem Thema Musik
verbunden?
Ich wollte zu den frühen Einflüssen schwarzer Kultur
auf die Musikgeschichte zurückkehren, und dann wurden mir plötzlich diese
ganzen Parallelen bewusst. Es gibt endlos viele Momente, in denen sich
Musik und Kunst mit den gleichen Themen auseinandergesetzt haben, aber die
Diskurse über diese beiden Genres verliefen völlig getrennt voneinander
ab. Einer setzte sich mit
Schwarzer Geschichte, der andere mit
Kunstgeschichte auseinander. Aber ich sah immer diese erstaunlichen
Parallelen in den Ideologien beider Disziplinen, besonders was Jazz und
Abstraktion betrifft. Der Konzeptualismus erlaubt es diesen
unterschiedlichen Medien, einen gemeinsamen Raum zu besetzen.
Können Sie mir mehr zu den Gemeinsamkeiten zwischen Schwarzer Musik und
Modernistischer Kunst sagen?
Was mich zuerst interessiert hat
war Bebop
, den ja die meisten Historiker ganz einfach als "moderne Musik" bezeichnen.
Das hat mich sehr stark berührt – endlich hatte ich das Gefühl, abstrakt
arbeiten zu dürfen, und dennoch konnte ich mich dabei weiterhin im Rahmen
der, wenn ich das mal so sagen darf, "Identitätspolitik" bewegen. Ich
merkte, dass hier eine ganz tolle Tradition existiert, die viele
verschiedene Ebenen besitzt. Es gibt eine komplette, total verrückte Form
der Abstraktion in der schwarzen Kultur, die aber nicht in den Museen zu
finden war.
Wie fangen Sie mit Ihren Zeichnungen an?
Zuerst gehe ich auf die Jagd nach Farben. Ich setze mich hin mit einem
Stapel schicker Magazine, denn deren Papierqualität ist einfach viel
besser. Artforum etwa eignet sich
großartig zum Zerschneiden. Sich das einfach nur wegen der Farben
anzuschauen! Ich gehe durch die Seiten und ziehe nur Farben heraus. Die
Serien entstehen, wenn ich eine gewisse Menge einer bestimmten Farbe
zusammen habe. Dabei arbeite ich mit einer limitierten Palette. Ich suche
meistens nach einem bestimmten Rot, nach diesem Maraschino-Kirschen-Rot
das schreit "modernes Rot". Wenn ich meine momentane Farbpalette
beschreiben sollte, dann wären das Rot, Schwarz, ein tiefes
Schokoladenbraun, Tiffany-Blau. Damit fange ich dann an, auf dem Blatt zu
komponieren und darüber nachzudenken, wo die Linie fallen könnte, über das
Gewicht der Linie und wo sie enden könnte.
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